Der Dortmunder Beschuldigte mit seinem Verteidiger Marco Ostermeyer (l.). Bei dem Angriff ist der Angeklagte offenbar Befehlen in seinem Kopf gefolgt. © Martin von Braunschweig
Prozessauftakt am Schwurgericht

Dolch-Angriff auf Nachbarin: Dortmunder folgte Stimmen in seinem Kopf

Zwei Jahre lang hörte er auf die Stimmen in seinem Kopf, die ihm einredeten, seine Nachbarin würde ihn überwachen. Dann nahm der psychisch kranke Mann aus Marten einen Dolch und stach zu.

Vor dem Dortmunder Schwurgericht hat am Donnerstag der Prozess gegen einen 27-jährigen Mann begonnen. Wenige Tage vor Weihnachten 2020 soll er spät abends an der Tür seiner Nachbarin geklingelt und dabei einen Stiefeldolch hinter seinem Rücken versteckt gehalten haben.

Als die Frau öffnete, ging alles ganz schnell. Der Angreifer zog den Dolch hervor und stürzte sich auf sein wehrloses Opfer. Während der Mann immer wieder zustach, soll er gemurmelt haben: „Ich muss das jetzt machen.“

Zahlreiche Stichverletzungen

Die Frau erlitt zahlreiche Stich- und Schnittverletzungen an den Armen, Händen und am Hals. Außerdem wurde sie im Rückenbereich elfmal getroffen. Ihre Lunge kollabierte. Es bestand akute Lebensgefahr, die erst im Rahmen einer Notoperation im Klinikum Nord beseitigt werden konnte.

Schon vor Prozessbeginn vor dem Schwurgericht war klar, dass der Beschuldigte niemals ein Gefängnis von innen sehen wird. Der Mann gilt als schuldunfähig, weil er seit Jahren an einer schizophrenen Psychose leidet. Stimmen in seinem Kopf erteilen ihm Befehle, die er dann ohne nachzudenken ausführt.

Befehle und Kommentare

„Die Stimme war die meiner Nachbarin“, sagte er am Donnerstag den Richtern. „Sie hat ständig meine Handlungen kommentiert, sodass für mich feststand, dass sie meine Wohnung mit Kameras überwachen ließ.“

Andere Stimmen sollen ihm außerdem eingeflüstert haben, dass die Nachbarin ihn nachts im Schlaf vergewaltigt und seinen Körper auch an andere Menschen verkauft habe. „Das war der reinste Horror“, so der 27-Jährige. „Zwei Jahre lang habe ich das ausgehalten, das war echte Folter.“

Die Richter haben in dem Prozess nicht über eine Bestrafung wegen versuchten Mordes oder gefährlicher Körperverletzung zu entscheiden. Es geht allein um die Frage, ob der Mann als Gefahr für die Allgemeinheit eingestuft werden muss. Dann könnte die Folge seine zeitlich unbefristete Unterbringung in einem geschlossenen psychiatrischen Krankenhaus sein.

Unterbringung in Psychiatrie?

Schon seit seiner Festnahme ist der 27-Jährige in einer solchen Einrichtung untergebracht. Dort bekommt er die nötigen Medikamente, die es schaffen, die Stimmen in seinem Kopf verstummen zu lassen.

Zu Prozessbeginn wirkte der Beschuldigte daher klar und aufgeräumt. Zwar kamen seine Antworten auf die Fragen der Richter leise und zögerlich. Aber der Mann wusste immer, was er ausdrücken wollte.

„Ich wollte die Frau auf keinen Fall töten“, beteuerte er. „Ich wollte sie mit dem Dolch nur angreifen, damit ich endlich meine Ruhe habe.“

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