Dortmund braucht mehr Bergbau-Kitsch! Sofort!

dzKlare Kante

Die Stadt will keine Bergbau-Ampelmännchen. OB Sierau jammert über Klischees im Tatort. Schluss damit! Wir brauchen mehr Bergbau-Kitsch in Dortmund. Denn das ist Dortmunds Identität.

Dortmund

, 24.06.2019, 04:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

Sie hatten es sich so schön vorgestellt: Bergbau-Ampelmännchen sollten in Eving an die Zeche Minister Stein erinnern. Den entsprechenden Antrag stellte die Bezirksvertretung des Stadtteils an die Stadt. Und kassierte prompt eine Absage. Begründung: „Grundsätzliche und vor allem verkehrssicherheitstechnische Bedenken gegen jedwede Modifikation amtlicher Verkehrs- und Lichtzeichen“. Geht‘s noch?!

Auf Mainzer Ampeln sind Mainzelmännchen zu sehen. In Hameln gibt es Rattenfänger-Ampeln. In Emden gab es tanzende Ottos. In Bremen sind es die Stadtmusikanten. Und im Kreis Mettmann gibt es Pläne für ein Neandertaler-Ampelmännchen. Wenigstens im Umfeld des Neandertal-Museums.

In Duisburg übrigens zeugen bereits Bergbau-Ampeln von der Tradition. Und Oberbürgermeister Sören Link (SPD) ist hin und weg: „Der Bergbau prägt unser kulturelles Leben bis heute und ist Teil unserer Identität. Nun erinnert uns auch ein sympathisches Ampelmännchen daran – ein etwas anderes, aber umso schöneres Denkmal“, sagte der Stadtchef dem WDR. Für die Einführung der Bergbau-Ampelmännchen haben sich im Ruhrgebiet auch die Städte Hamm und Bottrop entschieden. Aber Dortmund? „Verkerssicherheitstechnische Bedenken“. Ach Gottchen!

Die Begründung ist ein Hohn. In dem Vorgang offenbart sich einmal mehr ein grundsätzliches Dortmunder Identitätsproblem, das amtsschimmelige Schreibtischtäter in der Verwaltung befeuern, statt dagegen anzugehen.

Bestes Beispiel aus jüngerer Vergangenheit ist das öffentlichkeitswirksame Gejammer von Dortmunds OB Ullrich Sierau (auch SPD). Der wollte gleich den Dortmund-Tatort abschaffen. Wegen zu vieler Bergbau-Klischees.

Wer die beanstandete Folge gesehen hat, weiß: Der wirklich klischeehafte Teil spielte in Marl. Was von Dortmund zu sehen war: Eine urbane Skyline mit Florian (hätte auch Berlin sein können), ein hipper Nachtclub (hätte auch Berlin sein können) und ein Parkdeck, auf dem zwielichtige interbehördliche Gespräche geführt wurden (hätte auch Berlin sein können). Und mit Blick auf andere Tatorte möchte man hinzufügen: Auch der klischeebeladene Teil war nicht klischeebeladener als der Berlin-Tatort „Amour fou“ von 2017. Hier ging es um einen homosexuellen Lehrer, der sich für den Multikulti-Stadtteil Neukölln entschieden hat, um der ach so homophoben Migrantenbevölkerung ein positives Bild von Homosexualität vorzuleben, der dann ermordet wird, wohl von homophoben Schülern (mit Migrationshintergrund), vermutlich, weil er sich an einem Schüler vergangen haben soll... ach, lassen wir das.

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Zurück nach Dortmund, zu lokalen Klischees. Und zum verkannten Potenzial. Bergbau-Romantik ist nämlich in. Und lässt sich ummünzen. In Geld und Image. Beispiele: Ein Trend auf der diesjährigen Tattoo-Con in den Westfalenhallen: Bergbau-Motive. Das regionale Modelabel „Pottliebe“ (www.pottliebe.net) hat sich auf Klamotten mit Ruhrpott-Motiven spezialisiert. Unter „Für Lokalpatrioten“ gibt es einen eigenen Bereich mit dem Titel „Dortmund“. Und im Online-Shop „Ruhrgebietsladen“ (www.ruhrgebietsladen.de) gibt es alles, was das Traditionalistenherz begehrt, vom Bierdeckel mit den gekreuzten Schlägeln bis zur Pott-Badehose. Neu im Sortiment: Das Autoaufkleber-Set „Bergmannsampel“, bestehend aus einem Sticker mit einem roten Bergmanns-Ampelmännchen und einem grünen.

Warum haben die Dortmunder so ein tiefsitzendes Problem mit ihrer Identität als Teil des Ruhrgebiets? Warum tun hier viele so, als wäre man nie Kohle-Revier gewesen, sondern von jeher so eine Art Silicon Valley? Oder, um es mit den Worten des frustrierten Oliver Stens zu sagen, Bezirksbürgermeister im städtisch verordneten Bergmannsampel-Brachland Eving: „Bei jeder Rede geht es darum, die Tradition aufrechtzuerhalten, und wenn es dann um Tradition geht, dann das.“ So gehe die Tradition verloren. Recht hat er.

Die Dortmunder Angst vor Bergmanns-Kitsch ist befremdlich. Und inkonsequent. Schließlich wird bei so ziemlich jeder offiziellen Veranstaltung irgendwann das Steiger-Lied gesungen. Aber gegen vieles andere gibt’s fast reflexartig anmutende Gegenwehr.

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Warum nicht mehr Bergmanns-Romantik statt weniger? Warum nicht diesen Teil der Bergmannstradition umarmen, touristische Konzepte entwickeln, offensiv damit werben, im Stadtbild sichtbare Zeichen setzen? Warum immer nur den zweifelsohne vorhandenen negativen Teil thematisieren?

Man stelle sich mal vor, der Wiener Stadtchef Dr. Michael Ludwig würde sich öffentlich hinstellen und sagen: „Neinneinnein, dieser ganze Sissi-Kitsch muss raus aus der Stadt. Und die Pferdekutschen auch. Überhaupt, dieser ganze Kaiser-Schmarrn. Das ist alles so lange her, das wollen wir wirklich nicht mehr. Damit muss endlich mal Schluss sein.“ Man würde sich unweigerlich die Frage stellen, was in dem Mann vorgeht.

Liebe Dortmunder: Nehmt den romantischen Teil der Vergangenheit an. Lasst uns was draus machen. Bergmann-Ampelmännchen für alle!

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