Einsamkeit ist ein großes Problem während der Corona-Pandemie. Kontaktbeschränkungen können Menschen verzweifeln lassen. © picture alliance/dpa
Corona-Pandemie

Dortmunder Psychiater hält zweiten Lockdown für gefährlicher als den ersten

Der Lockdown verlängert, die Kontaktbeschränkungen verschärft: Ein Dortmunder Psychiater erklärt, welche psychischen Probleme das bereiten kann – und warnt vor einem schweren Fehler.

„Drückender und düsterer“ – so nehmen die Menschen den aktuellen Lockdown im Vergleich zum ersten im Frühjahr wahr, beschreibt Dr. Harald Krauß, Chefarzt der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Marien-Hospitals in Dortmund-Hombruch, seine Eindrücke aus Gesprächen mit Patienten.

„Bei jedem Patienten ist es ein Thema, wie zusätzlich drückend es ist. Die Einsamkeit, bei denjenigen, die keine Familie haben, und dass einem die Decke auf den Kopf fällt.“

Pandemie „zieht sich länger hin, als alle gehofft hatten“

Neben der dunklen Jahreszeit, die manche Menschen anfälliger für psychische Erkrankungen macht, sieht Krauß ein großes Problem im Umgang mit dem zweiten Lockdown: „Es fehlt die Perspektive. Man hat immer gedacht, es kommt die Impfung und dann wird alles wieder gut. Aber es zieht sich ja doch viel, viel länger hin, als wir alle gehofft hatten.“

Im ersten Lockdown sei die Hoffnung auf die Besserung im Sommer präsent gewesen. Mit der zweiten Welle sei das in das Gefühl „Es zieht sich sehr lange hin“ umgeschlagen.

„Rational kann man sich vieles erklären, aber emotional fehlt die Perspektive. Der Punkt, wo man sagt: Bis dahin muss ich die Zähne zusammenbeißen und dann wird sich alles normalisieren.“

Dr. Harald Krauß, Chefarzt der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Marien-Hospitals in Dortmund-Hombruch
Dr. Harald Krauß, Chefarzt der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Marien-Hospitals in Dortmund-Hombruch © G.P.Müller © G.P.Müller

Wartelisten für psychiatrische Behandlungen werden länger

Eine Folge des langen Zeitraums, der Menschen psychisch belastet: Die Wartelisten für Behandlungen werden länger und länger. Wartelisten gab es schon immer. Aber nun seien „die Behandlungskapaziäten durch Hygienemaßnahmen eingeschränkt“, so Dr. Krauß.

Wie in allen Medizinbereichen sei auch in der Psychiatrie zu beobachten, dass Erkrankte sich während der Pandemie scheuen, zum Arzt zu gehen. Viele kämen viel später, als es eigentlich sinnvoll gewesen wäre – dementsprechend ist die Krankheit schon weiter fortgeschritten.

Therapeuten erwarten mehr psychische Erkrankungen

Für die kommenden 12 Monate rechnen Psychiater und Psychotherapeuten in Deutschland mit einem Corona-bedingten Anstieg psychischer Erkrankungen. Laut einer Studie der Pronava BKK erwarten vier von fünf Therapeuten, dass Depressionen und depressive Verstimmungen weiter zunehmen.

Neben dem eingeschränkten Kontakt zu Freunden und sozialer Isolation wirke sich auch die räumliche Enge zuhause negativ auf die Psyche aus, so die befragten Therapeuten.

„Die meisten leiden sehr unter der Einsamkeit“

Das schätzt auch Dr. Krauß so ein. Für die meisten Menschen seien die verschärften Kontaktbeschränkungen schwieriger zu ertragen als fehlende Restaurantbesuche.

„Es ist ein Stück weit eine Typfrage – es gibt zwar Menschen, die völlig glücklich sind, wenn sie keine anderen Menschen um sich herum haben. Aber das sind wirklich wenige. Die meisten leiden schon sehr unter der Einsamkeit“, sagt er.

„Wenn man dann nicht raus kann, wegen des Wetters oder weil alles geschlossen hat, dann wird es schon sehr drückend.“ Umso wichtiger sei es, dem Tag weiter eine Struktur zu geben, sich bewusst Dinge vorzunehmen: Lange Spaziergänge zu machen, zu telefonieren – aber auf keinen Fall Alkohol als Lösung zu sehen.

„Es ist immer so, dass Menschen in der Einsamkeit zum Alkohol greifen – umso mehr Menschen jetzt einsam sind, umso mehr werden auf die schlechte Idee kommen, zur Flasche zu greifen“, befürchtet Dr. Krauß. Helfen kann das natürlich nicht. „Wie sagt man: Sorgen schwimmen.“

Mit Material von dpa

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1983 im Münsterland geboren, seit 2010 im Ruhrpott zuhause und für die Ruhr Nachrichten unterwegs. Ich liebe es, mit Menschen ins Gespräch zu kommen, Fragen zu stellen und vor allem: zuzuhören.
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Jessica Will

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