Der Irish Pub Church an der Arneckestraße wird auch nach dem Lockdown nicht wieder öffnen. © Kevin Kindel
Nachruf auf eine Kneipe

Die Church schließt: Mehr Völkerverständigung als durch EU-Programme

Seit fast einem Jahr gibt es keine Kneipenbesuche mehr wie wir sie kannten. Unser Autor vermisst das Gedränge, die lauten Gespräche und den Plausch mit Fremden. Eine Liebeserklärung.

Tritt man durch die Tür, steht man schon vor dem Tresen und kann der Kellnerin fast die Hand reichen. Rechts gibt’s zwei Stehtische, ein paar Stufen hoch eine große Sitzecke. Auf der anderen Seite der Eingangstür führt eine Treppe hinunter zu den Toiletten. Und das war es schon mit der Church an der Arneckestraße.

Früher gab es noch zwei oder drei Tische mehr, aber der Bereich auf der anderen Seite ist irgendwann abgesperrt worden. Eine Dartscheibe hing an einer Wand, doch die konnte man praktisch nie nutzen, weil die Wurfbahn so selten frei war – und eigentlich gab es im ganzen Laden kaum 2,37 Meter Platz, die man für Darts offiziell braucht.

Draußen vor der Tür stehen noch große Tische – einige der Nachbarn hier im Herzen des Kreuzviertels sind vielleicht froh, dass hier nicht mehr abends angestoßen und palavert wird. Manchmal gab es drinnen auch Live-Musik.

Die Church hat alles ausgemacht, was Kneipengänger in diesen Monaten so vermissen. Am Wochenende war es hier immer voll, laut und lebendig. Man musste sich nah an den Sitznachbarn rüberbeugen, um sich zu unterhalten. Und nicht selten fragte man sich, ob der Mensch hinterm Tresen eigentlich Angestellter oder Gast war. Kaum zu glauben, dass diese Erinnerungen erst ein Jahr alt sind.

Wenn alle durchrücken, ist noch Platz

In die Church konnte nur gehen, wer kein Problem damit hat, auch mit Fremden auf Tuchfühlung zu gehen. Ohne Gedrängel hätte es an einigen Abenden niemand zur Toilette oder zum Tresen geschafft. Fast wie in der U-Bahn: Wenn alle durchrücken, ist noch Platz.

Wofür ich die Church aber am meisten in Erinnerung halten werde: Der Laden hat mehr für die europäische Einheit getan, als es viele Förderprogramme aus Brüssel tun. Das nette Auf-die-Pelle-Rücken hat zu so vielen Abenden der Völkerverständigung nach Champions-League-Spielen des BVB geführt.

Der Pub gehörte immer zu den wenigen Kneipen, in denen man auch spät in der Nacht noch ein oder fünf Biere bekam. Das hat sich bis zu einigen Gästefans rumgesprochen. So saß man dann zusammen mit Spaniern, Engländern oder Italienern und meckerte gemeinsam über den Schiedsrichter oder sprach stolz über die tolle Stimmung im Stadion.

Sprachbarrieren gab es dabei fast keine. Irgendwie, mit Händen und Füßen, konnte man sich verständigen. Böse Zungen würden behaupten, dass manche Dortmunder in der Church um drei Uhr nachts genau so verständlich Spanisch wie Deutsch reden konnten.

Ob Konzert, Stadion oder Kneipe: Aktuell ist keiner dieser Abende mit der unersetzbaren Nähe möglich. Doch sie werden wiederkommen. Bleibt nur zu hoffen, dass möglichst viele Wirte die Zeit bis dahin überstehen. Viel mehr von diesen Läden dürfen wir nicht verlieren.

Über den Autor
Redaktion Dortmund
Kevin Kindel, geboren 1991 in Dortmund, seit 2009 als Journalist tätig, hat in Bremen und in Schweden Journalistik und Kommunikation studiert.
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Kevin Kindel

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