Die Viertklässler kommen: Corona-Countdown an Dortmunder Grundschule

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Die Grundschulen bereiten die Rückkehr der Viertklässler nach der Corona-Pause vor – oder die aller Schüler. Das erfahren sie am Mittwoch (6.5.). So läuft es an einer Schule im Dortmunder Westen.

Oestrich

, 05.05.2020, 18:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

An diesem Dienstagmorgen (5.5.) ist der Schulhof anders als sonst in der Corona-Krise nicht verwaist. Denn alle zwei Wochen händigen die Klassenlehrer Eltern und Schülern Arbeitspläne fürs Homeschooling aus.

Die Lehrerinnen stehen mit Mundschutz an Fenstern, „vermummte“ Kinder, Mütter und Väter warten mit Abstand, bis sie an der Reihe sind. „Diesmal sind es nur die Jahrgänge 1 bis 3, die Viertklässler kommen ja ab Donnerstag zurück an die Schule“, sagt Jens Emanuelsson (49), Rektor der Schragmüller-Grundschule in Oestrich.

Wenige Stunden vor dem Schul-Neustart nach sieben unterrichtsfreien Wochen muss sich sein Kollegium um mehrere Aufgaben gleichzeitig kümmern. Mindestens eine Stunde dauert die Materialausgabe pro Jahrgang. Die Eltern und Schüler haben viele Fragen. Sie bringen Geschenke, die Wiedersehensfreude ist groß.

Zwischen den Plätzen der Schüler müssen 1,50 Meter Abstand sein. Rektor Jens Emanuelsson, hier mit seinen Kolleginnen Britta Hördemann (r.) und Carolin Volkert, misst nur fürs Foto nach. Auch die Maske trägt er nicht dauerhaft, sondern nur, wenn der vorgeschriebene Abstand nicht einzuhalten ist.

Zwischen den Plätzen der Schüler müssen 1,50 Meter Abstand sein. Rektor Jens Emanuelsson, hier mit seinen Kolleginnen Britta Hördemann (r.) und Carolin Volkert, misst nur fürs Foto nach. Auch die Maske trägt er nicht dauerhaft, sondern nur, wenn der vorgeschriebene Abstand nicht einzuhalten ist. © Beate Dönnewald

„Für viele sind wir der einzige Kontakt. Aus Angst vor dem Virus verlassen sie seit sieben Wochen ansonsten nicht das Haus“, erzählt Jens Emanuelsson. Auch über WhatsApp, Telefonate und E-Mails sei man mit den Familien im Austausch. „Aber nichts ersetzt den direkten Kontakt.“

Deshalb steckten sie alle gerade in einem Zwiespalt: „Auf der einen Seite freuen wir uns, dass der Schulbetrieb wieder aufgenommen werden soll, auf der anderen Seite weiß man noch viel zu wenig über das Virus“, so der Schulleiter.

Die Grundschulen sollten „Step by Step“ öffnen

Viele Entwicklungen gingen ihm persönlich zu schnell, auch außerhalb des Schulbereichs. „Irgendwann wundern wir uns dann, dass wir das Infektionsgeschehen nicht beherrschen.“

In diesem fast fertig gestalteten Klassenraum wird eine Lerngruppe mit neun Schülern unterrichtet.

In diesem fast fertig gestalteten Klassenraum wird eine Lerngruppe mit neun Schülern unterrichtet. © Beate Dönnewald

Die Grundschulen sollten „Step by Step“ öffnen. „Lasst doch erst mal nur die vierten Klassen kommen“, lautet Emanuelssons Appell an NRW-Ministerpräsident Armin Laschet (CDU), der am Mittwoch (6.5.) den neuen Beschluss zum Neustart an den Grundschulen verkünden wird.

Wie auch immer die Entscheidung ausfällt, die Schule an der Castroper Straße will vorbereitet sein. Deshalb richten an diesem Dienstagvormittag alle Lehrerinnen, die nicht gerade in der Notbetreuung oder in der Materialausgabe eingesetzt sind, die Klassenräume entsprechend den Corona-Vorschriften her.

Neben den Tafeln hängen die neuen Klassenregeln, an den Waschbecken Anleitungen zum richtigen Händewaschen. In einem Elternbrief hat der Schulleiter am Montag die wichtigsten Regelungen für den Schulbetrieb erläutert.

So sieht ab Donnerstag der Arbeitsplatz eines Schragmüller-Grundschülers aus. Die beklebte Fläche ist für seine Materialkiste bestimmt. Jedes Kind wird mit einem Willkommensschild und Smarties begrüßt.

