Durch Corona getrenntes Paar: Dortmunderin kämpft für ein Wiedersehen

dzCoronavirus

Viele binationale Paare können sich wegen des Coronavirus im Augenblick nicht sehen. So wie die Dortmunderin Sandra Bolesch und ihr Freund Jose Ramirez. Aber es gibt Hoffnung.

Dortmund

, 01.08.2020, 17:20 Uhr / Lesedauer: 4 min

Fast schon ein ganzes Jahr haben sie sich nicht mehr in Natura gesehen. Zwischen ihnen der Atlantische Ozean, und obendrein keine Möglichkeit, an dieser Situation in absehbarer Zeit etwas zu ändern - und dennoch sind sie in einer Beziehung: Was klingt, wie ein trauriger Einzelfall, kommt häufiger vor, als so mancher denkt.

Genau so ergeht es Sandra Bolesch und ihrem Freund Jose Ramirez zurzeit. Denn Sandra Bolesch lebt in Dortmund, ihr Freund in Santo Domingo, der Hauptstadt der Dominikanischen Republik. Seit September, als die 30-Jährige ihren letzten Urlaub dort verbrachte, haben sich die beiden nicht mehr gegenüber gestanden.

Ursprünglich war geplant, dass Jose Ramirez Sandra Bolesch im Frühjahr besucht.

Coronavirus verhindert ein persönliches Treffen

Doch das Coronavirus machte den beiden einen dicken Strich durch die Rechnung. Jetzt will sich das Paar im September wiedersehen, ein Jahr nach ihrem letzten persönlichen Treffen.

Jetzt lesen

Helfen soll dabei eine Bewegung, die im Internet entstanden ist und stetig wächst. Die Initiative „Love is not tourism“ (deutsch: „Liebe ist kein Tourismus“) setzt sich dafür ein, dass auch unverheirateten Paaren ein Wiedersehen ermöglicht wird. Sandra Bolesch hat sich dem Netzwerk angeschlossen und freut sich über die Beteiligung: „Es ist schön zu sehen, wie groß das Interesse ist“, sagt die Dortmunderin.

Im Augenblick sieht die Rechtslage in Deutschland bei unverheirateten, binationalen Paaren so aus, dass derjenige, der außerhalb des Schengenraums wohnt, nicht einreisen darf. Und selbst für verheiratete Paare ist die Einreise des Partners nicht selbstverständlich: Momentan darf nur dann aus einem Drittland eingereist werden, wenn man bereits zuvor seinen „gewöhnlichen Aufenthaltsort“ im Schengenraum hatte, andernfalls greifen dieselben Regeln wie für unverheiratete Paare.

Öffnung einiger Länder gibt dem Paar Hoffnung

Hoffnung ziehen Paare wie Sandra Bolesch und Jose Ramirez aus der Tatsache, dass einige Länder Besuche zwischen unverheirateten Paaren ermöglichen. Dänemark, Norwegen und die Niederlande waren die frühen Vorreiter, Österreich und Tschechien zogen kürzlich nach, die Schweiz plant die Öffnung, ohne bislang ein konkretes Datum veröffentlicht zu haben.

Kennengelernt haben sich die Dortmunderin und ihr Freund, als Bolesch 2017/18 ihren Freiwilligendienst in der Dominikanischen Republik absolvierte. „Er hat in Santo Domingo gearbeitet und ich war in der Hauptstadt gerade zu Gast. Und dann haben wir uns ganz klassisch beim Feiern kennengelernt“, sagt Bolesch und lacht.

Jetzt lesen

Mittlerweile hat sich die Situation zwar eingespielt - von Normalität sind Sandra Bolesch und Jose Ramirez nach zehn Monaten virtueller Beziehung jedoch immer noch weit entfernt. Für beide ist die Situation schwierig.

