Kajo Neukirchen galt als der große Sanierer. Dieser Ruf machte ihn zum Top-Manager vieler großer Deutscher Konzerne. In Dortmund war er bei den Stahlarbeitern deswegen gefürchtet. Er starb am 26. Dezember 2020. © picture-alliance / dpa/dpaweb
Zum Tod des früheren Hoesch-Chefs

„Ein harter Sanierer“ – eine Dortmunder Erinnerung an Kajo Neukirchen

Dortmund war einst strahlende Stahlstadt. Das endete Anfang der 90er-Jahre. Kajo Neukirchen war damals Chef bei Hoesch, bevor es übernommen wurde. Er starb an Covid-19. Eine Erinnerung.

Karl-Josef Neukirchens Wirken in Dortmund dauerte weniger als zwei Jahre. Es war eine entscheidende Zeit. Sie machte aus der Stahlmetropole Dortmund das, was sie heute noch ist. Eine Suchende, eine Stadt im Strukturwandel. Eine, die versucht, ohne die große Schwerindustrie ihren Platz in einer globalisierten Welt zu finden.

Ob Dortmund dies gelingt, ist eine andere Geschichte, die hier nicht erzählt werden soll. Wichtig für diesen Text sind diese fast zwei Jahre, in denen Neukirchen Chef bei Hoesch wurde, und die das Ende dieser stolzen Tradition in Dortmund einläuteten.

Jetzt ist Karl-Josef Neukirchen, genannt Kajo, tot. Er starb am 26. Dezember des vergangenen Jahres. Im Alter von 78 Jahren. Wie Medien berichten an einer Infektion mit Covid-19. Die Menschen, die ihn zu Beginn der 90er-Jahre in Dortmund erlebt haben, die im Arbeitskampf auf der anderen Seite gestanden haben oder über die Hoesch-Geschichte forschen, erinnern sich an ihn und an diese Zeit, die so viel Veränderung für die Stadt brachte.

Der frühere Chef wurde ermordet

Neukirchen trat im August 1991 die Nachfolge von Detlev Karsten Rohwedder als Chef des Stahlkonzerns Hoesch an. Rohwedder war am Ostermontag ermordet worden, ein Heckenschütze hatte ihn mit drei Schüssen getötet. Die linksterroristische Rote Armee Fraktion hatte sich zu der Tat bekannt. Rohwedder war zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr Chef bei Hoesch. Man berichtet noch heute, dass Neukirchen deshalb besonders auf Sicherheit bedacht war.

Der Ruf der dem Neuen, Kajo Neukirchen, vorauseilte, war schon damals der eines harten Sanierers, der in einem Unternehmen keinen Stein auf dem anderen lasse, wenn er es erst einmal übernommen hatte. Tatsächlich befand die der Dortmunder Hoesch-Konzern nach dem Tod Rohwedders in einer Art Vakuum, das Neukirchen füllen sollte.

„Feindliche Übernahme“ von Hoesch

Dieses Machtvakuum war auch dienlich für das, was die Arbeitskämpfer von damals und Wirtschaftsexperten auch heute noch „feindliche Übernahme“ nannten und nennen. Der kleinere, finanziell als weniger gut aufgestellt geltende Krupp-Konzern kaufte hinter den Kulissen Hoesch-Aktien und gewann so immer größere Mehrheitsanteile an dem Dortmunder Konzern. „Das Ganze fand statt, als das ganze Unternehmen führungslos war“, sagt Dr. Karl Lauschke, Vorsitzender der Freunde des Hoeschmuseums und ausgewiesener Kenner der Hoesch-Historie. Als Neukirchen dann nach Dortmund kam, sei in dieser Hinsicht Vieles gelaufen gewesen, doch war er dann zuständig für das, was kam, als Krupp den Hoesch-Konzern schluckte.

Werner Nass war damals im Vorstand des Betriebsrats bei Hoesch und stand als Arbeitnehmervertreter auf der anderen Seite als Neukirchen in dem Arbeitskampf, der dann ausgefochten wurde. „Ich erinnere mich an die größte Betriebsversammlung damals in den Westfalenhallen. 20.000 Arbeiter waren dabei.“ Neukirchen sei aufgefordert worden, zu den Entwicklungen bei Hoesch Stellung zu nehmen, doch er habe sich zunächst geweigert. „Ich habe ihm angesichts der vielen wütenden Menschen vor Ort gesagt, ‚dann kann ich für ihre Sicherheit nicht garantieren‘“.

Strahlende Stahlgeschichte Dortmunds verliert an Glanz

Neukirchen war also derjenige, unter dessen Führung die strahlende Stahlgeschichte in Dortmund an Glanz verlor, heute gibt es auf der Westfalenhütte nur noch etwa 1300 Beschäftigte. Arbeitsplatzverlust, Traditionsverlust, Unternehmertum – all das kreideten die Menschen dem wenig geliebten Sanierer an. „Dortmund war damals tief getroffen“, weiß Lauschke.

Viel ist nicht mehr übrig von Dortmunds strahlender Stahlgeschichte. Der Hochofen auf Phoenix-West ist ein stummer Zeuge dieser Zeit. © Stephan Schuetze © Stephan Schuetze

„Damals war relativ klar, dass sich der Industriebesatz in schwerem Wasser befand“, sagt der damalige Dortmunder DGB-Chef Eberhard Weber über diese Zeit. Doch der eigentliche Niedergang habe später so richtig eingesetzt. Mitte der 90er, als Neukirchen bereits gegangen war, „mit einer dicken Abfindung“, wie einer der Zeitzeugen bemerkte. In den Folgejahren sei es vor allem darum gegangen, Arbeitsplätze zu erhalten und Alternativen anzubieten. „Der Dortmunder Dreiklang ‚Kohle, Stahl, Bier‘ hatte deutlich an Einfluss verloren.“ Die Verunsicherung in der Bevölkerung sei groß gewesen, sagt Weber.

Den Anfang nahm diese Entwicklung eben mit den Ereignissen bei Hoesch. In den Oktobertagen 91, so Hoesch-Betriebsrat Nass, „habe ich zum ersten Mal erfahren, dass die Bombe geplatzt ist“. Er meint damit die Aktien-Mehrheit bei Krupp. Ob Neukirchen von dieser Entwicklung gewusst hatte? „Vielleicht habe ich ihm damals Unrecht getan, als ich davon ausging, dass er von der Sache wusste. Doch dann wäre er doch nicht nach Hoesch gekommen, oder?“ Schließlich stimmte Neukirchen jedoch der Fusion zu.

Mann aus einfachen Verhältnissen

Es gibt sie, die Erinnerung an Neukirchen, der es von ärmlichen Verhältnissen an die Spitze der größten deutschen Konzerne geschafft hat. Die Erinnerung an die riesige Villa an der B1, dem Umgang Neukirchens mit den einfachen Menschen, der nicht immer leicht war. Es gibt aber auch die Erinnerung an einen brillanten Manager. Prägender Faktor in der Wirtschaft dieser Republik.

Die großen Auseinandersetzungen der Arbeitskämpfer in Dortmund jedenfalls habe es mit Kajo Neukirchen damals nicht mehr gegeben. „Die Schlacht galt doch als verloren“, so Nass. Eine neue galt es auszufechten, und die dauert bis heute an: Wie wird aus Dortmund eine Stadt, die auch ohne Stahl überleben kann? Kajo Neukirchen musste diese Frage nicht beatworten.

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Redaktion Dortmund
Leitender Redakteur, seit 2010 in der Stadtredaktion Dortmund, seit 2007 bei den Ruhr Nachrichten.
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Dennis Werner

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