Die Stadt hat ein Pinkler-Problem. Bei jedem Bundesliga-Heimspiel und Großereignis halten Männer das Wasser nicht bis zum nächsten Klo. Da hilft nur: Macht Wildpinklern richtig Druck.

Dortmund

, 15.07.2019 / Lesedauer: 4 min

Der frühere Schalke-Manager Rudi Assauer – Gott hab‘ ihn selig – wusste, was sich nicht gehört. „Schämt ihr euch nicht, ihr Ferkel! Habt ihr kein Benehmen?!“, schnauzte er schon vor vielen Jahren erbost Schalke-Fans an, die in die Rabatten der alten BVB-Geschäftsstelle an der Strobelallee pullerten.

Aber nicht nur die Schalke-Fans haben eine schwache Blase. Auch BVB-Anhänger können nicht dichthalten – bei jedem Heimspiel ist das auf dem Weg zum Signal Iduna Park zu beobachten. Unter anderem vor dem Metallzaun gegenüber dem Stadion stehen sie sogar in Reihen und urinieren ungeniert ins öffentliche Grün, das dabei einiges wegstecken muss. Dabei können auch Kinder Zeuge der sichtbaren Erleichterung werden. Das stinkt nicht nur vor allem weiblichen Passanten gewaltig, sondern auch zum Himmel.

Kein Kavaliersdelikt

Die Unsitte des Wildpinkelns ist kein Kavaliersdelikt, sondern eine Ordnungswidrigkeit, die in Dortmund mit 25 Euro bestraft, aber eher selten geahndet wird. Für die vergleichsweise Wenigen, die vom Ordnungsamt erwischt und verwarnt werden, aber nicht zahlen, wird es noch teurer, nämlich um 28,50 Euro. Macht zusammen 53,50 Euro.

Im Jahr 2017 wurden in Dortmund 306 Outdoor-Struller mit Verwarngeld verwarnt, 2018 waren es 343 und 169 im ersten Halbjahr 2019. Viel ist das nicht. Davon mündeten jeweils etwa die Hälfte der Fälle in Bußgeldverfahren, weil Wildstruller für ihr kleines Geschäft nicht zahlen wollten: 186 Bußgeldverfahren waren es im Jahr 2016, 175 in 2017, 188 in 2018 und genau zur Jahreshälfte 2019 sind es 97. Es scheint, als müssten die Ordnungskräfte ein Soll erfüllen. Danach kommt die Pipi-Sintflut.

Gegen City-Toilette gepinkelt

Natürlich gibt es Menschen mit akuter Blasenschwäche oder Kleinkinder, die abgehalten werden müssen. Da drücken die Ordnungshüter auch mal ein Auge zu. Zu Recht. Verwarnungen ohne Verwarngeld gab es 79 im Jahr 2017 und 63 in 2018.

Das kann aber kein Freibrief für WC-Verächter sein, die zu faul sind, die nächste Toilette anzusteuern oder auch nur die Tür zu öffnen. Wie der Pipi-Sünder, der unter Zeugen und unter den Augen von Ordnungsamtsmitarbeitern am Abend des 17. Juni gegen die City-Toilette am Ostwall pinkelte. Da zieht als Ausrede auch nicht die unbestrittenen Tatsache, dass es in Dortmund zu wenig öffentliche Toiletten gibt. Die Ordnungskräfte allerdings ließen sich von dem Wildpinkler nicht stören. Ihre ganze Aufmerksamkeit galt einer Abschleppaktion im Vorfeld des Evangelischen Kirchentags.

Es sind eben nicht nur die Fußball-Fans, aber vor allem sie, die ihren Harndrang nicht unter Kontrolle haben. So stehen in Stadionnähe zwei Pissoirs, doch oft heißt es nur wenige Meter weiter Wasser marsch, wenn die Natur nach ein paar Bieren plötzlich ruft.

BVB ist quantitativ die Nummer 1 in der Toiletten-Tabelle

Im Signal Iduna Park selbst gibt es 1159 Toiletten und Urinale – auch in dieser Hinsicht ist das Stadion die Nummer 1 in der Liga. Mit 70,19 Zuschauern pro WC liegt der BVB zwar nur im Mittelfeld der Toiletten-Tabelle, doch wer hier mal muss, findet einen legalen Weg. Jedes Jahr investiert der BVB 400.000 Euro in seine Sanitäranlagen.

Dortmund ist nicht die einzige Stadt und der BVB nicht der einzige Verein, die mit dem Wildpinkel-Problem zu kämpfen haben. Der FC Bayern München hat schon 2015 gedroht, benimmferne Besucher, die rund um die Arena urinieren, des Stadions zu verweisen und ihnen auch die Tages- oder Dauerkarte zu entziehen. Über ein Ingenieurbüro hat sich der Rekordmeister an Natalie Eßig, Professorin für Baukonstruktion und Bauklimatik in München, gewandt. Sie hat mit ihren Studenten nachgezählt: An einer Mauer vor der Allianz-Arena urinieren pro zehn Minuten bis zu 50 Menschen. Das wird in Dortmund ähnlich sein. Wissenschaftler sprechen vom „Sozialpinkeln.“

Große Hinweisschilder

Ein einzelner Notdurftverrichter schadet nicht Natur oder Gebäuden. Aber viele schon. In Hamburg auf St. Pauli wehrt man sich gegen wildes Urinieren – mit spezieller Farbe an den Hauswänden. Der abweisende Speziallack schießt den Urin direkt an seinen Absender zurück. Allerdings, nicht ohne Hinweisschild gewarnt zu haben: „Hier nicht pinkeln. Wir pinkeln zurück.“

Beim Zaun gegenüber dem Stadion würde das nicht funktionieren. Doch deutliche, große Schilder am Zaun mit Hinweisen auf die nächste öffentliche Toilette und versehen mit Speziallack für die Unbelehrbaren wären eine Maßnahme. Auch zu empfehlen für andere Großereignisse, zu denen sich Wildpinkler gern gesellen.

Von Verwarngeldern Pissoirs bauen

Ansonsten hilft bei hemmungslos nachgegebenem Harndruck nur Gegendruck in Form von mehr Verwarnungen. Zugegeben, eine unappetitliche Aufgabe für die Ordnungshüter, aber eben eine Aufgabe. Und von dem Geld, das dann reichlich in die Stadtkasse fließt, ließen sich mehr Pissoirs bauen, auch wenn nicht bei allen Wildpinklern öffentliche WCs helfen.

Und an die Adresse der uneinsichtigen Wasserlasser ohne Manieren: Wenn es unbedingt eine Hauswand oder ein Zaun zum Pinkeln sein muss, nehmt doch die neben eurer Haustür oder euren Gartenzaun.

Wer sich jetzt ans Bein gepinkelt fühlt, weiß warum. Aber es ist so sicher wie das Amen in der Kirche: Wenn am 17. August die Bundesliga mit dem ersten Heimspiel losgeht, wird wieder im Freien gepullert nach dem Motto „Du pisst Dortmund“. Pfui!

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