Drogensumpf, Nazis, Jagd auf Afrikaner – Die schlimmsten Momente im Dortmund-Tatort

dz50 Jahre Tatort

Der Dortmund-Tatort ist kein Wohlfühl-TV, doch in manchen Episoden ist nach dem Empfinden vieler Dortmunder zu viel Dunkel-Dortmund zu sehen. Ein Rückblick auf die größten Aufreger.

Dortmund

, 17.11.2020, 17:30 Uhr / Lesedauer: 4 min

Dortmund und sein Fernseh-Tatort – das war anfangs die pure Begeisterung. 2010, schon ein Jahr, bevor feststand, dass Dortmund Tatort-Stadt wird, forderte der damalige Oberbürgermeister Ullrich Sierau, dass nach Köln und Münster nun „Dortmund mal dran ist“.

Der erste Bürger der Stadt hatte damals sogar schon eine Idee für das erste Drehbuch: „Junger Wissenschaftler aus der Region schafft über die Hochschule den Aufstieg, gründet ein Start-Up-Unternehmen, hat bahnbrechenden Erfolg – und finstere Typen heften sich an seine Fersen“, schrieb er in einem Gastbeitrag für den Berliner „Tagesspiegel“.

Als dann die Katze aus dem Sack war, schwärmte Matthias Rothermund, Geschäftsführer von Dortmund-Tourismus, über den PR-Effekt der Krimireihe: „Das ist eine riesige Geschichte. Da kann man viel Positives fürs Dortmund-Image transportieren – selbst mit kriminellen Themen und Kapitalverbrechen.“ Und Sierau freute sich. Der Tatort adele die Stadt: „Es ist eine gute Gelegenheit, über den Tatort das neue Bild von Dortmund kommunizieren zu können.“ Man werde Dortmund hoffentlich „relativ echt und authentisch erleben“.

Perspektivlosigkeit statt Innovationen

Doch es kam anders. Viele Themen, die der Tatort aus Dortmund bislang aufgegriffen hat, sind tatsächlich authentisch, aber: Spielte die erste Episode (Alter Ego 2012) noch am Phoenix-See in einem Dortmunder High-Tech-Unternehmen, das Roboter herstellt, und in der Villa eines ehemaligen Stahlbarons, gab es in den nächsten Folgen meist abgeranzte Hausfassaden statt cooler Start-Ups zu sehen. Perspektivlosigkeit und Tristesse mit einem Ermittler, der Psycho-Pillen schluckt und anfangs sogar mit einem Baseball-Schläger um sich haut. Duisburg und Schimanski lassen grüßen.

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Regisseur Thomas Jauch, der drei (darunter die ersten zwei) von insgesamt bislang 16 gesendeten Dortmund-Tatorten gedreht hat, nennt das „die Rückseite“ der Stadt, die Licht und Schatten habe. Für Szenen mit besonders verwahrlosten Verhältnissen und Kulissen dreht man auch mal gerne außerhalb Dortmunds. Hauptdarsteller Jörg Hartmann hat über das Düstere im Dortmund-Tatort gesagt: „Wir machen kein Rosamunde Pilcher.“

So ging es 2012 in der zweiten Episode „Mein Revier“ um Drogenkriminalität sowie um den Verteilungskampf zwischen alteingesessenen Türken und jungen Bulgaren im knallharten Prostituierten- und Arbeiterstrich-Milieu der Nordstadt. Das Echo in der Stadt war geteilt – auch wegen der schäbigen Kulissen und Schmuddel-Milieus.

„Schäbiges Ambiente und Uralt-Klischees“

Die Dortmunder Neonazi-Szene wurde in „Hydra“ (2015) thematisiert, einem der stärksten Tatorte aus der Ruhrgebietsstadt, aber angesichts des Sujets ebenfalls mit Graufilter. Prof. Dr. Hartmut Holzmüller, Marketing-Experte der TU Dortmund, kritisierte anschließend, 9,11 Millionen Menschen hätten an diesem Sonntag indirekt folgende Botschaft bekommen: „Hier ist es hässlich, die Polizei merkwürdig, der braune Sumpf zu Hause und nahe am Fußballklub. Das hat eine Wirkung.“

Ihn ärgerten immer dieses schäbige Ambiente und die Uralt-Klischees im Dortmunder Tatort, so Holzmüller: „Dortmund besteht nicht nur aus Phoenix-West und alten Hinterhöfen.“

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Eine Immobilienmaklerin beschwerte sich öffentlich, dass ihr wegen dieses Tatorts ein kurz vor Abschluss stehender Vertrag geplatzt sei.

Anders der damals amtierende OB Sierau, ein Kämpfer gegen Rechtsextremismus, der die Kritik an der Episode „Hydra“ nicht teilte. „Der beste Tatort, den es je über Dortmund gab. Der war gut inszeniert“, sagte er. Ein Tatort überzeichne immer. Doch das Image Dortmunds als bunte und vielfältige Stadt habe sich in den letzten Jahren nachhaltig positiv verändert. „Das kann auch ein so singulärer Tatort nicht zurückholen“, so der OB, „ich freue mich schon auf den nächsten.“

Wieder das geballte Elend

Allerdings nur zwei Folgen später dürfte er als Dortmund-Enthusiast wenig Freude an seinem Tatort gehabt haben. „Kollaps“ (2015) zeigte die Stadt wieder aus dem Blickwinkel von Fremdenfeindlichkeit und Drogenkriminalität – das geballte Elend. Bahnhofsvorplätze, Parks, Kinderspielplätze, überall wird mit Drogen gedealt. Ein Mädchen buddelt vergrabene Kokain-Kapseln aus dem Spielplatzsand, schluckt sie und stirbt. In der Nachbarschaft formiert sich eine Bürgerwehr, die Jagd auf afrikanische Dealer macht.


