Nordstadt-Bewohner: „Gelte ich bei der Polizei auch als gefährlich?“

dzDebatte um „gefährliche Straßen“

Wie steht es um die Nordstadt? Die Polizei sieht sie „auf der Erfolgsspur“, nennt aber gleichzeitig viele Straßen in ihr „gefährlich“. Ein Anwohner ist sauer wegen der Vorverurteilung.

Dortmund

, 09.06.2020, 18:00 Uhr / Lesedauer: 4 min

Über 120 Straßen der Dortmunder Nordstadt gelten polizeiintern als „gefährlich und verrufen“. Diese Einstufung ermöglicht der Polizei erweiterte Befugnisse bei Ermittlungen und Kontrollen.

Gleichzeitig bemüht sich Polizeipräsident Gregor Lange zu erklären, dass die Gegend zwischen Hauptbahnhof und Hafen „auf der Erfolgsspur“ sei und bezeichnet selbst den Begriff „gefährlich“ als „höchst unglücklich“.

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Es gibt Nordstadt-Bewohner, die sich durch die pauschale Einstufung verletzt fühlen. „Ich beziehe das auf mich und frage mich: Gelte ich auch als gefährlich, wenn ich einem Polizisten begegne? Reagiert er hier anders auf mich, als wenn ich ihn an der Ruhrallee treffe?“, sagt Heinrich Liebig (59) aus der Uhlandstraße.

Anwohner: Pauschale Einstufung als „gefährlich“ ist verletzend

Er hält die Polizeiarbeit in der Nordstadt grundsätzlich für richtig. „Aber diese Bezeichnung für ein ganzes Gebiet, in dem ganz viele normale Bürger leben, die versuchen arbeiten zu gehen und ihre Kinder groß zu ziehen, ist nicht gut.“

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Das mache viele positive Entwicklungen zunichte. „Es ist noch sehr viel zu tun, die Nordstadt wurde viel zu lange ignoriert. Aber es ist richtig, dass etwas passiert.“

Das, was „passiert“, ist unter anderem das, was zuletzt bei mehreren Schwerpunkteinsätze gegen die Clan- und Drogenkriminalität zu beobachten war. Zivile und uniformierte Polizisten kontrollierten in großem Stil Personen rund um den Mehmet-Kubasik-Platz nahe der Münsterstraße oder am Keuning-Park.

Schwerpunkteinsätze: Wichtig, aber auch als Symbolpolitik kritisiert

Mehrere Festnahmen, sichergestelltes Bargeld in vierstelliger Höhe, viele neue Hinweise: Die Polizei ist nach solchen Einsätzen meist sehr zufrieden mit sich. Aus Anwohnersicht verschwinden störende Straßendealer für eine Weile und darüber sind viele froh.

Es kommen aber häufig nach einer Weile andere zurück. Oder das illegale Geschäft mit den Kunden aus der gesamten Stadt und dem Dortmunder Umland zieht an die nächste Straßenecke. Die Schwerpunkteinsätze werden deshalb von verschiedenen Seiten als Symbolpolitik kritisiert, die auf Dauer keine Probleme löse.

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Aus Sicht der Polizei sind die Einsätze notwendig, gerade beim Kontroll-Delikt Betäubungsmittelmissbrauch. „Es geht um die Sicherheit der Leute in der Nordstadt und auch um eine Perspektive für Geschäftsinhaber“, sagt Gregor Lange. Dazu trage laut Lange auch die Videoüberwachung an der Münsterstraße bei, die im August starten soll.

Statistik der Polizei trifft auf die gefühlte Sicherheit mancher Dortmunder

Als das Polizeipräsidium Dortmund Ende Mai die aktuellen Zahlen zur Nordstadt-Kriminalität veröffentlicht, löst das in der digitalen Welt heftige Reaktionen aus.

Tenor: Die Wirklichkeit im Norden sehe ganz anders aus. Die Stimmungslage der Kommentatoren in Sozialen Netzwerken geht deutlich in Richtung „alles immer schlimmer“ statt „auf der Erfolgsspur“, vermeintlich belegt durch eigene Erfahrungen oder durch Fotos von Polizeieinsätzen und Dealern auf Spielplätzen.

Es ist nicht neu, dass sich statistische und gefühlte Wahrheit unterscheiden, gerade beim Thema Sicherheit. In diesem Fall ist es aber etwas intensiver als sonst.

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Detlef Rath, Leiter der Polizeiwache Nord an der Münsterstraße, steht gut eine Woche, nachdem die „Gefährliche-Straßen-Debatte“ aufgekommen ist, mit dem Polizeipräsidenten vor dem Jugendtreffpunkt „Konkret“ an der Burgholzstraße.

An der Wand hinter ihm ist das Wort „Nordstadtliga“ an die Wand gesprüht, hier spielen Jugendliche friedlich den König des Nordens aus, wenn nicht gerade Pandemie ist. „Nordstadt“ sticht in großen gelben Buchstaben hervor.