So sieht ab Donnerstag der Arbeitsplatz eines Schragmüller-Grundschülers aus. Die beklebte Fläche ist für die Materialkiste bestimmt. Jedes Kind wird mit einem Willkommensschild und Smarties begrüßt. © Beate Dönnewald

Dazu gehören unter anderem die Einteilung in feste Lerngruppen, versetzte Unterrichtszeiten, festgelegte Sitzordnungen, Hygiene- und Abstandsregeln. „Alle Schüler werden generell von uns abgeholt, kein Kind darf das Gebäude selbstständig betreten“, schreibt der Schulleiter.

Maximal acht bis neun Kinder in einem Klassenraum

Maximal acht bis neun Kinder werden in einem Klassenraum unterrichtet, aus drei vierten Klassen werden so sechs Lerngruppen. Die drei Klassenlehrerinnen Britta Hördemann, Carolin Volkert und Joana Hellwig bekommen deshalb Unterstützung von Kolleginnen. „Nach zwei Stunden wechseln wir die Lerngruppen, damit alle Schüler auch ihre Klassenlehrerinnen sehen.“

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Sollten ab Montag (11.5.) alle Schüler zurückkehren, greife das rollierende System, so Emanuelsson. Das bedeute, dass jeder Jahrgang alle vier Tage Unterricht haben würde. Eine Lehrerin, die selbst einen Sohn in der dritten Klasse hat, schüttelt darüber den Kopf. „Das würde für ihn sechs Schultage a vier Stunden bis zu den Sommerferien bedeuten. Dafür sind die Gefahr und der Aufwand meiner Meinung nach zu groß.“

Ob es so kommen wird, weiß zu diesem Zeitpunkt niemand. Noch immer warten die Grundschulen auf eine verlässliche Vorgehensweise, nachdem Armin Laschet am 30. April die Wiedereinstiegs-Pläne des Schulministeriums korrigierte, ohne konkret zu werden.

„Wir wissen nicht mehr als die Eltern und erfahren vieles zuerst aus den Medien. Eine langfristige Planung ist so nicht möglich“, kritisieren einige Kolleginnen die Informationspolitik von Schulministerium und Landesregierung. Eine Kritik, die in diesen Tagen vielerorts geäußert wurde.

Weil am Dienstag (5.5.) noch nicht klar war, ob alle Jahrgänge an die Grundschulen zurückkehren werden, fand wie geplant die Ausgabe der Arbeitspläne für die ersten bis dritten Klassen statt.

Weil am Dienstag (5.5.) noch nicht klar war, ob alle Jahrgänge an die Grundschulen zurückkehren werden, fand wie geplant die Ausgabe der Arbeitspläne für die ersten bis dritten Klassen statt. © Beate Dönnewald

Unterricht unter schwierigen Rahmenbedingungen

Wie der Schulleiter freuen sich auch die Klassenlehrerinnen Britta Hördemann, Carolin Volkert und Joana Hellwig darauf, wieder mit den Kindern zu arbeiten. „Wir vermissen sie natürlich.“

Was ihnen aber Sorge bereite, seien die schwierigen Rahmenbedingungen. „Grundschule lebt davon, dass man miteinander in Verbindung geht. Aber wir dürfen uns mit den Kindern nicht einmal gemeinsam über ein Blatt beugen“, nennt Joana Hellwig ein Beispiel.

Jens Emanuelsson teilt die gemischten Gefühle, auch wenn er ein engagiertes Kollegium „mit dem Herzen am rechten Fleck“ hinter sich weiß. „Anders als andere Schulen haben wir zudem das Glück, dass bei uns niemand zur Risikogruppe gehört, so dass abgesehen von einer schwangeren Kollegin das komplette Team im Einsatz sein wird.“

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„Abstandsregeln werden unser größter Kampf“

Die größte Herausforderung sei das Einhalten der Abstandsregeln, glaubt der Schulleiter. „Die wird unser größter Kampf“, sagt er und zeigt auf drei Kinder, die nach der Materialausgabe auf dem Schulhof gerade die Köpfe zusammenstecken. „Besonders bei den Kleinen sind die Regeln ganz schnell wieder gelöscht.“

Am Donnerstag und Freitag werde die Wirklichkeit zeigen, ob alles so klappen wird, wie man es sich vorgestellt hat, sagt Jens Emanuelsson.

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