Corona-Tote: Dortmund nennt alternative Zahlen – Streit mit RKI und Land

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Wann ist ein Toter mit Corona-Infektion ein Corona-Toter? Die Stadt Dortmund nennt öffentlich andere Zahlen als Bund und Land. Gesundheitsamtsleiter Renken verteidigt das Vorgehen.

Dortmund

, 29.04.2020, 04:20 Uhr / Lesedauer: 3 min

Sechs Todesfälle, „die in Zusammenhang mit einer Coronavirus-Infektion stehen“ melden das Landesministerium für Gesundheit (MAGS) und das bundesweit für die Corona-Pandemie zuständige Robert-Koch-Institut (RKI) für Dortmund aktuell. Die Stadt Dortmund nennt dagegen aktuell vier Todesfälle „im Zusammenhang mit Covid-19“. Denn die Frage, was „in Zusammenhang mit einer Coronavirus-Infektion“ bedeutet, wird sehr unterschiedlich ausgelegt.

Unterschiedliche Zahlen zu Todesfällen

Während RKI und MAGS - übrigens nach Meldungen der städtischen Gesundheitsämter - alle Toten auflistet, bei denen eine Corona-Infektion nachgewiesen wurde, berichtet die Stadt in ihren täglichen Pressemitteilungen nur von Toten, bei denen die Corona-Infektion ursächlich für den Tod war.

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Der Leiter des städtischen Gesundheitsamts, Dr. Frank Renken, räumt in diesem Punkt einen Dissenz ein - und verteidigt die städtische Zählweise. Abhängig davon, ob man eine Covid-19-Erkrankung als kausal für einen Todesfall ansehe, ergebe sich ein erheblicher Unterschied in den Zahlen, stellte er fest. „Wir wollen eine richtige Ermittlung der Todesursache haben“, sagt Renken auf Nachfrage.

Genauso wie die Stadt nun bei Corona-Toten verfahre, mache man es schließlich auch bei anderen Krankheiten, betont Gesundheitsdezernentin Birgit Zoerner. Auch da gehe es immer um die Frage, woran ein Mensch ursächlich gestorben sei.

„Diverse Unsicherheiten“

Umgekehrt verteidigen allerdings auch MAGS und RKI ihre Zählweise. In den Meldungen der Gesundheitsämter werde erfasst, ob die erkrankte Person aufgrund anderer Ursache oder an der gemeldeten Erkrankung verstorben ist.

„Aufgrund diverser Unsicherheiten gibt das RKI jedoch alle Fälle als Todesfälle an, die nachweislich mit SARS-CoV-2 infiziert waren, und bei denen in der Meldung angegeben ist, dass die erkrankte Person verstorben ist („mit dem Virus verstorben“)“, teilt das Ministerium auf Anfrage mit.

Es würden dabei auch die Fälle gezählt, „bei denen nach Einschätzung des Arztes oder der Ärztin die SARS-CoV-2-Infektion zwar zum Tode beigetragen hat, aber auch noch andere Faktoren eine Rolle spielten“. Schließlich sei der kausale Zusammenhang häufig nicht eindeutig, argumentiert man im Ministerium.

Die Feststellung der Todesursache sei auch nach sorgfältig durchgeführter Leichenschau häufig schwierig und die genaue Todesursache bleibe oft unklar.

Praxis in vielen Städten

„Das Risiko, an COVID-19 zu sterben ist bei Personen, bei denen bestimmte Vorerkrankungen bestehen, höher“, ergänzt eine Sprecherin des RKI. „Daher ist es in der Praxis häufig schwierig zu entscheiden, inwieweit die SARS-CoV-2 Infektion direkt zum Tode beigetragen hat.“

Deshalb würden derzeit sowohl Menschen erfasst, die unmittelbar an der Erkrankung gestorben sind, als auch Personen mit Vorerkrankungen, die mit SARS-CoV-2 infiziert waren und bei denen sich nicht abschließend nachweisen lässt, was die Todesursache war.

So wie RKI und MAGS halten es offenbar auch die meisten anderen Städte. Eine Stichprobe der Meldezahlen ergab, dass etwa bei der Zahl der Corona-Toten zum vergangenen Wochenende in Köln (84), Düsseldorf (23) und Münster (13) die Angaben der Städte und des RKI übereinstimmen.

Kritik an Fallzahlen-Statistik des RKI

Renken bleibt dabei: „Wir können guten Gewissens sagen, dass wir nichts verfälschen“, betont der Dortmunder Gesundheitsamtsleiter. Er kritisiert umgekehrt die allgemeine Fallzahlen-Statistik des RKI im Umgang mit epidemiologisch bestimmten Fällen - also Menschen, die nicht positiv getestet wurden, aber mit Blick auf Symptome und engem Kontakt zu Erkrankten mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit infiziert sind. Sie werden in den offiziellen Statistiken von Land und RKI nicht mitgezählt.

Bei den gemeldeten Daten handele es sich ausschließlich um laborbestätigte COVID-19-Fälle, die über das zuständige Gesundheitsamt elektronisch an das Landeszentrum für Gesundheit NRW übermittelt wurden, bestätigt ein Sprecher des MAGS. „Die Erkrankungszahlen basieren auf einheitlichen, durch das RKI festgelegten Kriterien, die NRW- und bundesweit gültig und somit vergleichbar sind.“

Noch vor einigen Wochen war man dagegen beim städtischen Gesundheitsamt davon ausgegangen, dass die epidemiologischen Fälle mit in die Gesamtzählung einfließen. Renken korrigiert deshalb nun eine frühere Aussage zu einem Dortmunder Fall:

Die Stadt hatte der Ehefrau eines Corona-Infizierten mitgeteilt, sie müsse nicht getestet werden. Sie sei mit 100-prozentiger Sicherheit auch infiziert - und würde in der Statistik natürlich als epidemiologischer Fall mitgezählt. Das stellte sich nun als falsch heraus.

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Denn tatsächlich werden nur noch die labordiagnostisch bestätigten Infektionen gezählt. „Das RKI möchte von allen eine Separierung haben und möchte im Moment keine epidemiolgischen Fälle gemeldet haben“, berichtet Renken. Damit verfälsche man dort natürlich die Inzidenz für Deutschland - also die Berechnung der Häufigkeit einer Erkrankung, so Renken.

Die Stadt Dortmund habe auch da „eine etwas andere Auffassung“, erklärte er. Man begegne diesem Problem nun, indem man die eigentlich epidemiologischen Fälle nun verstärkt teste, um sie in die Statistik zu bringen.

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