Dortmund 2049: Eine Stadt im Klimanotstand

dzGlosse: Unter uns Dortmundern

Wir haben es verbaselt. Alle haben gedacht, es sei noch Zeit. In 30 Jahren werden wir gelernt haben: Wir hätten das Ruder rumreißen können. Eine Fantasie über Dortmund im Klimanotstand.

Dortmund

, 05.07.2019, 04:30 Uhr / Lesedauer: 2 min

Ein nicht ganz unwahrscheinliches Schreckenszenario: Greta, das Mädchen mit den geflochtenen Zöpfen und dem unbequemen, mahnenden Blick, behält recht, und das Klima wandelt sich auf unerfreuliche Weise. Dann reift auch beim letzten Fahrer einer Spritschleuder die Erkenntnis: Das war’s. Nie wieder weiße Weihnacht!

Dortmund 2049: Eine gleißende Sonne lässt die Ruhrallee Blasen werfen. Der Wind treibt Büsche durch den wüsten Westfalenpark. Wie eine große Sonnenuhr wirft der Florianturm einen Schattenstrich auf das öde Land. Die Gärtner gibt es nicht mehr. Sie haben längst aufgegeben.

Duisburg an der Küste

Nur die Blumenampeln in der City blühen. Sie zu versorgen, ist leichter geworden. Die Firma, die sie gießt, ist näher an Dortmund herangerückt, denn die Niederlande und den Niederrhein – dort kamen die Blumenpfleger her – gibt es nicht mehr. Die Grenze nach Westen zieht sich nun durch Wattenscheid. Duisburg-Rheinhausen boomt als florierender Küstenort, der Schmelze der Polkappen sei dank. Im Berghofer Wald soll ein dürrer weißer Bär gesichtet worden sein. Biologen sprechen davon, er sei der letzte seiner Art.

Der Trainingsauftakt von Borussia Dortmund findet nicht mehr auf dem Trainingsgelände in Brackel, sondern in der Halle statt. Ohne Klimaanlage halten es auch die fittesten Spieler nicht lange auf dem Platz aus. Und schließlich spielt der Verein wegen des unsteten Wetters nicht mehr im Stadion, sondern in der Westfalenhalle. Es käme sonst auch niemand, denn die Ozonwerte vertrügen sich nicht gut mit dem Pyro-Rauch. Das Atmen fiele doch zu schwer.

Regelmäßige Überschwemmungen

Ist es nicht heiß, regnet es. In Strömen. Die Dortmunder haben sich daran gewöhnt, dass ihre Stadt regelmäßig überschwemmt wird. Wie die Bewohner der Altstadt Kölns oder die Venezianer bauen sie Stege, tauschen Wathose gegen Jeans und Turnschuhe. Ein Hochwasser wie 2008 in Marten ist im Herbst eher Alltag als Katastrophe – fahren die Dortmunder halt mit dem Paddelboot in die City.

Die Thier-Galerie ist das neue Zentrum der Stadt. Dort, auf den klimatisierten Plätzen, sitzen die Alten und erinnern sich. Damals, sagen sie, 2019, hatten wir noch eine Chance. Da trafen sich freitags diejenigen, die es besser wussten, die wir aber Schulschwänzer nannten. Da diskutierten die Politiker an einem sonnigen Donnerstag im Rat, ob wir das Ruder noch rumreißen wollen. In der Stadt sollte der Klimanotstand erklärt werden. Damals wurde heftig diskutiert, nichts wurde getan. Jetzt, 2049, ist er tatsächlich eingetreten.

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