Wenn der Taxifahrer keine Ortskenntnis hat, ist das auch in Zeiten von Navis ein Problem. Mit Hilfe von Spionage-Utensilien betrügen Fahrer bei der Prüfung. Die Taxi-Genossenschaft reagiert.

Dortmund

, 04.06.2019 / Lesedauer: 4 min

Eine ältere Dame steigt am Hauptbahnhof in ein Taxi und sagt zum Fahrer: „Zum Josefs-Hospital, bitte.“ Der Fahrer fordert sie auf: „Du Navi eingeben, ich fahren!“ Das sei alles schon passiert, berichtet Dieter Zillmann, Chef der Dortmunder Taxi-Genossenschaft. Allerdings sei das kein Fahrer der Genossenschaft gewesen.

Doch wie konnte der Mann ohne Ortskenntnis und mit nur rudimentären Sprachkenntnissen die Ortskenntnisprüfung schaffen, die Taxifahrer bei der Stadt bestehen müssen, bevor sie eine Lizenz erhalten? Früher wurden einfach andere zur Prüfung geschickt als die, die auf dem Papier standen. Das geht nicht mehr, seitdem die Prüflinge ihren Ausweis vorlegen müssen, sagt Zillmann. Die neue Betrugsmasche nach Angaben eines Insiders: Knopf im Ohr.

Über Bluetooth mit Hintermann in Kontakt

Und das soll so funktionieren: Bei der Prüfung in der Führerscheinstelle der Stadt müssen die Prüflinge ihr Handy abgeben. Aber manche haben ein zweites in der Tasche. Und einen winzig kleinen Funkkopfhörer im Ohr, der sich so tief in den Gehörgang platzieren lässt, dass er von außen nicht zu sehen ist. Über die Drahtlosverbindung Bluetooth sind diese Prüflinge mit einem Hintermann draußen verbunden, dem die Liste mit den 100 möglichen Standardfragen vorliegt.

Diese Fragen zu Streckenbeschreibungen von A nach B – wie etwa von „An der Goymark zur Westermannstraße“ oder von der „Rheinisch-Westfälischen Auslandsgesellschaft zur Sozialakademie“ – sind seit Jahren dieselben. Man bekommt sie kostenfrei auf Antrag. Von den 100 werden für die Prüfung jeweils 15 bis 20 ausgewählt.

Hüsteln beim Treffer

In der Prüfung nun liest der Hintermann am anderen Ende Startstraße für Startstraße die Fahraufträge aus den 100 Standardfragen vor. Landet er einen Treffer und die Startstraße steht auf dem Prüfungsbogen, hüstelt der Prüfling, klopft auf den Tisch oder Ähnliches. Daraufhin liest ihm dann der Helfer im Ohr die Lösung vor.

„Das ist ein Gerücht“, sagt Dieter Zillmann, aber eines, das auch er schon von Kollegen gehört habe und das er durchaus für möglich halte. Deshalb sei er auch schon bei der Stadt vorstellig geworden. „Aber wir können den Leuten ja nicht sagen, wir gucken euch allen in die Ohren.“

Durchfallquote 40 bis 45 Prozent

Was die Taxi-Genossenschaft aber macht: Wer einen Fahrausweis von ihr haben und unter ihrer Regie fahren will, muss bei Zillmann nach zwei Tagen Schulung eine zweite Fahrprüfung ablegen – einschließlich einer Ortskenntnisprüfung, allerdings ohne Standardfragen. Zillmann: „Dann merken wir, was los ist.“ Die Durchfallquote betrage 40 bis 45 Prozent. Wohlgemerkt, nachdem die Ortskenntnisprüfung bei der Stadt bestanden wurde.

Der Insider, selbst Taxifahrer, plädiert dafür, bei den Prüfungen einen Störsender, einen sogenannten Jammer einzusetzen. Der Einsatz von Jammern werde immer wieder als Lösung gegen Täuschungen vorgeschlagen, sagt Stadtsprecher Maximilan Löchter. Die Stadt sei jedoch an geltendes Recht gebunden, das im öffentlichen Raum eben nicht ohne Weiteres den Einsatz dieser Sender erlaube.

Leibesvisitationen sind der Stadt nicht erlaubt

In Dortmund wird die Ortskenntnisprüfung alle zwei Monate von der Führerscheinstelle angeboten. Selbstverständlich, so Löchter, würden Täuschungsversuche nach Möglichkeit unterbunden. Leibesvisitationen stünden aber der Fahrerlaubnisbehörde nicht zu. Ergäben sich eindeutige Anhaltspunkte für ein Täuschungsverhalten, werde der Prüfling von der Prüfung ausgeschlossen und die Prüfung als nicht bestanden gewertet.

Anders als bei Führerscheinprüfungen finden sich in der Rechtsverordnung keine Regelungen zum Umgang mit Manipulationen bei der Ortskenntnisprüfung, erläutert Löchter: „Ein Täuschungsversuch stellt auch keine Ordnungswidrigkeit oder Straftat nach geltender Rechtslage dar. Der Prüfling kann sich zur folgenden Prüfung zwei Monate später erneut anmelden.“

Ohne Fahrausweis nur Laufkundschaft

500 Euro soll der Service mit dem Knopf im Ohr pro Prüfung und Prüfling kosten, glaubt der Insider zu wissen. Es seien Taxi-Unternehmen, die – auf der Suche nach Fahrern – ihre Prüflinge so unterstützen. Drei bis fünf seien es pro Prüfungstermin. Bei manchen Taxiunternehmen gebe es sogar einen Terminkalender, „bei dem es lange dauert, bis man an der Reihe ist.“

Für Dieter Zillmann und die Taxifahrer, die für ihre Ortskenntnisprüfung gebüffelt haben, sind die Täuschungsversuche ein Ärgernis. „Wir legen Wert auf Qualität“, sagt Zillmann. Wer die zweite Prüfung bei der Genossenschaft nicht schaffe, müsse sich am Bahnhof hinstellen oder am Alten Markt und ohne Funkverbindung auf Laufkundschaft warten. Würden diese Fahrer dann den Weg nicht kennen, kämen gleich alle Taxen in Dortmund in Verruf.

In Bochum ist die Prüfung im Keller

Wozu braucht man im Zeitalter von Navis überhaupt noch die Ortskenntnisprüfung? „Weil wir das wollen“, sagt Zillmann. Schließlich werden von Fahrgästen nicht immer die Straßen genannt, sondern auch nur Gebäude wie Hilton oder Arbeitsgericht. „Das steht nicht im Navi.“ Außerdem könne man so diejenigen herausfiltern, die „einigermaßen der Sprache Herr sind“.

In Bochum gibt es das Problem der Täuschungsversuche mit Ohrknopf nicht, sagt der dortige Stadtsprecher Peter van Dyk: „Die Prüfung wird in einem Keller abgenommen, in dem es keinen Handy-Empfang gibt.“

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