An dieser „gefährlichen“ Straße knattern die Motoren und zwitschern die Vögel, während die Beamten über fallende Kurven sprechen. Natürlich ist dieser Termin PR für die Arbeit der Polizei und man kann das kritisieren. Aber er ist auch ein interessanter Einblick in die Polizeiarbeit in der Nordstadt, die viel kleinteiliger ist, als es eine Statistik ausdrücken kann.

Polizeiwachen-Leiter: Zeugen geben aus Angst nur anonyme Hinweise

Detlef Rath erzählt davon, wie personalintensiv die Arbeit in diesem „hervorgehobenen Bereich“ ist. Dass es Probleme damit gebe, dass Zeugen aus Angst nur anonyme Hinweise geben, die nicht verfolgt werden können.

Er redet über komplizierte Bürokratie bei Straftätern, die nicht in Dortmund gemeldet sind. Von der Arbeit an den zahlreichen „Hot Spots“, die alle irgendwie zusammenhängen. Von der steigenden Zahl an Übergriffen gegen Polizeibeamte.

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Rath spricht aber auch über die kleinen Fortschritte hinter den großen Einsätzen. Etwa, wenn beim Aufdecken einer Dealer-Wohnung ein iPad aus einem Einbruch an einer Schule in Aplerbeck auftaucht und neue Strukturen hinter einzelnen Delikten sichtbar werden.

„Mit den Instrumenten, die uns das Gesetz an die Hand gibt, haben wir erhebliche Fortschritte gemacht“, sagt Detlef Rath.

Anwohner sagt: „Ich fühle mich nicht gefährdet“

Uhlandstraßen-Bewohner Heinrich Liebig sagt: „Ich fühle mich überhaupt nicht gefährdet.“ Ein Pädagoge aus dem Jugendtreffpunkt „Konkret“ berichtet Ähnliches von den Jugendlichen, die hierher kommen. Beides ist nur ein Ausschnitt der Realität, genauso wie die Sicht der Polizei.

Eine Realität, zu der auch das Thema gehört, dass unter dem Schlagwort „Black Lives Matter“ gerade für weltweite Proteste sorgt. Es geht um Polizeigewalt und Rassismus in der Polizeiarbeit, um gezielte Kontrollen und die unterschiedliche Behandlung von Menschen nach ihrem Aussehen und ihrer Herkunft, das „Racial Profiling“.

Diskussion über „Racial Profiling“ ist latent

Bei Diskussionen über die zeitweise eingesetzte „strategische Fahndung“ 2019 und bei den Schwerpunkteinsätzen gegen Clankriminalität hatte sich die Polizei gegen Vorwürfe des „Racial Profilings“ verteidigt und abgestritten, dass es solche Kontrollen gebe. Es gehe nicht um gezielte Kontrollen nach Aussehen, sondern auf Grundlage von polizeilicher Erfahrung, lautet nach wie vor die Position der Polizei Dortmund.

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Doch das Thema bleibt latent in der Dortmunder Nordstadt. Wachleiter Detlef Rath sagt, es könne in links-alternativ geprägten Gegenden der Nordstadt vorkommen, dass Polizisten einen mutmaßlichen Straftäter festnehmen „und ihre Arbeit machen“ und sich dann Fenster öffnen und die Menschen ihnen „Racial Profiling“ vorwerfen.

Sicherheit ist nur für 7 Prozent der Dortmunder das größte Problem der Stadt

Wie sicher ist die Nordstadt? Eine Forsa-Umfrage im Auftrag der Ruhr Nachrichten zeigt: Für die meisten Dortmunder gibt es offenbar wichtigere Fragen. Nur 7 Prozent der Befragten nennen „Sicherheit“ als eines der größten Probleme der Stadt. „So ein Wert freut mich als Polizeipräsident“, sagt Gregor Lange.

Die Frage nach dem Sicherheitsgefühl ist am Ende auch eine Frage des persönlichen Erlebens und der Differenzierung.

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Es gibt die lebendige, fröhliche, bunte Seite der Nordstadt, die eine große Bedeutung für Dortmund hat. Aber es gibt auch die dunkle Seite, auf der in Hauseingängen harte Drogen konsumiert werden. Wo Heranwachsende lernen, dass es bestimmte Gegenden zu bestimmten Zeiten gibt, die man besser meidet.

Wo es mehr Straftaten gibt als in anderen Teilen der Stadt. Wo die Menschen, die dort leben, aber deshalb nicht pauschal unter Verdacht gestellt werden wollen. Heinrich Liebig sagt: „Stellen Sie sich mal vor, was es für einen Aufruhr gäbe, wenn so eine Einstufung für Sölde bekannt werden würde. Aber die Menschen in der Nordstadt wehren sich ein bisschen weniger als andere.“

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