Sascha Stachowiak und Beate Biermann mit Sohn Philip und Tochter Sophie. Ständig muss die Dortmunder Familie abwägen: Wann bietet man den Kindern ein Stück weit Normalität, Abwechslung, Bildung und wann überwiegt das Ansteckungsrisiko? © Biermann
Familien während der Pandemie

Dortmunder Mutter über Corona: „Unsere Kinder bleiben auf der Strecke“

Ein neun Monate altes Mädchen, das kein Leben ohne Corona-Einschränkungen kennt - seine Mutter schildert, welche Belastung das für die Dortmunder Familie konkret bedeutet. Und wann Tränen fließen.

Sophie ist neun Monate alt – das kleine Mädchen aus Dortmund kennt nur das Leben während einer Pandemie. Seit sie auf der Welt ist, bestimmt das Corona-Virus den Alltag. Und sorgt dafür, dass das Leben von Familien fast ununterbrochen im Ausnahmezustand ist.

Wie viele andere Eltern macht sich ihre Mutter Beate Biermann Sorgen darum, wie sich diese außergewöhnlichen Umstände auf die Entwicklung ihres Kindes auswirken werden. „So wichtig es ist, dass wir uns alle schützen und aufpassen, dass die Zahlen nicht in die Höhe gehen – es ist möglich, dass unsere Kinder auf der Strecke bleiben.“

„Langfristige Entwicklungsschäden“ bei Kindern

Insbesondere dann, wenn Kinder völlig von Gleichaltrigen isoliert seien: „Es wird langfristige Entwicklungsschäden- und rückstände zur Folge haben, wenn ich ein Kind ein Jahr lang keinen Kontakt zu anderen Kindern haben lasse“, sagt die 29-jährige Erzieherin, die in der stationären Kinder- und Jugendpflege arbeitet.

Eine richtige Wahl hat man nicht: Viele Angebote für junge Familien finden seit Monaten nicht statt. Infektionsschutz ist wichtig, das betont Biermann. Aber soziale Kontakte sind es eben auch – und die fehlen sehr.

Was heißt das für die kleine Sophie bislang konkret? Auf was musste sie schon verzichten? Bereits direkt nach der Geburt war alles „grundlegend anders“ als bei ihrem älteren Bruder Philip: „Normalerweise kommt die Familie zum gucken, alle freuen sich – jetzt war das sehr verhalten, nur einzelne Besuche, mit Abstand.“

Ein Pekip-Kurs (eine Art Krabbelgruppe zur Frühforderung für Babys im ersten Lebensjahr) fand ein paar Mal live statt, dann nur noch online. Babyschwimmen- oder -Massage war überhaupt nicht möglich. „Mit meinem Sohn war an Frühforderung viel mehr möglich“, so die Dortmunderin.

Erste Lebensmonate sind wichtige Entwicklungsphase

Ihr Fachwissen macht es nicht einfacher, diese Einschränkungen des Soziallebens zu ertragen – denn Beate Biermann weiß, wie prägend die ersten Lebensmonate sind: „Da werden Grundsteine gelegt, das Gehirn entwickelt sich so stark nur in dieser Phase. Diese Zeit ist weg, das kann man nur in gewissem Rahmen nachholen.“

Immerhin: Das kleine Mädchen ist zumindest kein Einzelkind, hat mit ihrem Bruder Philip ein anderes Kind um sich – was für die soziale Entwicklung enorm wichtig ist in einer Zeit, in der Kontakt zu anderen Kindern nur so eingeschränkt möglich ist, so Biermann.

Und Sophie leidet zumindest nicht bewusst unter den Corona-Umständen – sie kennt es ja gar nicht anders. Anders sieht das bei ihrem großen Bruder aus, schildert Beate Biermann: Mittlerweile geht er zwar wieder in den Kindergarten, „Zuhause dreht er sonst einfach ab“.

Beim Einkaufen fließen immer wieder Tränen

Aber natürlich spürt der Dreieineinhalbjährige, dass aktuell fast nichts normal ist. Da wird selbst ein normaler Einkauf zur Nervenbelastung, bei der Tränen fließen: „Wenn ich ihn mal zum Einkaufen mitnehmen muss, fällt ihm jedes Mal auf, dass es beim Discounter diese kleine Einkaufswagen für Kinder im Moment nicht gibt. Die liebt er über alles. Da ist er jedes Mal wieder traurig, da bricht er jedes Mal wieder in Tränen aus.“

Corona ist „täglich Thema“ in der Familie: „Der Kleine fragt, wann gehen wir endlich wieder schwimmen? Wann kann ich wieder zum Turnen? Für ihn sind die Einschränkungen sehr präsent.“

Das gehe alles nicht einfach so an Kindern vorbei, ist Biermann sich sicher: „Ich habe im Bekanntenkreis schon Kinder erlebt, die auffällig sind.“ Da sei es durchaus schon vorgekommen, dass ein Junge nach sehr isolierten Wochen beim Treffen mit anderen Kindern überfordert war.

Eltern müssen abwägen: Bildungsangebot vs. Ansteckungsrisiko

Philip habe daher zwei feste Spielpartner, mit denen er sich treffen kann – eine bewusste Entscheidung, um ein gewisses Maß an Normalität aufrecht zu erhalten. Und ein Beispiel dafür, wie Eltern sich ständig Gedanken machen müssen: „Es ist immer ein Abwägen zwischen Bildungsangeboten, Freundschaften – und dem Ansteckungsrisiko.“

Ein Spagat, der auf Dauer nicht einfach ist, der Druck aufbaut, Kraft und Nerven kostet. „Es ist auch als Paar nicht einfach: Wir hatten jetzt Jahrestag, bis auf Essen bestellen ist ja nichts möglich.“ Die kleinen Auszeiten, die sonst helfen, die Akkus wieder aufzuladen, fehlen.

Dazu kommt, dass ihr Lebensgefährte Sascha Stachowiak Tätowierer ist, also seit November nicht arbeiten darf. Mehr Zeit für die Kinder, natürlich. Aber eben auch finanzieller Druck. Die November-Hilfe bekam die Familie erst Ende Januar ausgezahlt.

Was Beate Biermann – trotz aller persönlichen Belastungen – aber auch ahnt: Es gibt Kinder, die trifft Corona noch viel härter. Zehn Jahre hat sie in einem Kinderheim gearbeitet, hat Kontakte im Bereich Familienhilfe. „Da sagt im Moment eben keine Schule mehr Bescheid, dass das Kind blaue Flecken hat.“

Über die Autorin
Redakteurin
1983 im Münsterland geboren, seit 2010 im Ruhrpott zuhause und für die Ruhr Nachrichten unterwegs. Ich liebe es, mit Menschen ins Gespräch zu kommen, Fragen zu stellen und vor allem: zuzuhören.
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Jessica Will

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