„Eine Freundin von mir hat das ganz schön auf den Punkt gebracht. Sie hatte neulich einen schlechten Tag und hat sich dann mit den Worten getröstet: ‚Ach, es gibt ja auch Menschen, denen es noch schlechter geht - zum Beispiel dich, Sandra.‘ Da dachte ich: ‚Okay, danke‘“, erzählt Bolesch lachend.

Den Humor - wenn auch mit einem leicht bitterem Beigeschmack - hat sie nicht verloren. Aber auch ihr Freund in der Dominikanischen Republik hadert mit der Situation. Ein Gefühl der Unsicherheit sei da, sagt er. „Und dass ich hilflos bin, nichts tun kann, das beeinträchtigt mich täglich.“

Der Druck der Bewegung wächst

In Deutschland wächst indes der Druck der Bewegung. Am 24. Juli fand eine Demonstration in Berlin statt, weitere Aktionen sollen folgen. Die deutschsprachige Petition, die auf der Plattform „Change“ zu finden ist, haben mittlerweile fast 30.000 Menschen unterschrieben.

Die Vernetzung via Facebook, Twitter oder Instagram ist aber nicht nur ein reines Instrument, um die Bewegung bekannter zu machen. Vielmehr tauschen sich die Teilnehmer über ihre Schicksale aus.

Jetzt lesen

Auch Sandra Bolesch hat per Instagram ihre Geschichte geteilt. Die Dortmunderin, die sich an der FH Dortmund im International Office um Studenten aus aller Welt kümmert, ist aber längst nicht die Einzige, die ihre Geschichte im Netz erzählt. Viele Menschen rund um den Globus berichten von ihren Erfahrungen.

Sieh dir diesen Beitrag auf Instagram an

MEET JOSÉ AND SANDRA “May I present... This is us: café ☕ con leche , José [Dominican Republic] y Sandra [Germany], double trouble or simply team weirdos. There were many names given to us either by friends, complete strangers or simply by ourselves over the time. And by time I mean the last 2 years of which we've spent most of the time seperated. We met during my voluntary service in the Dominican Republic. One weekend, I left my village in the mountains to spend time with my friends in the capital. Of course, they wanted to party. I remember feeling tired and absolutely NOT in the mood to go out at ALL. Therefore, I didn't put on any makeup and chose my "comfy dress" which I bought for 7€ or less on sale at least 5 years ago. Anyhow, I entered a colmado (small place to grab a beer) and before I saw him, I heard him. I don't quite remember what his exact words were, but it was something super exaggerated (though super self-confident) and way too loud like 'dammmmnnn look at youuuuu' which both shocked & surprised me so much I couldn't help but laughing. From that moment on, we started a hell of an adventure and even though we have not been a couple right away, we were both unable to forget each other & ALWAYS found our way back together. ‍‍ I last saw mi amor in September— TEN months ago. WE. CANNOT. WAIT. to start our future!!” #longdistancerelationship #longdistancelove #longdistanceromance #internationalcouple #pandemic #ldr #lockdownlove #partnersapart #internationallove #globalcouple #ldrstory #reunite #loveisessential #ldrcouple #distancelove #longdistance #letusreunite #loveisnottourism #travelban #missingyou #lovestory #loveisessentiel #dominicanrepublic #germany #dominican #german #european #travelcouple

Ein Beitrag geteilt von Partners Apart (@partnersapart) am

Andere sind noch erschütternder und machen betroffen: „Es gibt da sehr tragische Fälle von Pärchen. Ich habe beispielsweise mit einer Frau aus München geschrieben, die in zehn Wochen ihr Kind kriegt und ihr Mann ist in Costa Rica. Trotzdem können sich die beiden nicht sehen“, erzählt Bolesch.

Die Chancen auf ein Treffen von Bolesch und Ramirez sind in der Schwebe. Einerseits wurde das bereits zu Beginn des Jahres beantragte Visum von Jose Ramirez - auch mithilfe von Sandra Bolesch, die die Deutsche Botschaft regelmäßig mit An- und Rückfragen „nervte“, wie sie sagt - Anfang Juli endlich bewilligt.

