Dortmunder Reisebüros klagen: „Mallorca-Warnung nicht nachvollziehbar“

dzCorona-Krise

Riesenfrust in den Dortmunder Reisebüros: War im Juni trotz der Corona-Pandemie der Tourismus wieder etwas angelaufen, so trifft die Reisebüros jetzt die Storno-Flut der Mallorca-Urlauber.

Dortmund

, 21.08.2020, 17:15 Uhr / Lesedauer: 3 min

„Malle ist nur einmal im Jahr“, heißt es in einem Ballermann-Fetenhit. Viele Mallorca-Fans werden in diesem Jahr allerdings wohl auf ihren Balearen-Trip verzichten oder schon verzichtet haben. Mallorca gilt wegen der dortigen Lage der Coronavirus-Pandemie als Risikogebiet. Seit dem 14. August gibt es einen Reise- und Sicherheitshinweis des Auswärtigen Amtes.

„Wir wollten eigentlich am Samstag, 22. August, nach Palma de Mallorca fliegen und dann weiter nach Pageira, aber der Veranstalter hat die Pauschalreise sofort am Abend des 14. August storniert“, sagt Marcella Schulz-Lorenz. Schon im November 2019 hatte sie die Reise gebucht. Es sollte für sie und ihren Ehemann nach vielen Jahren der erste Urlaub ohne Kind werden. „Im Juni war auch die Hoffnung wieder da, dass das trotz Corona klappen kann. Wir hatten uns jetzt langsam auf den Urlaub gefreut - und dann das. Ich bin tief traurig“, so Marcella Schulz-Lorenz.

Enttäuschte Kunden wie sie hat Michael Draeger vom Reisebüro Stoffregen an der Kampstraße in diesen Tagen wieder laufend am Telefon. „Wir haben aktuell über 150 Stornierungen und versuchen auf die Kanaren oder die griechischen Inseln umzubuchen“, sagt Michael Draeger.

Mallorca empfinden viele Reiserückkehrer als sicher

Gerade hat er sich in diesem vermaledeiten Corona-Sommer über einige Buchungen freuen können, schon geht es mit den Stornos wieder los. „Das ist wieder eine Menge Arbeit für uns, die wir nicht bezahlt bekommen. Und die Warnung ist für uns nicht nachvollziehbar. Das Produkt, das Spanien da aufgelegt hat, ist optimal und hervorragend. Wir zweifeln die Einschätzung als Risikogebiet an“, so Draeger. „Die Problematik“, sagt er, „liegt definitiv in unserem Land - und nicht in Spanien.“

Michael Draeger vom Reisecafé Stoffregen in Dortmund

Michael Draeger, Filialleiter des Reisecafés Stoffregen an der Kampstraße, kämpft mit seinem Team, um für seine Kunden da zu sein. Für viele Mallorca-Fans muss er gerade die geplanten Reisen stornieren oder umbuchen. © ReiseCafé Stoffregen

Da pflichtet ihm auch Marcella Schulz-Lorenz bei, die ohne jede Angst auf die Lieblingsinsel der Deutschen geflogen wäre. „Wir haben sehr viele Freunde und Bekannte auf Mallorca, die uns sagen, wie vorsichtig alle sind. Viele sagen sogar, dass auf Mallorca das Infektionsrisiko geringer sei als in Deutschland, weil wirklich sehr verantwortungsbewusst die Hygiene- und Abstandsregeln eingehalten würden“, so Marcella Schulz-Lorenz.

Thorsten Eustrup vom Reisebüro Köhler in Lütgendortmund

Thorsten Eustrup vom Reisebüro Köhler in Lütgendortmund kann die Einschätzung von Mallorca als Risikogebiet nicht nachvollziehen: „Die Erfahrungsberichte von Kunden zeigen, dass dort alles gut läuft.“ © Eustrup

Thorsten Eustrup vom Reisebüro Köhler in Lütgendortmund pflichtet dem sofort bei. „Dieser generelle Reisehinweis für die Balearen ist nicht zu verstehen. Man sollte die Corona-Tests mal bei Reiserückkehrern von der Nord- und Ostsee machen und mal sehen, wie hoch die Infektionsrate da ist. Erfahrungsberichte von Kunden, die aus Mallorca zurückkehren, sagen, dass die Strände ziemlich leer sind und die Hygieneregeln eingehalten werden“, sagt der Reiseberater.

