Futuristische Spezialkapsel für Corona-Patienten in Dortmund im Einsatz

dzMit Video

Der Rettungsdienst Reinoldus hat eine Spezialtrage für den Transport von Corona-Patienten in Betrieb genommen. Wir durften testen, wie es sich anfühlt, in dieser Kapsel zu liegen.

von Daniel Reiners, Sophie Conrad

Dortmund

, 22.10.2020, 06:00 Uhr

Wer an SARS-CoV-2 erkrankt ist, deshalb im Krankenhaus beamtet werden muss und obendrein darauf angewiesen ist, von einem Rettungswagen in ein anderes Krankenhaus verlegt zu werden, wird zugegebenermaßen andere Sorgen haben als Beklemmung oder Platzangst.

Den gesunden Menschen stimmt der Anblick hinter den Türen des RTW vom Reinoldus Rettungsdienst aber zunächst nervös. Denn was sich dort seit Mitte Oktober befindet, erinnert den Laien mehr an eine Apparatur aus einem Science-Fiction-Film als an eine Transportliege. Worum geht es?

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60.000 Euro ausgegeben für hermetisch dichte Transportliege

Rund 60.000 Euro hatte der Verein „Strahlemännchen“ aus Dortmund vor einigen Wochen ausgegeben für die Beschaffung einer Isolationstrage für Corona-Erkrankte. Davon gibt es deutschlandweit nur 40 Stück. Im Umkreis von Dortmund ist sie seit dem Wochenende sogar die einzige.

Joanna Junge (links), Rötger Dahm (mitte) und Peter Hill (rechts) vom Reinoldus Rettungsdienst steht seit vergangenem Wochenende eine Corona-Spezialtrage zur Verfügung.

Joanna Junge (links), Rötger Dahm (mitte) und Peter Hill (rechts) vom Reinoldus Rettungsdienst steht seit vergangenem Wochenende eine Corona-Spezialtrage zur Verfügung. © Daniel Reiners

„Wir vom Verein Strahlemännchen engagieren uns seit rund 20 Jahren für schwer- und insbesondere krebskranke Kinder und Jugendliche. Sei es um Wünsche zu erfüllen, wie etwa einen Ausflug ins BVB-Stadion, einen Helikopterflug oder einen Ausflug ans Meer“, sagt Eric Junge vom Verein.

Aber auch über diese Tätigkeit hinaus wolle der Verein bei gesundheitlichen Notständen helfen, wo es gehe. In einer Fachzeitschrift hatte Junge dann von der Spezialtrage erfahren, und sie daraufhin im Namen des Vereins bestellt.

„Einen Interessenten zu finden, war dann seltsamerweise ein großes Problem. Und das, obwohl wir die Liege ja schon beschafft hatten“, so Junge. Erst im dritten Anlauf habe sich ein Interessent, der Reinoldus Rettungsdienst, gefunden, und die Trage mit der futuristisch anmutenden Haube in Betrieb genommen.

Bislang ist es noch zu keinem Einsatz gekommen. Jederzeit wäre dies laut Junge aber möglich. Gedacht ist die Liege für den Fall, dass ein mit dem Coronavirus infizierter Mensch von einem Krankenhaus ins nächste transportiert werden, und dabei selbstverständlich hermetisch abgeriegelt werden muss.

Um sich selbst einmal vorzustellen, wie es sich anfühlt, in einem so bizarr anmutenden Behältnis transportieren zu werden, hat sich unsere Freie Mitarbeiterin Sophie Conrad in den Selbsttest begeben.

Selbsttest: „Es fühlt sich wirklich beengend an“

Am Anfang steht das auf-die-Liege-legen. Im Ernstfall würden das die Rettungssanitäter in Schutzanzügen innerhalb der Krankenhaushallen übernehmen. Sophie kann das noch selbst.

