Edith Scheibels Brieffreundschaft mit einem Hollywood-Star

dzKriegsende

Nur wenige Menschen berichten stolz davon, im Gefängnis gesessen zu haben. Edith Scheibel aus Kirchlinde schon. Denn als junge Frau lernte sie im Gefängnis den Filmstar Camilla Horn kennen.

Kirchlinde

, 11.05.2020, 05:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Edith Scheibel (98) saß vor wenigen Tagen vor ihrem Fernseher, als ganz unvorbereitet die Erinnerung über sie hereinbrach. In einem Spielfilm diente das Frauengefängnis Vechta als Kulisse. Der Ort der dramatischsten Episode im Leben von Edith Scheibel.

Meistens sind es die letzten Tage vor Ende des Zweiten Weltkrieges, die in Filmen oder Dokumentationen thematisiert werden. Für Edith Scheibel sind aber die Wochen und Monate danach als viel dramatischer in Erinnerung geblieben.

„Hunger, das kann man sich gar nicht vorstellen“, diesen Eindruck verbindet Edith Scheibel mit der Nachkriegszeit. Der Ehemann war noch in französischer Kriegsgefangenschaft, ihre Tochter litt an Diphtherie, jemand musste sich um die Versorgung kümmern.

Auf Hamsterfahrt nach Oldenburg

Edith Scheibel, damals 23 Jahre alt, ließ die Tochter bei ihren Eltern und machte das, was unzählige andere Deutsche auch machten, sie ging auf Hamsterfahrt. Ein Gerücht über großzügige Bauern lockte sie von Dortmund nach Oldenburg.

In der Stadt Vechta, weit vor Oldenburg kam sie in eine Kontrolle der Militär-Polizei. Sie hatte keine Ausweis-Papiere dabei. Es folgten drei Monate Haft. Heute berichtet Edith Scheibel von dieser bedrückenden Episode wie von einem Abenteuer: „Da saßen auch Mörderinnen“.

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Die Haft wurde zu einem positiven Erlebnis als eines Tages eine Frau an Edith Scheibel vorbei ging. „Das ist doch die Horn“, dachte sie sich und bald wusste es jeder im Gefängnis: Camilla Horn, der Filmstar, war ebenfalls Gefangene in Vechta.

Camilla Horn hatte das Gretchen in dem Film „Faust – eine deutsche Volkssage“ von Friedrich Wilhelm Murnau gespielt und hatte danach einen Vertrag bei United Artists in Hollywood bekommen.

Beliebter als Marlene Dietrich

Camilla Horn war bei den Deutschen gut angesehen, denn sie war schon vor dem Krieg wieder nach Deutschland zurückgekehrt. Anders als zum Beispiel Marlene Dietrich, erinnert sich Edith Scheibel, die hatte ja Truppenbetreuung bei den Amerikanern geleistet und war zunächst nicht mehr wirklich gut gelitten.

Camilla Horn dagegen machte sich im Gefängnis sogar noch beliebter. Als das Wachpersonal auf die Schauspielerin aufmerksam geworden war, bekam diese Extra-Rationen. „Das hat sie alles verteilt“, berichtet Edith Scheibel, deren Zelle gegenüber der von Camilla Horn lag.

Weshalb der Hollywood-Star im Frauengefängnis Vechta saß, kann Edith Scheibel nicht mehr berichten. Nur, dass Horn ebenfalls nur drei Monate „saß“.

Camilla Horn und Edith Scheibel freundeten sich während der täglichen Stunde „Im-Kreis-Gehen“ im Hof an, doch nach Ende der Haft trennten sich ihre Wege. Was blieb, war eine Brieffreundschaft, die bis zum Tode Camilla Horns 1996 hielt.

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