Die aktuelle Situation in der Dortmunder Innenstadt nach mehrmonatigem Lockdown. Ein wohnungsloser Mensch spiegelt sich im Schaufenster, während eine Passantin den Weg kreuzt. © Sarah Rauch
Westenhellweg

Dortmunds City im Lockdown: Drogenszene vor geschlossenen Geschäften

Was macht es mit einer Innenstadt, wenn sie nicht mehr ihren Zweck erfüllen kann? Die Dortmunder City war seit Dezember im Lockdown. Die Veränderung ist sichtbar.

Wer über den Lockdown redet, der muss auch darüber reden, was er mit den Innenstädten macht. Dem Westenhellweg und den umliegenden Straßen des Dortmunder Zentrums fehlt das, worauf sie ausgelegt sind: Massen an Menschen und der Konsum.

Was bleibt, war über die zurückliegenden zwölf Wochen in der City zu beobachten. Denn es werden in Teilen der Innenstadt diejenigen sichtbar, die auch vorher schon da waren, aber nur am Rande auffielen.

Menschen, die auf der Straße leben oder in einer Zwischenwelt von Übernachtungsstellen, Kurzzeit-Wohnungen oder selbstgebauten Unterkünften, nehmen den Platz ein, der frei wird.

Schlaflager, die einfach liegen bleiben

Es hat sich in den vergangenen Monaten eine friedliche Ko-Existenz entwickelt. Schlaflager in Eingängen von Geschäften werden gar nicht erst wieder abgebaut, weil niemand kommt, der das Geschäft betritt.

Am Bergmann-Kiosk hat ein wohnungsloser Mann namens Stefan in diesem Winter häufiger sein Lager aufgeschlagen, das wird toleriert. Hier kommen andere Wohnungslose vorbei und unterhalten sich mit ihm über die Lage auf der Straße und über die Hürden der Bürokratie.

Schwierig sei es geworden, seit die Innenstadt leer ist, erzählen manche. Andere berichten dagegen, die Hilfsbereitschaft sei größer geworden. Zugleich reagierten einige Menschen gereizt auf Fragen.

Geschrei auf dem Westenhellweg

Das zeigt eine Szene auf dem Westenhellweg. Ein Mann spricht auf dem Westenhellweg einen Vater und eine Mutter an, die mit ihrem Sohn unterwegs sind. Sie wollen ihm nichts geben, der Mann läuft weiter neben ihnen her und redet auf sie ein.

Die Eltern verlieren die Geduld, werden laut. Es fallen Sätze wie „Geh arbeiten!“ und „Lass die Drogen weg!“.

Das Ganze endet in Geschrei, zwei Mitarbeiter des Ordnungsamts stehen neben der Szenerie. „Wir können nichts machen“, sagen sie dem aufgebrachten Vater.

Manche Dortmunder empfinden mittlerweile den Gang durch die Innenstadt als „Stress“, weil sie alle paar Meter angesprochen werden.

Drogenszene an der Thier-Galerie

In das Bild mischt sich zunehmend eine offene Drogenszene, die sich rund um die Thier-Galerie ihren Raum sucht und sich dabei nicht versteckt. Hier am Gesundheitsamt befindet sich die städtische Methadon-Ausgabestelle „Café Kick“.

Ein zugerufenes „Steine?“, nervöse Blicke, ein kurzer Handschlag, vor sich hin fluchende Männer und Frauen, gelegentlich handgreiflicher Streit um die Ware. In den Fenster-Buchten der Thier-Galerie rauchen Männer und Frauen offen Stoffe auf Alufolie. Mutmaßlich kann es sich hierbei wohl um Heroin handeln.

Augenfällig ist das Problem auch für jeden, der an der Stadtbahn-Haltestelle Stadtgarten aussteigt. Eine wahre, unlängst erlebte Szene: An einem normalen Wochentag stehen fünf Personen nachmittags nervös und teils mit Drogen-Utensilien hantierend vor dem Ausgang, einige Meter weiter steht eine Gruppe zusammen.

Das sind alles keine Bilder, die man aus Dortmund nicht kennen würde. Aber sie schaffen in Verbindung mit der Stille des Lockdowns ein befremdliches Gefühl. Denn es fehlt der Kontrast, das Lebendige und Bunte, das die Dortmunder Innenstadt in ihren guten Momenten ausmacht.

Die Planer von Innenstädte stehen vor einer großen Herausforderung

Für Innenstädte landauf, landab bedeutet die derzeitige Situation eine der größten Herausforderungen der jüngeren Geschichte.

Wenn der Plan mit den Lockerungen und den Inzidenzen so hinhaut, kehrt bald bald langsam wieder mehr Leben ein hinter die zurzeit weitgehend dunklen Geschäftsfassaden. Damit würde auch der Kontrast wieder deutlicher.

So möchte Oberbürgermeister Thomas Westphal die Innenstadt stärken

Einige Läden werden nicht wieder eröffnen oder auf absehbare Zeit in Probleme geraten. Das bedeutet weitere Sorgen für einen Innenstadt, die mit dem Kaufhof-Leerstand eigentlich schon eine übergroße Aufgabe vor der Brust hat.

Mitte Februar hat Oberbürgermeister Thomas Westphal (SPD) ein Programm zur Zukunft der Innenstadt vorgestellt. „Die Stärkung der City hat absolute Priorität“, sagt der OB.

Ein wohnungsloser Mann schläft auf dem Ostenhellweg. © Sarah Rauch © Sarah Rauch

Mehrere „Maßnahmenpakete“ sollen helfen. Es gibt ein Förderprogramm des Landes NRW, mit dem Konzepte für leerstehende Immobilien wie das Kaufhof-Gebäude entwickelt werden.

Kurzfristig helfen könnten die Verstärkung des Kommunalen Ordnungsdienstes und des Service- und Präsenzdienstes oder der Umbau der Beleuchtung auf LED-Technik.

Wohnen in der Innenstadt wird wichtiger

Weitere „Ad-hoc-Maßnahmen“ seien etwa die Sonderreinigung der gesamten City, neue Sitzgelegenheiten sowie temporäre und mobile Pflanzelemente oder Pop-Up-Grünflächen.

„Die Handelslandschaft wird künftig anders aussehen. Das sehen alle Akteure so. Darauf müssen und werden wir uns einstellen“, so Thomas Westphal.

Dem Rat sollen deshalb in einem weiteren Schritt auch Maßnahmen vorgeschlagen werden, wie der Kulturbereich mögliche Leerstände nutzen kann. Und: Das Thema Wohnen in der Innenstadt werde verstärkt in den Mittelpunkt rücken, so der Oberbürgermeister.

Über den Autor
Redaktion Dortmund
Seit 2010 Redakteur in Dortmund, davor im Sport- und Nachrichtengeschäft im gesamten Ruhrgebiet aktiv, Studienabschluss an der Ruhr-Universität Bochum. Ohne Ressortgrenzen immer auf der Suche nach den großen und kleinen Dingen, die Dortmund zu der Stadt machen, die sie ist.
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Felix Guth

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