Als nächstes kommen die Riemen ins Spiel. An den Beinen, Bauch und Brust wird Sophie festgeschnallt, um während des Transportes ausreichend gesichert zu sein. „Alles in Ordnung soweit?“, fragt ein Rettungssanitäter. „Ja, es geht noch.“

Unsere Freie Mitarbeiterin Sophie Conrad wird für einen fiktiven Corona-Krankentransport festgeschnallt.

Unsere Freie Mitarbeiterin Sophie Conrad wird für einen fiktiven Corona-Krankentransport festgeschnallt. © Daniel Reiners

Der nächste Teil wirkt schon bedrohlicher: der obere Glasdeckel, der dem gläsernen Sargdeckel aus einem berühmten Märchen ähnelt, wird über Sophies Körper gestülpt und versiegelt. Dafür muss Sophie ihre Arme auf den Bauch legen, da es sonst schon zu eng ist. „Immer noch alles in Ordnung da drin?“

„Ja, doch“, sagt Sophie. Ab jetzt ist Sophies Stimme kaum noch zu hören. Der nächste Schritt beinhaltet das Hochstemmen der Trage sowie den anschließenden Transport in den Rettungswagen. Wäre Sophie tatsächlich mit dem Coronavirus infiziert, könnte ab jetzt dank eines Unterdruck-Systems kein Virus mehr nach außen dringen.

Nachdem Sophie gesichert ist, beginnt der Abstransport in den Rettungswagen.

Nachdem Sophie gesichert ist, beginnt der Abstransport in den Rettungswagen. © Daniel Reiners

An diesem Mittwoch hat das System noch einen weiteren Vorteil: Sophie wird während eines Regenschauers als einzige nicht nass. Als sie schließlich im inneren des Rettungswagen gesichert ist, und theoretisch die Fahrt in ein anderes Krankenhaus beginnen könnte, wird Sophie erlöst.

Der Deckel wird gelockert, der Unterdruck ausgeglichen, und die Riemen wieder vom Körper entfernt. Und wie hat sich das Ganze angefühlt?

Im Rettungswagen würde Sophie im Ernstfall an die notwendigen Gerätschaften angeschlossen.

Im Rettungswagen würde Sophie im Ernstfall an die notwendigen Gerätschaften angeschlossen. © Daniel Reiners

„Es war auf jeden Fall ein beengtes Gefühl, dort so hilflos festgeschnallt zu sein, auch, weil das Sichtfeld doch stark eingeschränkt ist und man nicht wirklich mitbekommt, was um einen herum passiert“, sagt Sophie. „Für einen 'gesunden' Wachzustand ist eine kurze Strecke gut machbar, aber ich möchte mir nicht ausmalen, wie es sich im Ernstfall anfühlen muss.“

Vergleichbare Liege schon im Fall Nawalny im Einsatz

Peter Hill, der stellvertretende Rettungsdienstleiter, betont, dass es sich bei der neuen Trage nicht nur um eine Einsatzmöglichkeit für Corona-Patienten handelt. So sei etwa mit dem gleichen Modell auch schon der vergiftete Kremlkritiker Alexej Nawalny vom Flughafen bis zur Charité in Berlin befördert worden.

„Wir sind natürlich froh, dass wir durch die Zusammenarbeit mit dem Verein ‚Strahlemännchen‘ der einzige Rettungsdienst in der Umgebung sein dürfen, der auf Transporte mit kontaminierten Personen spezialisiert ist“, so Hill.

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Und auch wenn es in den Tagen seit er Inbetriebnahme noch zu keinem Ernstfall gekommen sei, so gelte hier doch das Motto: „Haben ist besser als brauchen.“ Gerade zusammen mit den aktuell steigenden Infektionszahlen sehe man sich auf mögliche kommende Situationen nun perfekt vorbereitet.

Auch Sophie wird ihr kurzer Aufenthalt im hermetisch abgeriegelten Raum noch für eine Weile in Erinnerung bleiben. Und er hat ihr auch verdeutlicht, wie schlimm es für Personen, die tatsächlich betroffen sind, sein muss.

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