Mallorca als Risikogebiet: „Unverständlich“

So erfährt es auch Christian Hosbach vom TUI City-Reisebüro an der Kuckelke. „Auch unsere Kunden sagen: Hier in Deutschland ist es schlimmer. Es erscheint unverständlich, dass vor Mallorca als Risikogebiet gewarnt wird“, sagt Christian Hosbach.

Christian Hosbach vom City-Reisebüro: „Es möchte keiner mehr nach Mallorca, es wollen alle stornieren.“

Christian Hosbach vom City-Reisebüro: „Es möchte keiner mehr nach Mallorca, es wollen alle stornieren.“ © (A) Stephan Schütze

Mallorca-Rückkehrer, die wir am Donnerstag am Flughafen Dortmund sprechen, äußern sich verwundert über den Balearen-„Bann“. Eine Mutter, die mit ihrem kleinen Sohn gerade gelandet ist, sagt: „Vor Ort war alles ganz entspannt.“ Überall sei es regelrecht leer gewesen. Sie habe gemerkt, dass nach der Einstufung als Risikogebiet praktisch keinerlei Touristen neu auf die Insel gekommen seien.

Ein Paar, das ein Ferienhaus auf Mallorca hat, ärgert sich über die Entscheidung, die Insel ein Risikogebiet zu nennen. „Die Leute sind dort viel disziplinierter als in Deutschland. Die tragen sogar eine Maske, wenn sie alleine im Auto fahren“, sagt die Frau. Ihr Mann meint: „Ich glaube nicht, dass die Einstufung lange aufrecht erhalten wird.“

Wie seine Kollegen in der City, muss auch Thorsten Eustrup trotzdem am laufenden Band Stornierungen vornehmen. „Der Anteil derjenigen, die jetzt nach Mallorca fliegen, ist verschwindend gering“, stellt er fest. Die Test- bzw. Quarantänepflicht nach der Rückkehr und die Gefährdung der Lohnfortzahlung im Krankheitsfall wolle kaum jemand auf sich nehmen.

Jetzt lesen

Ohnehin sei natürlich die Reiselust in diesem Sommer nur ganz schwach ausgeprägt. „Viele scheuen einfach auch den Kontakt mit anderen im ausgebuchten Flugzeug. Einige Buchungen kamen seit Juni zwar wieder rein, aber der Umsatz liegt im Vergleich zum Vorjahr nur bei fünf bis zehn Prozent“, so Thorsten Eustrup.

Wie er, leidet die ganze Reisebranche. Und gerade auf Mallorca sind die Deutschen die wichtigsten Urlaubskunden. Sie stellten dort in 2019 gut 40 Prozent der rund zehn Millionen ausländischen Urlauber. Bis zuletzt hatten die 850.000 Einwohner auf Mallorca auf eine Erholung des Tourismusgeschäfts in diesem Jahr gehofft. Vergeblich.

Jetzt lesen

In ganz Spanien, so heißt es seitens des Auswärtigen Amtes, betrage die Häufigkeit von Corona-Erkrankungen inzwischen mehr als 50 Fälle pro 100.000 Einwohner in sieben Tagen, weshalb das Robert-Koch-Institut Spanien mit Ausnahme der Kanaren zum Risikogebiet erklärt habe.

Mallorca und die Balearen: Infektionszahlen gestiegen

Was Mallorca und die Balearen angeht, so stieg die Zahl der Infektionen nach Medieninformationen in diesem Monat deutlich an. Wurden am 5. August 84 Neuinfektionen gemeldet, so waren es am 7. August 117 und am 11. August bereits 228.

Zum Vergleich: Laut Robert-Koch-Institut (RKI) haben die Gesundheitsämter in Nordrhein-Westfalen am Mittwoch, 19. August, 395 Neuinfektionen gezählt.

Lesen Sie jetzt