Durch die Wüste und übers Meer führte sein Weg nach Dortmund – und ins Ehrenamt

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Omar Alfarhan ist Syrer. 2015 hat ihn seine Flucht nach Dortmund geführt. Er engagiert sich ehrenamtlich, macht Abitur und will studieren. Eine Geschichte über Trauer, Glück und Angst.

Dortmund

, 06.08.2018, 04:00 Uhr / Lesedauer: 5 min

Die Beerdigung wollte er nicht sehen. Omar Alfarhan war mit 21 anderen Menschen irgendwo in der Sahara. Sie alle waren auf der Flucht vor Krieg, gestartet mit dem Ziel Europa. Aufgeteilt auf drei Pickup-Ladeflächen war der Konvoi unterwegs vom Sudan in Richtung Libyen, als einer der Wagen sich bei Tempo 180 überschlug.

Sie wurden beigesetzt, dann ging es weiter

Zwei Frauen, sie müssen Anfang 20 gewesen sein, starben. Sie wurden im Sand beigesetzt, dann ging es weiter. „Ich konnte die Beerdigung nicht sehen. Ich wollte die Bilder nicht im Kopf behalten“, sagt Omar Alfarhan knapp drei Jahre nach diesem Erlebnis.

Er sitzt an einem Montagvormittag im Juli 2018 unter der Markise eines Cafés in der Innenstadt. Ein Milchkaffee steht auf dem Tisch, daneben ein Smartphone mit Kopfhörern und eine Schachtel Zigaretten. Vor drei Jahren hat er mit dem Rauchen angefangen. Sein Deutsch ist hervorragend, er spricht und schreibt fast ohne Fehler.

Das Abitur scheiterte am Krieg

Im Februar hat er sich am Westfalenkolleg angemeldet, um sein Abitur zu machen. Das nächste Schuljahr beginnt im September. „Das Abitur hatte ich schon einmal angefangen, aber wegen des Krieges konnte ich es nicht beenden“, sagt er und lächelt.

Der 24 Jahre alte Syrer lächelt viel, er lacht oft, er erzählt von sich und seinem Leben, berichtet davon, wie wohl er sich in Dortmund fühlt, wie es ihn aus dem Krieg nach Deutschland geführt hat. Die Sahara hat er durchquert, das Mittelmeer auch. Auf einem Boot, das mit Wasser volllief.

Die Familie kommt aus dem Süden Syriens

Geboren ist Omar Alfarhan 1994 in Jordanien. Seine Familie stammt aus dem Ort Daraa im Süden Syriens, ganz in der Nähe der Grenzen zu Israel und Jordanien. Von 2012 bis 2015 war er Gastarbeiter in einer Schokoladenfabrik im Libanon. Den syrischen Pass hat er erst kurz vor seiner Flucht beantragt.

Wer Omar nach den Daten seiner Flucht fragt, muss auf eine Antwort nicht lange warten. Am 1. Februar 2015 bestieg er ein Flugzeug, das ihn vom Libanon in den Sudan brachte. Hier kam er für zwei Wochen bei der Familie eines Arbeitskollegen aus der Schokoladenfabrik unter.

Auf ein Visum hätte er Monate lang gewartet

Ein Visum für ein europäisches Land hatte er nicht in der Tasche. Einen Termin hatte er beantragt, bis er den aber wirklich bekommen hätte, wären Monate verstrichen. Eine unendliche Zeit, wenn der Krieg nicht weit weg ist.

„Eigentlich wollte ich nach England“, sagt Omar. „Ich hatte Angst vor der deutschen Sprache.“ Heute lacht er darüber. Im Sudan stieg er dann auf die Ladefläche eines Pickups, um innerhalb von sieben Tagen nach Libyen zu kommen. Sudan und Libyen sind Nachbarländer, aber beide ziemlich groß und zusammen mehrere tausend Kilometer breit.

Nach drei Monaten im Versteck ging es aufs Boot

In Libyen blieb er drei Monate, er versteckte sich bei Familienmitgliedern, weil er kein gern gesehener Gast im Land gewesen ist. Er arbeitete aber, verdiente Geld und stieg drei Monate später in ein Boot.

An diesem Montagvormittag im Juli 2018 ist es gerade ein paar Tage her, dass Omar mit neun anderen Menschen unter dem Dach der Caritas durch die Dortmunder Innenstadt zog und Essen und Trinken an Obdachlose verteilte. Seit die Aktion im Februar dieses Jahres an den Start ging, beteiligt sich Omar. „Ich habe selbst Hilfe gebraucht und bin gerne in Kontakt mit Menschen. Jetzt finde ich es schön, dass ich für jemanden da bin, der Hilfe braucht.“

Diese eine Zahl wird er nicht vergessen

Auf Hilfe war Omar nicht nur angewiesen, als er nach Deutschland kam. Er war vor allem auf Hilfe angewiesen, als er auf einem maroden Boot auf dem Mittelmeer in Richtung Europa trieb. „375. Diese Zahl werde ich nie vergessen“, sagt er. So viele Menschen waren auf dem Boot.

