Eine Kirche im Widerstand

Aplerbeck Es gibt Dinge, die man schon tausend Mal betrachtet hat, die sich eingeprägt haben, aber deren besondere Aussage eigentlich niemandem so recht auffällt.

02.07.2008, 17:01 Uhr / Lesedauer: 2 min

<p>Hat auch ihre Geheimnisse: die Große Kirche.</p>

<p>Hat auch ihre Geheimnisse: die Große Kirche.</p>

In der großen Kirche in Aplerbeck ist so ein Phänomen zu bewundern - ganz vorne, am Altar. Ein Satz aus dem Hebräer-Brief: "Jesus Christus gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit" (Foto).

"Ein Bibelspruch, na und?", werden Sie jetzt denken. Und für die heutige Zeit ist Ihre Vermutung auch durchaus berechtigt. Drehen Sie das Rad der Geschichte aber einmal um 74 Jahre zurück.

In das Jahr 1934, als der Innenraum der Großen Kirche an der Märtmann-Straße einen neuen Anstrich bekam und der Innenraum umgestaltet wurde. In die Zeit, als in Deutschland die Nazis die Macht übernahmen. Zu dieser Zeit war genau dieser Bibelspruch eine offene Provokation gegen die "Braune Diktatur". "Dieser Bibelspruch war eine der Kernthesen der bekennenden Kirche. Christen, die eine Opposition gegen Hitler bildeten", erklärt Siegfried Liesenberg, Denkmalpfleger in Aplerbeck und mit den kleinen und großen Geheimnissen des Gotteshauses bestens vertraut.

"So einen Satz in aller Öffentlichkeit anzubringen, war natürlich auch sehr gefährlich", so Liesenberg weiter, doch es habe ihn zunächst niemand bemerkt, fügt er schmunzelnd an.

Die Idee mit einem Bibelspruch offen gegen die Hitler- Diktatur zu protestieren, stammt von Pfarrer Schütte. Ein Mensch, der mit den Idealen eines "Führers" nichts anfangen konnte.

Im Jahr 1931 nahm er seine Tätigkeit in Aplerbeck auf. Die Neugestaltung der Kirche nutzte er, um ein Zeichen zu setzen.

Zusammen mit der Düsseldorfer Künstlerin Hilde Vierling machte Schütte seinen Widerstand sichtbar. Und das nicht nur mit dem Altarspruch. Auch die 1934 geschaffene "Ehrenhalle" nutzten der Pfarrer und seine Mitstreiter, um - zugegebenermaßen nicht auf den ersten Blick ersichtlich - gegen das sinnlose Töten in den Kriegen und die Heldenverehrung der Nationalsozialisten zu protestieren.

"Die Tafeln wurden so aufgehängt, dass dem Betrachter eine Steigerung in der Wortwahl für die Gefallenen auffällt", so Liesenberg. Von "starben den Tod" (1815), über "starben den Heldentod" (1813 und 1870) bis zu "unseren gefallen Helden" (Erster Weltkrieg). Auf einem kleinen Holzbrett davor lag eine dicke Kladde mit einer Liste der Toten aus dem Zweiten Weltkrieg. "Hier wurde bewusst das Wort Opfer gewählt", erklärt Liesenberg, der immer wieder die Besucher der Kirche mit den Geschichten in Erstaunen versetzt und zum Nachdenken anregt. Auch über das Schicksal des Pfarrers Schütte, "denn irgendwann hatten auch die Nazis die Bedeutung des Spruchs am Altar begriffen", sagt Liesenberg. Die Offiziellen der Kirchengemeinde wurden verhaftet. Teilweise mussten sie lange in Gefängnissen ausharren, andere kamen an die Front. Aber alle haben den Krieg überlebt.

Auch die Große Kirche blieb weitgehend unversehrt. Hier hissten am 12. April 1945 Bürger die weiße Fahne zum Zeichen der Kapitulation. Der Bibelspruch steht bis heute am Altar und zeugt von den mutigen Menschen, die sich offen gegen die Faschisten gestellt haben. jöb

Eine Kirche im Widerstand

<p>Siegfried Liesenberg in der Ehrenhalle der Großen Kirche. Hier hängen Gedenktafeln für Soldaten, die in den Kriegen gefallen sind. Die Tafeln sollen als mahnendes Beispiel für die Sinnlosigkeit des Krieges dienen und nicht zur Heldenverehrung.  Bauerfeld</p>

<p>Siegfried Liesenberg in der Ehrenhalle der Großen Kirche. Hier hängen Gedenktafeln für Soldaten, die in den Kriegen gefallen sind. Die Tafeln sollen als mahnendes Beispiel für die Sinnlosigkeit des Krieges dienen und nicht zur Heldenverehrung. Bauerfeld</p>

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