Tahir Akbas fährt seit 1984 in Dortmund Taxi. Der 60-Jährige gehört zum Vorstand der Taxi-Genossenschaft. © Björn Althoff
Corona-Flaute

Dramatisches Minus: Gibt es nach Corona in Dortmund noch genügend Taxis?

Kein Borussia-Heimspiel, kein Weihnachtsmarkt, kein Nachtleben, keine Feiern – die Taxifahrer in Dortmund klagen über enorme Einbußen. Wie viele Taxis werden wohl nach Corona noch da sein?

„Die Politik hat uns vergessen.“ Tahir Akbas spricht ruhig, aber man merkt seinen Ärger. Seit 1984 fährt er in Dortmund Taxi. Heute ist der 60-Jährige Vorstand der Taxi-Genossenschaft.

Viel hat er erlebt in all diesen Jahren, den Strukturwandel von der „reinen Industriestadt mit bewegtem Nachtleben“ hin zum heutigen Dortmund. So eine Krise wie Corona 2020 hat Akbas aber noch nicht erlebt.

„Im April hatten wir 70 Prozent minus, jetzt sind wir wieder bei 63 Prozent minus. Das heißt für uns: nackter Überlebenskampf.“

Nur zwei Fahrten in der Schicht von 18 bis 2 Uhr

In der üblichen Abendschicht von 18 bis 2 Uhr „hat man mit Glück zwei Fahrten gemacht. Mehr ist nicht drin.“ Das Maximum für einen Taxler, der sich am Hauptbahnhof postiere, seien drei bis fünf Touren. Und die führten kaum noch in Vororte oder andere Städte, sagt Akbas.

Was da übrig bleibe pro Abend? 20 Euro vielleicht. „Aber die Kollegen sagen: Auch auf das sind wir angewiesen, damit wir am nächsten Tag für zuhause einkaufen können.“

Zulassung bedeutet auch „Fahrpflicht“

Auch andere leiden unter dem Lockdown: die Gastronomie etwa, die Hoteliers. Die seien aber Thema bei der Politik, „wir Taxler hingegen werden nicht berücksichtigt.“

580 Taxen haben eine Zulassung von der Stadt Dortmund. Sie bedeutet nicht Erlaubnis, sondern „Fahrpflicht“. Wer ein Taxi hat, muss raus – es sei denn, er beantragt eine Freistellung für einen bestimmten Zeitraum oder direkt eine Stilllegung für immer.

BVB-Heimspiele sind die größte Einnahmequelle

Normalerweise bringt Borussia das große Geschäft. „Bei Heimspielen haben wir mittlerweile 3000 bis 5000 Fußball-Touristen hier“, überschlägt Akbas. Englische Fanclubs, BVB-Anhänger aus ganz Deutschland – alle in Hotels, viele Wege mit dem Taxi. Wer Flug, Hotel, Eintrittskarte, viel Bier bezahlt, schaut auch nicht mehr genau, wie hoch der Betrag auf dem Taxameter ist.

Nicht nur die Stadionbesucher bringen Geld. Auch diejenigen, die in der Kneipe schauen, dann nicht mehr selbst fahren und auf Bus oder Bahn keine Lust mehr haben.

Deutliches Zeichen an der Beifahrertür: Vorne darf nur der Fahrer sitzen.
Deutliches Zeichen an der Beifahrertür: Vorne darf nur der Fahrer sitzen. © Björn Althoff © Björn Althoff

Doch es fehlt nicht nur Borussia, unterstreicht Akbas: leere Büros, keine Geschäftsreisen, weniger Touren zum Flughafen, keine Feiern, abends alles zu.

„Wir hatten auf den Weihnachtsmarkt gehofft, aber auch der wurde ja abgesagt.“ An Heiligabend machten die Taxler fast 50 Prozent der Einnahmen vom Vorjahres-Fest. Das war schon der enorme Ausreißer nach oben im Jahr 2020.

Wer Arztfahrten hat, „kann sich ein bisschen über Wasser halten“

Etwa 430 der 580 Taxler sind in der Genossenschaft organisiert. Die meisten sind Einzelunternehmer, es gibt Familienbetriebe mit zwei bis vier Fahrern, nur wenige größere Unternehmen. Wer unter 0231/144444 anruft, bekommt den Fahrer vermittelt, der die kürzeste Anfahrt hat.

Wer schon länger im Geschäft sei und feste Kundenkreise habe – etwa durch Arztfahrten tagsüber – „kann sich ein bisschen über Wasser halten“, sagt Akbas. Wer aber anhängig sei von einzelnen Bestellungen oder vom „Einsteiger“, wie die Laufkundschaft unter Taxlern genannt wird, „der hat es sehr, sehr schwer.“

Erst drei Stilllegungen, aber Sorge vor den nächsten Monaten

Bisher hätten erst zwei oder drei Kollegen ihre Taxen stillgelegt. Die meisten würden hoffen und im Zweifel an finanzielle Rücklagen gehen. „Aber warten wir mal ab. Wenn die Wirtschaftsberichte stimmen, wird es düster. Es wird erwartet, dass es im Februar zu vielen Insolvenzen kommt.“ Dann dürfte es auch mehr Stilllegungen geben.

Bei aller Dramatik: „Wir in Dortmund sind immer noch in einer sehr guten Lage im Vergleich zu anderen Städten unserer Größenordnung.“ In Hannover und Düsseldorf beispielsweise, wo Messen, Konzerte, die Flughäfen größeren Rollen spielten, „gibt es viel mehr Stilllegungen und Freistellungen“, weiß Akbas, der deutschlandweit vernetzt ist: „Bei denen ist alles zusammengebrochen.“

Über den Autor
Redaktion Dortmund
Jahrgang 1977 - wie Punkrock. Gebürtiger Sauerländer. Geborener Dortmunder. Unterm Strich also Westfale.
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Björn Althoff

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