Auswärtiges Amt warnt vor Reisen in die Region

Andererseits zählt die Dominikanische Republik laut Robert-Koch-Institut zu den Risikogebieten. Das Auswärtige Amt warnt derzeit vor Reisen in den karibischen Inselstaat, auch wenn die Grenzen für Touristen aus der EU wieder geöffnet sind, zumindest im Moment noch. Denn die Situation vor Ort ist alles andere als rosig.

„Die Lage hier vor Ort ist traurig, besonders bei unserem Gesundheitssystem“, sagt Jose Ramirez. „Einige reden schon von der zweiten Welle“, ergänzt Sandra Bolesch. „Manche hoffen zwar noch, dass es besser wird, aber danach sieht es nicht aus.“

Die Zahlen der Johns-Hopkins-Universität bestätigen das düstere Bild von vor Ort. Seit Anfang Juli lag die Zahl der mit Covid-19 Neuinfizierten in der Dominikanischen Republik mit einer Ausnahme über der Marke von 500. Seit Mitte Juli hat sich täglich eine vierstellige Zahl von Menschen mit dem Coronavirus infiziert.

Jetzt lesen

Es bleibt die Hoffnung auf das Ausbleiben eines zweiten Lockdowns, der mit dem Schließen der Landesgrenzen und der Einstellung des Flug- und Schiffsverkehrs verbunden wäre.

Von 360 Einwohnern ist in der Dominikanischen Republik einer mit dem Sars-Cov-2-Erreger infiziert. In Deutschland ist zum Vergleich eine von etwa 13.000 Personen mit Corona infiziert. Die Regierung in dem Karibikstaat versucht den Ausbruch durch lokale und zeitlich beschränkte Ausgangssperren zu verlangsamen. Trotzdem fanden Anfang Juli noch Präsidentschaftswahlen statt.

Anfang Juli fanden unter Hygienemaßnahmen in der Dominikanischen Republik Präsidentenwahlen statt.

Anfang Juli fanden unter Hygienemaßnahmen in der Dominikanischen Republik Präsidentenwahlen statt. © dpa

Für die seit Monaten unveränderte Situation hinsichtlich der Einreisebeschränkungen schwindet bei Sandra Bolesch das Verständnis, gerade auch wegen ihrer Arbeit im International Office an der FH: „Wenn ich sehe, dass Studierende auch aus Risikoländern wie Marokko und Indien wieder einreisen dürfen, dann verstehe ich nicht, dass das für den Partner nicht möglich ist.“

Jetzt lesen

Zumal Jose Ramirez den Test vor Ort machen könnte. „Aber selbst wenn das nicht möglich wäre, wären wir bereit, 14 Tage in Quarantäne zu gehen“, sagt die 30-Jährige.

Uneindeutige Signale kommen aus dem Bundesinnenministerium

Aus dem von Horst Seehofer geführten Bundesinnenministerium gibt es zum „Love is not tourism“-Anliegen bislang nur uneindeutige Signale. „Seehofer sagte, er hätte gerne eine einheitliche Lösung für Europa. Das ist ein bisschen hingehalten. Er könnte sich ja auch einfach den bestehenden Regelungen anderer Länder, die Partnerbesuche zulassen, anschließen“, meint Bolesch. „Aber stattdessen wird weiter abgewartet und es passiert nichts“.

Auch wenn durch das genehmigte Visum für Jose Ramirez etwas Bewegung in die Sache gekommen ist, sagt Sandra Bolesch: „Es fühlt sich an wie eine Never Ending Story.“ Doch die Hoffnung gibt sie nicht auf. Denn Liebe ist kein Tourismus.

Petition im Netz

  • Wer das Anliegen unterstützen will, kann die Online-Petition unterschreiben. Bislang haben sich fast 30.000 Menschen dem Aufruf angeschlossen.
  • Weitere Informationen gibt es in den Sozialen Netzwerken unter den Hashtags #loveisessential und #loveisnottourism sowie auf https://loveisnottourism.org/.
Lesen Sie jetzt