Hans Joachim Thimm ist Oberarzt an der LWL-Klinik in Dortmund. © LWL
Corona-Politik

Dortmunder Psychiater: „Hin und Her schürt Ängste und Aggressionen“

Ein effektive Corona-Politik? Fehlanzeige. Der Eindruck drängt sich auf, verfolgt man das Hin und Her rund um Lockdown und Co. Ein Dortmunder Psychiater schilderte drastische psychische Auswirkungen.

Über ein Jahr Corona – und noch immer ringen Politiker um Lösungsstrategien. Dass der Lockdown bei der nächsten Ministerpräsidentenkonferenz verlängert wird? Fast schon Routine. Dass der Impfstoff weiterhin rar ist? Auch. Dass Mediziner vor der Überbelastung der Intensivstationen warnen? Erschreckenderweise auch schon viel zu oft gelesen.

Und über allem schwebt das Gefühl: Es ist ein einziges Hin und Her, klare Strategien fehlen – und das zermürbt auf Dauer. Eine Stimmungslage, die auch Psychiater Hans Joachim Thimm, Oberarzt an der LWL-Klinik Dortmund, verstärkt wahrnimmt.

„Die Reserven sind aufgebraucht“

„Dieses Hin und Her, das Fehlen eines klaren Plans, das schürt existenzielle Ängste.“ Das habe auch Auswirkungen auf die Psyche. „Die Reserven sind aufgebraucht, weil es schon so lange so geht. Könnte man sagen: ,Wir machen noch vier Wochen dicht, dann ist alles gut‘ wäre es leichter zu ertragen“, so Thimm.

Dass aber diese klare Zielvorstellung fehle, bereite zunehmend Probleme: „Zu Beginn der Pandemie waren viele noch solidarisch, jetzt nehmen egoistisches Verhalten und Aggressionen zu.“

Ein Grund für diesen Stimmungsumschwung: „Man kann seine persönlichen Ziele nicht erreichen.“ Egal ob es dabei um den erneut abgesagten Osterurlaub, verschobene Familientreffen oder die berufliche Existenz geht – dieser Frust sorgt für Aggressionen.

„Wer seine Ziele nicht verfolgen kann, wird aggressiv, das kennt jeder. Ein Beispiel: Wenn ich in den Urlaub fahren will, aber schon kurz hinter Münster im Stau stehe, meinem Ziel, dem Urlaubsort, also nicht näher komme, bin ich frustriert und werde aggressiv.“

Politisches Taktieren sorgt für Frust

Hinzu komme aktuell, dass viele Leute ein gewisses Taktieren der Akteure in der Corona-Politik wahrnehmen würden. „Wenn die das nicht hinbekommen, dann sorge ich für mich, notfalls auch mit Ellenbogen-Einsatz. Wenn Entscheidungsträger hilflos erscheinen, fühlt man sich verraten und verkauft – das mag man nicht.“

Wie aggressiv man werde, sei typabhängig: Manche werden nach außen hochgradig aggressiv, andere depressiv – eine Form der Aggression gegen sich selbst.

Impfung bringt Ziele ein Stück näher

Was da helfen kann? Ein Ansatz ist es, sich an das zu klammern, was man selbst beeinflussen kann, so Thimm. „Wir müssen uns selbst helfen: Wir vermeiden Kontakte, wir machen Tests. Wir halten uns an die AHA-Regeln. Wir haben ja einige Instrumente.“

Auch das Impfen werde helfen: „Es dauert nur noch etwas. Aber nach der Impfung kann ein Gefühl von Hochgefühl auftreten – weil man seinem Ziel ,zurück in ein normales Sozialleben‘ wieder ein Stück näher gekommen ist.“

Studie zu Pandemie-Folgen

„Lebenszufriedenheit deutlich zurückgegangen“

  • Das Wohlbefinden und die mentale Gesundheit der Menschen in Deutschland leiden einer Befragung zufolge zusehends unter den Lockdown-Auswirkungen – mehr als im Zuge der Maßnahmen im Frühjahr 2020.
  • Zu diesem Zwischenergebnis kommen Forscher der Universität des Saarlandes, die seit einem Jahr die psychischen und sozialen Folgen der Pandemie untersuchen. Die Einschätzung der Gesellschaft habe sich „drastisch verändert“, sagte Forschungsgruppenleiterin Dorota Reis der Deutschen Presse-Agentur in Saarbrücken.
  • Während die 1500 Teilnehmer anfangs berichteten, dass die Gesellschaft zusammenrücke, schätzten sie das Verhalten nun als „eher egoistisch und auseinanderdriftend“ ein. „Die Lebenszufriedenheit ist deutlich zurückgegangen, Sorgen, Stress und Depressivität sind gestiegen“, sagte Reis.
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Jessica Will

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