Eine junge Frau wurde in Dortmund Opfer von rassistischen Anfeindungen heftigster Art. Unterstützung erfuhr sie erst, als sie den Vorfall öffentlich machte.

von Daniel Reiners

Dortmund

, 23.09.2020, 04:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

7600 Menschen haben den Instagram-Post, in dem die Studentin Emiliana von ihren Erlebnissen des vergangenen Wochenendes erzählt, innerhalb kürzester Zeit angeklickt und mit einem Herz versehen - als die junge Dortmunderin auf die Hilfe in der realen Welt angewiesen war, stand sie mit ihrem pochenden Herz allerdings scheinbar alleine da.

So schildert Emiliana einen rassistischen Angriff, der sich am 19. September abends auf den Stufen hinter dem Dortmunder U zugetragen haben soll. Emiliana bezeichnet sich selbst als Deutsche mit afrikanischen Wurzeln.

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"Ich habe relativ lange überlegt, ob ich mich zu dem Vorfall (...) äußern sollte und will oder nicht", so beginnt der Instagram-Post. Dann folgt die detaillierte Schilderung des Abends, dessen Ereignisse sie nach wie vor sprachlos machen.

An jenem Tag gegen 21:40 Uhr habe sich die junge Frau Anfang 20 zusammen mit Freunden auf dem Treppenabschnitt zwischen dem ehemaligen Skatepark Utopia und dem Dortmunder U niedergelassen. Um die Gruppe herum hätten sich zu diesem Zeitpunkt etwa 60 flanierende Menschen aufgehalten. Nachdem sich ihre Freunde auf den Weg zu einer naheliegenden Pizzeria gemacht hätten, sei Emiliana alleine auf den Treppen geblieben, um auf die Taschen aufzupassen.

"Wenn ihr wenigstens die Sklavenzeit zurückbringen würdet"

Nach wenigen Minuten seien dann zwei offensichtlich alkoholisierte Männer zwischen 30 und 50 Jahren alt direkt auf sie zugekommen; hätten sich neben und vor ihr ausgebreitet und ihr unverblümt ins Gesicht gesagt: "Warum bist du hier? Ich komme doch auch nicht in dein Land und mache Ugah-Ugah."

Der andere sei fortgefahren: "Wenn ihr euch in Deutschland wenigstens nützlich machen und die Sklavenzeit zurückbringen würdet... Dich sollte man an den Zitzen aufhängen und verbrennen."

Unter Schock habe Emiliana versucht, sich verbal zur Wehr zu setzen. Laut eigener Angaben stand sie zu diesem Zeitpunkt alleine in der Konfrontation mit den Männern, wenngleich etliche anwesende Personen den Vorfall mitbekommen hätten.

Emiliana hat auf Instagram etwa 1300 Follower, also Personen, die ihre Bilder und Posts regelmäßig verfolgen. Diese Plattform nutzt die Studentin nun auch, um auf ihr Erlebnis aufmerksam zu machen.

Der Post zu dem von ihr jüngst geschilderten Vorfall vom Samstag hat dabei die bisher mit Abstand größte Resonanz auf ihrem Kanal erreicht; mit einem Vorsprung von rund 7000 bekundeten "Herzen" gegenüber anderen, meist privaten Posts.

Die Treppenstufen hinter dem Gebäude des Dortmunder U sind ein beliebter Treffpunkt bei jungen Menschen, gerade an den Wochenenden. Hier wurde Emalinina am Samstag (19.9.) Opfer der rassistischen Angriffe.

Die Treppenstufen hinter dem Gebäude des Dortmunder U sind ein beliebter Treffpunkt bei jungen Menschen, gerade an den Wochenenden. Hier wurde Emalinina am Samstag (19.9.) Opfer der rassistischen Angriffe. © Daniel Reiners

"Es ist unfassbar, dass man im Internet plötzlich eine so große Resonanz erfährt, im Vergleich aber scheinbar nur so wenige Menschen vor Ort bereit wären, in der Situation einzuschreiten", sagt Emiliana im Gespräch mit unserer Redaktion.

Trotzdem sei sie erfreut über die späte, dafür aber umso größere Resonanz. Zur Verteidigung der bei dem Vorfall anwesenden fremden Personen sei zudem gesagt, dass es sich nicht mit Sicherheit nachvollziehen lässt, wer genau was mitbekommen hat. Laut Einschätzung Emiliana sei ihre Notsituation aber ohne Frage offensichtlich gewesen.

Instagram als Sprachrohr gegen Rassismus und Sexismus

Um aktiv vorzugehen gegen Rassismus, Sexismus und Gewalt gegen Frauen, nutzen viele Menschen Onlineplattformen. So hat es sich auch der Instagram-Kanal "catcallsofdortmund" erst vor wenigen Wochen zur Aufgabe gemacht, erlebte Verbal-Angriffe gegen Frauen auf der Internetplattform zu sammeln und dann auf öffentlichen Straßen in Dortmund mit Kreide "anzukreiden". Auch in diesem Fall hatten die Initiatorinnen innerhalb kürzester Zeit ein großes Feedback erhalten.

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Aller geschilderten Instagram-Arbeit gemein ist der Wunsch der Urheber, solche real-erlebten Erlebnisse einer breiten Öffentlichkeit bekannt zu machen, und schließlich also die Zivilcourage in der Bevölkerung zu stärken. "Stille und Nichtstun sind Gewalt", heißt es in einem anderen Post auf Emilianas Kanal. Und weiter: "Wenn ihr etwas mitbekommt, schaut nicht weg", gefolgt von einer wissenschaftlichen Information über den Effekt der "Diffusion der Verantwortung", also dem Phänomen, dass der einzelne sich nicht mehr in der Verantwortung sehe, wenn sich viele Menschen an einem Ort befänden.

An besagtem Samstagabend sie die Angst für sie das schlimmste gewesen, so Emiliana. Die Angst und die Hilflosigkeit gegenüber einer Situation, mit der sie zunächst gar nicht umzugehen wusste. Erst, als zwei ihrer Freunde zurückkamen, um ihr zu helfen, konnte Emiliana wieder Gedanken fassen, sagt sie - bis die Täter dann schließlich einfach verschwanden.

Internet versus Realität

Mittlerweile hat sich Emiliana von dem Schock weitestgehend erholt und hat ihre Gedanken geordnet. Der jüngste Post der Dortmunderin besteht aus nur einem Wort, groß über den Bildschirm verteilt:

"Danke", ist dort zu lesen.

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