Befragung bei Bier und Korn: Die Kommissare Nora Dalay (Aylin Tezel, v.l.) und Jan Pawlak (Rick Okon) mit dem ehemaligen Bergmann Stefan Kropp (Andreas Döhler) in dem wegen seiner Klischees umstrittenen Tatort „Zorn“.

Befragung bei Bier und Korn: Die Kommissare Nora Dalay (Aylin Tezel, v.l.) und Jan Pawlak (Rick Okon) mit dem ehemaligen Bergmann Stefan Kropp (Andreas Döhler) in dem wegen seiner Klischees umstrittenen Tatort „Zorn“. © WDR/Martin Valentin Menke

Doch das Fass zum Überlaufen brachte die 13. Folge „Zorn“ (2019). Es ging ein breit getragener Aufschrei durch die Stadtgesellschaft angesichts der Bilder und Klischees, die mit dieser Episode in die bundesdeutsche Fernsehlandschaft ausgestrahlt wurden.

Die Folge thematisierte unter anderem das Ende des Steinkohlebergbaus im Ruhrgebiet. Als Kulisse dienten eine verlassene Bergarbeitersiedlung in Marl mit Bretterverschlägen vor den Türen sowie eine Kneipe, in der sich Ex-Kumpel im Jogging-Anzug die Hucke vollsaufen. Sierau platzte der Kragen. Er schrieb einen offenen Wut-Brief an den WDR-Intendanten Tom Buhrow.

Buhrow: „Kunst ist ein hohes Gut“

Er müsse seine „früher getätigte Aussage, dass ein ‚Tatort‘ die Stadt adelt, revidieren“, wetterte Sierau. „Was sich in vorherigen Folgen schon angedeutet hat, lässt sich nach der Folge von Sonntag nur als fortwährendes Mobbing gegenüber einer Stadt, einer Region sowie den dort lebenden Menschen bezeichnen“, schrieb der OB. Die Art und Weise, wie Dortmund und die gesamte Region dargestellt würden, sei „an Klischeehaftigkeit nicht mehr zu überbieten.“

Die Kritik von Oberbürgermeister Ullrich Sierau am Dortmund-Tatort sorgte für Schlagzeilen.

Die Kritik von Oberbürgermeister Ullrich Sierau am Dortmund-Tatort sorgte für Schlagzeilen. © Montage Ruhr Nachrichten

Auch ein Krimi-Drehbuch sollte „ein Mindestmaß an Bezug zur Realität vorweisen“, forderte Sierau weiter. Das wütende Schreiben gipfelte in Sieraus Wunsch: „Ich persönlich hätte nichts dagegen, wenn Sie den Dortmund-Tatort einstellen und Kommissar Faber und sein Team in den vorzeitigen Ruhestand schicken würden.“

Buhrow antwortete, ein Tatort habe nicht die Aufgabe, „das Image einer Stadt oder einer Region aufzupolieren. Die Freiheit der Kunst ist ein hohes Gut. Und ich habe erstaunt zur Kenntnis genommen, dass Sie gleich den ganzen Dortmunder Tatort loswerden wollen.“ Er frage sich, „ob es wirklich im Sinne der Dortmunderinnen und Dortmunder ist, wenn Sie sagen, dass Sie das erfolgreiche Team um Kommissar Faber gerne ziehen lassen würden.“

Vorschlag: Jockey-Mord auf der Rennbahn

Der Vorsitzende des Dortmunder Cityrings, der Vereinigung der aktiven Innenstadt-Kaufleute, lieferte Vorschläge, welche Themen man gerne im Dortmund-Tatort sehen würde: ein Jockey-Mord auf der Rennbahn, Mord eines Fischgroßhändlers auf dem Großmarkt oder ein an einem Zurrgurt erhängter Gesellschafter eines Forschungsinstitutes.

Das Münchener Tatort-Team mit Udo Wachtveitl als Hauptkommissar Franz Leitmayr und Miroslav Nemec als Ivo Batic, das zusammen mit den Dortmundern den Jubiläums-Tatort zum 50-Jährigen der Fernsehreihe gemacht hat, hat die Diskussion damals verfolgt und durchaus Verständnis für den Protest: „Die Stadt Dortmund hat ja nun wirklich Probleme und auch ein Imageproblem“, sagt Wachtveitl, aber Klischees sind immer fragwürdig. Und auch Trübnis-Kitsch bleibt Kitsch.“

„Und dass darauf immer wieder und als einzige Wahrheit herumgehackt wird, ist natürlich für die Stadt ein Ärgernis. Also ich verstehe den Oberbürgermeister, wenn er sich beklagt, dass die Stadt auch mal von der helleren und sonnigeren Seite dargestellt werden könnte. Ich kann das nachvollziehen.“ München bekomme dafür andere Prügel, sagt Nemec, etwa für die Darstellung der Schickimicki-Szene, „die ja auch nie so ist, wie sie dargestellt wird.“

Inzwischen ist der Streit beigelegt. Jörg Hartmann und Ullrich Sierau haben sich am Rande eines Tatort-Drehs zum Friedensgipfel bei einem Bier getroffen.

Bei einem Friedensgipfel auf Phoenix-West legten Dortmunds OB Ullrich Sierau und Faber-Darsteller Jörg Hartmann den Streit bei.

Bei einem Friedensgipfel auf Phoenix-West legten Dortmunds OB Ullrich Sierau und Faber-Darsteller Jörg Hartmann den Streit bei. © WDR/Willi Weber

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