Armel Djine (34) lebt seit elf Jahren in Dortmund und ist im vergangenen Jahr in den Rat der Stadt gewählt worden. Vor der Pandemie sei er etwa einmal pro Monat von Polizisten kontrolliert worden, sagt er. © Kevin Kindel
Polizei und Migranten

„Du bist schwarz. Du bist ein Drogendealer!“

Ein studierter Stadtrat aus Dortmund berichtet von seinen Erfahrungen mit Racial Profiling. Erstmals haben die Polizei-Hochschule und der Migrantenverbund VMDO dazu einen Workshop durchgeführt.

Zunächst hat sich Armel Djine nichts dabei gedacht, als er nach seiner Ankunft in Dortmund gelegentlich von Polizisten in der Öffentlichkeit nach seinem Ausweis gefragt wurde. „Routinekontrolle“ habe es geheißen, wenn er als Student nach einem Grund gefragt hat. „Ein-, zwei-, dreimal ist noch okay“, sagt der 34-Jährige: Aber dann wurde es Alltag, dass Polizisten ihn aufgehalten haben.

Skeptisch wurde der Dortmunder, der in Kamerun geboren und aufgewachsen ist, nachdem ein Polizist ihn gefragt hat, ob er Drogen bei sich habe. „Wie kommen Sie da drauf?“, habe er zurückgefragt. „Naja, einfach so“, sei die Antwort gewesen.

Haare abgeschnitten, um weniger aufzufallen

Am Uni-Campus hat der studierte Elektrotechniker einem tunesischen Kollegen von dieser Begegnung erzählt. Und der habe ganz nüchtern und sarkastisch geantwortet: „Ja, du bist schwarz. Du bist ein Drogendealer.“ Djine sei in diesem Moment klar geworden, dass er anders behandelt werde als viele andere Dortmunder – weil er anders aussieht.

Diese Erkenntnis führte so weit, dass Armel Djine seine Dreadlocks abschnitt, ganz bewusst, um weniger aufzufallen. Seit elf Jahren lebt er inzwischen in Dortmund und hat hier eine Familie gegründet. Wegen des Berufs seines Vaters hat er zuvor sein Leben lang nie ansatzweise so lange in derselben Stadt gelebt. Heute ist er deutscher Staatsbürger und sitzt für die Grünen im Rat der Stadt Dortmund.

Im Sommer 2020 ist durch die „Black Lives Matter“-Demonstrationen viel über strukturellen Rassismus diskutiert worden. Damals hat unsere Redaktion bei der Polizei Dortmund angefragt, ob es möglich sei, ein Streifenteam einen Tag lang zu begleiten, um mitzubekommen nach welchen Kriterien sie Verdächtige ansprechen. Das war nicht möglich, weil sich Einsatzkräfte durch die Anfrage angegriffen fühlten und sich nicht zur Verfügung stellen wollten.

NRW-Innenminister und damit auch Landes-Polizeichef Herbert Reul hat etwa zur selben Zeit zu einer geforderten Studie zum Thema gesagt: „Racial Profiling ist in NRW schlicht verboten. Deshalb ist mir nicht klar, worin der Sinn einer solchen Studie liegen sollte.“ Also: Weil die Ermittlung anhand ethnischer Merkmale verboten ist, passiere das bei uns auch nicht.

Vier Polizei-Mitarbeiter sind entlassen worden

Dass sich aber Polizisten des Landes – allein in Dortmund gibt es zum Beispiel etwa 2300 Polizeivollzugsbeamte – gleichermaßen vorbildlich verhalten, ist indes, wer will das bestreiten, relativ unwahrscheinlich. Denn in jedem Beruf, in jeder gesellschaftlichen Gruppe gibt es auch welche, die sich nicht korrekt verhalten.

Das wurde etwa im März 2021 deutlich, als bekannt wurde, dass einzelne Polizei-Mitarbeiter wegen rechtsextremer Gesinnung in Dortmund entlassen worden sind. Polizeipräsident Gregor Lange sagte dazu: „In den allermeisten Fällen kamen die Hinweise aus den eigenen Reihen. Das zeigt deutlich, dass die Dortmunder Polizistinnen und Polizisten solches Gedankengut in den eigenen Reihen nicht akzeptieren.“

Zum ersten Mal hat es jetzt einen Workshop der Polizei-Hochschule mit dem Verbund der sozial-kulturellen Migrantenvereine (VMDO) gegeben. Zwölf Studierende, die Polizeibeamte werden wollen, haben sich dabei in einer Videokonferenz mit Migranten getroffen. Armel Djine, der inzwischen nicht mehr als Ingenieur, sondern in der Beratungsstelle des VMDO arbeitet, war auch dabei und hat von seinen Erlebnissen berichtet.

