Drei Stinkefinger in 30 Minuten - wie es ist, als Schalke-Fan in Dortmund zu leben

dzInterview vor Revierderby

Kai Wibierek ist Dortmunder und glühender Schalke-Fan. Im Interview verrät er, wie es ist, als Blau-Weißer unter Schwarz-Gelben zu leben – und warum er eine BVB-Meisterschaft mitfeiern will.

Dortmund

, 26.04.2019 / Lesedauer: 4 min

Herr Wibierek, Sie sind Dortmunder, aber gleichzeitig auch Schalke-Fan. Wie konnte das denn passieren?

Ich komme eigentlich aus Essen, aus einer blau-weißen Familie. Als mich mein Vater nach meiner Geburt im Standesamt angemeldet hatte, ist er direkt weitergefahren in die Schalke-Geschäftsstelle an der Kurt-Schumacher-Straße nach Gelsenkirchen und hat mich dort angemeldet. Ich hatte also gar keine Wahl: Einmal Schalker, immer Schalker, das ist bei den Schwarz-Gelben ja genauso.

Und warum sind Sie dann ausgerechnet nach Dortmund gezogen?

Ich bin vor anderthalb Jahren mit meiner Freundin durchgebrannt – und wo sucht man einen Schalker definitiv nicht? In Dortmund! Also sind wir hier hin gezogen.

Ach kommen Sie, Sie veräppeln mich!

Nein, das ist die echte Geschichte! Ich war verheiratet, sie war verheiratet, das war ein ziemlicher Rosenkrieg, da sind wir praktisch in einer Nacht-und-Nebel-Aktion abgehauen. Und da meine Freundin in Dortmund relativ schnell einen Job gefunden hat, sind wir halt hier hin. Ich bin Service-Techniker im Außendienst, mir war es ziemlich egal, wo ich wohne. Immerhin sitzt meine Firma in Gelsenkirchen, Gewerbepark Schalke-Nord. Den Job verdanke ich übrigens zumindest teilweise Dortmund.

Wie denn das?

Mein Chef kommt auch aus Dortmund, der hat gehofft, wenn er einen Dortmunder einstellt, kriegt er in Sachen Fußball endlich Dortmunder Unterstützung in der Firma. Das hat nicht so gut geklappt. (lacht)

Das Leben als Schalke-Fan in Dortmund stelle ich mir trotzdem ziemlich hart vor. Was machen Sie an Spieltagen?

Da meide ich sämtliche Lokalitäten in Dortmund. Das will ich mir nicht antun. Ich hab‘ keine Lust auf Streit. Ich bin 48, aus dem Alter bin ich raus. Wenn ich die Möglichkeit hab, bin ich da natürlich lieber auf Schalke, ansonsten schau ich die Spiele zu Hause im Fernsehen.

Wurden Sie denn in Dortmund schon einmal angegriffen, weil sie ein Schalker sind?

Nein, solange ich hier wohne, nicht.

Aber ein paar Frotzeleien gibt es schon, oder?

Klar, aber die provoziere ich auch ein wenig. Wir haben an unserem Balkon eine große Schalke-Fahne. Als ich die aufhing, bekam ich innerhalb von einer halben Stunde drei Stinkefinger gezeigt. Leute halten tatsächlich mit ihrem Auto auf der Straße an, schauen fassungslos nach oben und fragen sich: „Was ist das denn?!?“ Das ist echt lustig. Ich sag immer: Ein Schalker muss eben eine Menge einstecken können!

Wenn Sie Dortmunder kennenlernen und denen erzählen, dass Sie Schalker sind, wie wird das aufgenommen?

Sehr lächelnd und bemitleidend, ich werde aber auch manchmal hämisch verlacht. Da gibt’s auch mal Sprüche wie: „Lass dich doch operieren!“ Aber richtig böse ist noch nie jemand geworden.

Gibt es denn so eine Art Schalker Diaspora-Gemeinde in Dortmund? Kennen Sie „Leidensgenossen“ in der Stadt?

Ne, man ist als Schalker schon ziemlich alleine in Dortmund. Wenigstens ist meine Freundin auch Schalke-Fan. Aber wir leben ja auch erst seit anderthalb Jahren hier und sind beide voll berufstätig, da hat man wenig Zeit für die Suche nach Gleichgesinnten.

Am Samstag kommt das erste Mal, seitdem Sie in der Stadt wohnen, Schalke zu einem Revierderby nach Dortmund. Gehen Sie ins Stadion?

Ich hab versucht, an Gästekarten zu kommen, aber da hatte ich keine Chancen, die Wartelisten sind riesig lang.

Waren Sie denn generell schon einmal im Westfalenstadion?

Nein, aber ich würde das gerne, es muss auch nicht das Derby sein. Letztes Jahr habe ich meine Freundin das erste Mal auf die Veltins-Arena gekriegt, die war hellauf begeistert. Jetzt will sie auch unbedingt mal in Dortmund ins Stadion. Da werden wir uns aber schön inkognito zwischen die Schwarz-Gelben setzen.

Was denken Sie denn, wie das Derby ausgeht?

Wir werden haushoch verlieren, ich rechne mit einem 4:1 oder 5:1 für Dortmund. Ich habe übrigens schon nach dem 2. Spieltag für uns das Saisonziel Klassenerhalt ausgegeben.

Was würden Sie machen, wenn der BVB tatsächlich die Meisterschaft holt?

Wir würden uns wahnsinnig freuen, weil die Meisterschaft dann wenigstens nicht nach Bayern geht.

Aber dann würden Sie während der Meister-Feierlichkeiten für ein Wochenende die Stadt verlassen, oder?

Nein, wir würden mit den Dortmundern auf der Straße feiern, aber dann dementsprechend mit dem Schalke-Schal!

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Wibierek! Ich würde Ihnen ja gerne ein gutes Spiel wünschen – aber mach ich nicht!

(lacht) Hauptsache, es wird ein schönes Spiel!

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