Vahle-Geschäftsführer Achim Dries bezeichnet den Stellenabbau als „bitteren Schritt“, der jetzt nicht mehr aufzuschieben sei. Die Corona-Krise hat eine geplante Umstrukturierung deutlich beschleunigt.

Kamen

, 27.05.2020, 18:23 Uhr / Lesedauer: 3 min

Das ist ein bitterer Schritt. Doch es ist meine Aufgabe, die weitere Zukunft des Unternehmens zu sichern, sodass die anderen Arbeitsplätze erhalten bleiben.“ Das sagt Achim Dries, Geschäftsführer der Paul Vahle GmbH & Co, im Gespräch mit der Redaktion.

Dabei erläuterte er die nächsten Schritte für den Arbeitsplatzabbau so detailliert, wie es die aktuelle Situation zulässt. „Wir können jetzt noch nicht sagen, wen es genau trifft. Aber es ist klar, dass die Nachricht erst einmal Verunsicherung in der Belegschaft auslöst.“

Vahle-Geschäftsführer Achim Dries kündigt den Abbau von rund 100 Arbeitsplätzen in den kommenden drei bis vier Monaten an.

Vahle-Geschäftsführer Achim Dries kündigt den Abbau von rund 100 Arbeitsplätzen in den kommenden drei bis vier Monaten an. © Stefan Milk

Weichen für Stellenabbau binnen vier Monaten gestellt

Die Weichen für den Abbau von bis zu 100 Stellen sollen bereits in den kommenden drei bis vier Monaten gestellt sein, „maximal“, wie Achim Dries sagt. „Wenn es früher geht, dann sind wir auch zufrieden.“

Betroffen von den Plänen sind jene 630 Mitarbeiter, die hauptsächlich in Kamen, dazu in der Betriebsstätte Dortmund-Brackel und in Vertriebsbüros beispielsweise in München und Berlin arbeiten.

„Wir müssen die Märkte, die sich durch Corona verändern, erst einmal verstehen.“
Vahle-Geschäftsführer Achim Dries

Die 140 Mitarbeiter, die in den Vertriebsniederlassungen im Ausland wie USA und Brasilien arbeiten, sind von dem Arbeitsplatzabbau ausgeschlossen. Sie brauchen um ihren Job bei dem Technologie-Unternehmen, das mit vielen innovativen Produkten seit Jahren Schlagzeilen macht, nicht zu bangen.

Vahle wird indes den Standort in Dortmund-Brackel in den nächsten zwei Jahren aufgeben, wie Dries auf Nachfrage bestätigte. „Das war auch unabhängig von der jetzigen Neustrukturierung geplant. Die Mitarbeiter dort werden nach Kamen kommen.“

Vahle beschäftigt an den Standorten an der Westicker Straße in Kamen und in Dortmund-Brackel 630 Mitarbeiter. Weltweit kommen noch einmal 140 dazu.

Vahle beschäftigt an den Standorten an der Westicker Straße in Kamen und in Dortmund-Brackel 630 Mitarbeiter. Weltweit kommen noch einmal 140 dazu. © Stefan Milk

Verhandlungen beginnen in der kommenden Woche

In der kommenden Woche beginnen die Verhandlungen mit der IG Metall, dem Vahle-Betriebsrat und dem Arbeitgeberverband. Angestrebt sind sozialverträgliche Lösungen, eine Mischung aus Sozialplan und Abfindungsangeboten. Angesprochen werden auch jene ältere Mitarbeiter, die kurz vor der Rente stehen. „Wir werden das jetzt mit der IG Metall zusammen erarbeiten. Erst dann können wir genau sagen, welche Lösungen wir anbieten“, so Dries.

„Kurzarbeit allein wird uns aber nicht retten“
Vahle-Geschäftsführer Achim Dries

Man könne fast keinen Betriebsteil von der Umstrukturierung ausschließen, egal ob Verwaltung, kaufmännischer Bereich, Entwicklung, Technik oder Qualitätswesen. Wohl ausgenommen von Jobverlusten bleibt die Produktion in den Werkshallen, dort, wo die komplizierten Anlagen hergestellt werden. Dort sind von 630 Mitarbeitern 100 beschäftigt. „Man kann sich vorstellen, dass wir dort nicht schwerpunktmäßig abbauen“, so Dries. Tangiert von den Plänen sind auch nicht die zwölf neuen Ausbildungsplätze, die ab 3. August besetzt sind.

„Ein bitterer Schritt“, so Vahle-Geschäftsführer zum Mittwoch angekündigten Stellenabbau. Seit Beginn der Corona-Pandemie sind die Aufträge indes schlagartig eingebrochen. Wo sonst etwa 1000 Aufträge pro Woche aufliefen, blieben E-Mails und Anrufe aus.

„Ein bitterer Schritt“, so Vahle-Geschäftsführer zum Mittwoch angekündigten Stellenabbau. Seit Beginn der Corona-Pandemie sind die Aufträge indes schlagartig eingebrochen. Wo sonst etwa 1000 Aufträge pro Woche aufliefen, blieben E-Mails und Anrufe aus. © Stefan Milk

Kurzarbeit ab 1. Juni angemeldet

Das weltweit operierende Unternehmen, das in Familientradition geführt wird, ist eigentlich durch viele positiven Nachrichten bekannt – und auch dafür, dass eine intakte Unternehmenskultur und fairer Umgang herrscht. Doch die Corona-Krise hat einen geplanten Umstruktrierungsprozess, der über eine längere Phase angelegt war, „brandbeschleunigt“, wie Achim Dries sagt. „Unser Werk war bis zuletzt gut ausgelastet, die Auftragsbestände aus dem letzten Jahr waren bis März und April tragfähig.“

Seit Beginn der Corona-Pandemie sind die Aufträge indes schlagartig eingebrochen. Wo sonst etwa 1000 Aufträge pro Woche aufliefen, blieben E-Mails und Anrufe mehr und mehr aus. „Beginnend in Italien. Aktuell ist in Brasilien absolut Null. Kein Kundenkontakt möglich, auch keine Lieferungen.“ Dries geht davon aus, dass das bisher erreichte Auftragsniveau nicht vor Ende kommenden Jahres wieder erreicht ist. Ab 1. Juni hat Vahle Kurzarbeit angemeldet. „Die allein wird uns aber nicht retten“, spielt er auf die Entscheidung des Stellenabbaus an.

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Luxtram und das weltgrößte Riesenrad

Dries ist optimistisch, dass das Unternehmen mit den jetzt angekündigten Maßnahmen die Krise erfolgreich bewältigen kann. „Wir rechnen damit, dass sich die Märkte ab 2022 wieder normalisiert haben und wir uns gut positionieren werden.“ Die als Stromschienen-Hersteller weltweit bekannt gewordene Firma bezeichnet sich jetzt als „Systemanbieter für mobile Industrieanwendungen“. Mit Vahle-Technik werden beispielsweise Containerhafen-Kräne elektrifiziert, Autosteuerungen verbessert, moderne Straßenbahnen bewegt, aber auch Riesenräder angetrieben. Ein Großprojekt zurzeit ist die Fortentwicklung der Luxtram in Luxemburg, eine als „People Mover“ bezeichnete Straßenbahn, die auf überirdische Stromleitungen verzichten kann, weil sie an den Haltestellen aufgeladen wird. In Dubai arbeitete Vahle an dem weltgrößten Riesenrad mit, das bei der Weltausstellung dieses Jahr eröffnet werden sollte. Vahle steht somit auch weiter unter Strom. Dries: „Aber wir müssen die Märke, die sich durch Corona verändern, auch erst einmal verstehen.“

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