Ein Fernsehteam begleitete an diesem Tag ein Schiff, das Flüchtlingsboote im Meer ausfindig machte und die Menschen rettete. An diesem Tag fand das Team Omars Boot auf dem Radar. Auf den TV-Bildern ist zu sehen, dass der Motorraum des Flüchtlingsbootes nach wenigen Stunden auf dem Meer zur Hälfte mit Wasser gefüllt war.

Omar hatte kein Visum, aber Glück

Omar und die anderen Menschen erhielten Hilfe, sie kamen nach Italien, auf europäischen Boden. Für ihn ging es dann nach Mailand. Dort stieg er in einen Zug nach München. In Wien kontrollierten Polizisten die Insassen. Omar hatte kein Visum, aber Glück. Die Polizisten gingen vorbei.

In München angekommen, stellte er sich der Polizei, zeigte seinen syrischen Pass, ließ seine Fingerabdrücke auf der Wache. Die Beamten in Bayern behandelten ihn gut, sie brachten ihn in eine Unterkunft. Über weitere Stationen kam er dann am 15. August 2015 in der Unterkunft am Ostpark in Dortmund an. „Ich habe mich sehr gut gefühlt. Ich war endlich in einer Stadt angekommen“, sagt Omar.

Omar lernte schnell Deutsch – und gab sein Wissen weiter

Eigentlich hätte er dort angekommen ein halbes Jahr auf einen Integrationskurs und einen Sprachkurs warten müssen. Doch warten wollte er nicht. Zweimal in der Woche kamen Ehrenamtliche für zwei Stunden vorbei, um den Bewohnern der Unterkunft Deutsch beizubringen.

Omar machte mit, lernte schnell und war Mitgründer eines Sprachcafés in der Caritas-Einrichtung am Ostpark, wo er jetzt auch noch regelmäßig ehrenamtlich Flüchtlingen dabei hilft, die Sprache zu lernen. „Manchmal machen wir Ausflüge, gehen ins Konzerthaus. Manchmal sitzen wir zusammen, trinken und spielen und reden auf Deutsch. Langsam und einfach“, sagt Omar.

Nach der Aufenthaltserlaubnis kam die Wohnung, dann kamen Jobs

Zwei Monate, nachdem er in Dortmund angekommen war, hatte er eine Aufenthaltserlaubnis. Ziemlich schnell fand er eine Wohnung in Dorstfeld und hat überlegt, was er machen könnte. Er nahm Minijobs in Einkaufshäusern und Supermärkten an, machte Praktika in den Buchhaltungs-Abteilungen großer Unternehmen und in der Altenpflege der Caritas.

„Da brauchte ich aber Vitamin B“, sagt Omar und lacht. Er holte sich das Sprachzertifikat für Deutsch auf Niveau B2, er arbeitete sieben Monate ehrenamtlich als Übersetzer. Vor Kurzem hat er als Redner vor 400 Menschen über sein Engagement gesprochen.

Erst Abitur, dann das Studium

Nach dem Abitur will der 24-Jährige studieren. Am liebsten Psychologie, doch da wartet ein hoher Numerus Clausus. „Jetzt ist Plan A Sprachwissenschaft und Politikwissenschaft, Plan B ist Buchhaltung.“ Er finde es gut und wichtig, immer beschäftigt zu sein, sagt Omar. Er will denen helfen, die auch geflohen sind, er will, dass sich die Kulturen besser kennenlernen.

Omars Asyl ist noch bis 2019 gültig. Dann hofft er auf eine Verlängerung um fünf Jahre. Nach acht Jahren in Deutschland könnte er die deutsche Staatsbürgerschaft beantragen. „Dann wäre ich der glücklichste Mensch der Welt“, sagt er. Seinen syrischen Pass würde er dann abgeben, wenn er müsste.

Die Angst, die er während seiner Flucht durch die Wüste und über das Meer gespürt hat, ist heute gepaart mit Sorge und Glück. „Auf dem Boot konnte ich nichts essen“, sagt Omar. „Ich habe während der Flucht jeden Tag gedacht, dass das mein letzter Tag sein wird.“ Seine Familie ist kürzlich nach Syrien zurückgekehrt. Lange lebten seine Verwandten zuvor als Flüchtlinge in Jordanien. Er hätte es lieber, wenn sie dort geblieben wären.

„Warum soll ich zurück?“

Gesehen hat er seine Familie zuletzt 2012. Über Skype und Whatsapp halten sie Kontakt, Omars Großcousin lebt in Mülheim. Sollte der Krieg in Syrien zu Ende gehen, will er trotzdem nicht zurück. „Warum? Ich habe hier bei null angefangen und mir alles aufgebaut. Das wäre nicht intelligent.“

Wenn ihn heute jemand fragt, wo er herkommt, dann sagt Omar: „Dortmund.“ Er ist angekommen und ist zufrieden. Wer weiß, vielleicht hat ihm sein Nachname auch dabei geholfen, dass alles so ist wie es ist. Alfarhan heißt übersetzt „der Glückliche“.

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