„Racial Profiling ist etwas, was durchaus erfahren wird“, sagt auch Dr. Kirsten Hoesch vom VMDO. Viele Migranten hätten die Erfahrungen gemacht, dass sie häufiger von Polizisten kontrolliert werden als andere Deutsche. Auch sei die Ansprache von Polizisten im Kreuzviertel in der Regel anders als in der Nordstadt. Sie sagt: „Uns ging es darum, wie Migrantenvereine und Polizei zusammenarbeiten können.“

Fokus auf Extremismus oder Jugendkriminalität

Von den teilnehmenden Polizei-Studierenden habe man gemerkt, dass sie sich im Vorfeld deutlich auf Themen wie Extremismus oder Jugendkriminalität konzentriert haben. „Wir haben den Fokus erweitert“, so Hoesch. Wichtig war ihr zu betonen, dass die Kriminalität nur ein kleiner Teil der Realität sei. Die Bekämpfung von sozialer Ungleichheit sei etwa ein wichtiger Schritt zur Prävention.

Andererseits ist auch verständlich, dass Polizei-Anwärter zuerst an Kriminelle denken: Im Dienst auf der Straße haben sie schließlich häufig mit Straftätern oder zumindest Verdächtigen zu tun. Wichtig sei aber, in der Ausbildung auch andere Perspektiven zu hören, sagt die Dozentin der angehenden Polizisten, die Geisteswissenschaftlerin Dr. Sarah Jahn. Die teilnehmenden Studierenden waren nicht zum Thema zu sprechen, weil sie im Beamtenverhältnis nicht zu öffentlichen Aussagen befugt seien.

Polizeikräfte müssen innerhalb kürzester Zeit einschätzen, ob eine Person ihnen verdächtig erscheint. „Sie müssen auf das Verhalten der Person achten“, sagt Jahn: „Nicht auf ihr Äußeres.“ Die größte Herausforderung sei es, den eigenen Erfahrungsschatz auch nach jahrelanger Arbeit immer wieder zu reflektieren und zu überdenken.

Konkret bedeute das zum Beispiel: Auch, wenn die letzten fünf verurteilten Drogendealer alle ähnlich aussehen würden, dürften Polizisten keine falschen Rückschlüsse ziehen. Dabei sei wichtig, „dass man weiß, wie es dem Gegenüber geht, wenn es fünfmal am Tag kontrolliert wird“, so Jahn. Dafür leiste der Austausch mit Organisationen wie dem VMDO einen wichtigen Beitrag.

Weil die Polizeibehörde selbst nicht an dem Workshop beteiligt war, habe man vonseiten des Präsidiums nichts zum Thema hinzuzufügen, heißt es auf Anfrage.

Anteil der Migranten unter allen Polizisten ist unbekannt

15 Prozent der neu eingestellten Polizisten in Nordrhein-Westfalen haben aktuell einen Migrationshintergrund. Doppelt so hoch ist der Anteil der Einwandererfamilien in dem Bundesland (31 Prozent). Wie hoch der Anteil unter allen Einsatzkräften ist, wird vom zuständigen Landesamt in Nordrhein-Westfalen nicht ermittelt.

„Empathie ist wichtig“, sagt Dr. Kirsten Hoesch: „Und gewaltfreie Kommunikation.“ Von unserem Reporter darauf angesprochen, möchte Hoesch der Polizeiarbeit in Dortmund keine Schulnote geben. Das sei nicht so pauschal möglich, die öffentliche Debatte sei ihr oft zu einseitig. Was aber immer hilfreich sei: „Der persönliche Austausch macht vieles anders.“

Armel Djine ist inzwischen in der Regel mit dem eigenen Auto und nicht mehr so oft an Bahnhöfen unterwegs. Seitdem wird der heute 34-Jährige nicht mehr so häufig von Polizisten angesprochen. Er hat auch schon länger nicht versucht, eine Disco zu betreten – an bestimmten Orten sei er nie reingelassen worden.

Doch weiterhin begegne ihm ständig Alltagsrassismus, berichtet er. Etwa, wenn ihn jemand auf Englisch anspricht, weil der Dunkelhäutige ja aus Sicht dieser Person offenbar sicher kein Deutsch spricht – ohne je ein Wort von ihm gehört zu haben.

Mit „Schoko“ spiele man nicht, wurde der Tochter gesagt

Djine hat zwei kleine Töchter, die in Dortmund geboren wurden und dunklere Haut haben als viele andere Kinder. Für sie will er etwas bewegen. Es sei schon schön gewesen, zu sehen, wie viele Menschen im vergangenen Sommer auf dem Hansaplatz unter dem Motto „Black Lives Matter“ für Gleichberechtigung demonstriert haben. Doch bei der zweiten Demo zum Thema war schon nur noch ein Bruchteil der Teilnehmer vor Ort.

Die heute sechsjährige Tochter habe mal erzählt, dass ein anderes Kind nicht mit ihr spielen wollte, berichtet der Familienvater. Weil das Mädchen „Schoko“ sei, und mit „Schoko“ spiele man nicht. Das erzählt er gar nicht mal besonders emotional – er wirkt abgehärtet. Und er sagt: „Wir sind als Gemeinschaft nur am Anfang.“

Über den Autor
Redaktion Dortmund
Kevin Kindel, geboren 1991 in Dortmund, seit 2009 als Journalist tätig, hat in Bremen und in Schweden Journalistik und Kommunikation studiert.
Zur Autorenseite
Kevin Kindel
Lesen Sie jetzt