Das Haus Westenhellweg ist nur ein schmales Gebäude, das heute einen Handyshop geherbergt. Doch bis 1871 war es der erste Standort der Sparkasse Dortmund - und zugleich das Wohnhaus ihres ersten Chefs. © Thomas Thiel
Gründung vor 180 Jahren

Der erste Tresor der Sparkasse Dortmund stand in einem Schlafzimmer

Dortmunds größtes Geldinstitut wird 180: Am 14. Januar 1841 wurde die Sparkasse gegründet. Die Anfangsjahre des Instituts ließen nicht erahnen, was einmal daraus werden sollte.

Heute ist die Sparkasse Dortmund eine der größten ihrer Art bundesweit: Zum Jahreswechsel 2019/20 verwalteten über 1500 Mitarbeiter mehr als 5,5 Milliarden Euro Einlagen von rund 330.000 Privatkunden. Das Hochhaus der Sparkassen-Zentrale am Freistuhl prägt die Skyline der Stadt mit.

All dies hätte Friedrich Hartung wohl in ungläubiges Staunen versetzt. Hartung war die zentrale Figur in der Gründungsphase der Sparkasse Dortmund vor 180 Jahren. Was nicht schwer war – schließlich war Hartung damals ihr einziger Mitarbeiter.

Am ersten Öffnungstag der Sparkasse Dortmund kamen nur 25 Taler zusammen

Wie bescheiden die Anfänge der Sparkasse waren, zeigt die Bekanntmachung ihrer Gründung: Im Dortmunder Wochenblatt steht am 14. Januar 1841, „daß die hiesige Spar-Kasse nunmehr ins Leben getreten ist und die erste Sitzung der Verwaltung derselben […] in der Behausung des Herrn Rendanten Hartung hierselbst stattfinden wird“.

Hartung, der Kassenwart der neuen Sparkasse, wohnt damals am Westenhellweg 21. Dort nimmt er am 19. Januar 1841 die ersten Spargelder an. Es kommen 25 Taler zusammen – damals in etwa der Jahreslohn einer Magd.

Der Alte Markt im 19. Jahrhundert. Vor der Industrialisierung war Dortmund ein verschlafenes Ackerbürgerstädtchen. © Westfälisches Wirtschaftsarchiv © Westfälisches Wirtschaftsarchiv

An „kleine Leute“ wie sie richtet sich die neue Sparkasse. Seit Anfang des 19. Jahrhunderts breitet sich das Sparkassen-Konzept in Deutschland aus, ab 1820 immer rasanter. Breite Bevölkerungsschichten sollen durch sie in die Lage versetzt werden, Ersparnisse aufzubauen und fürs Alter vorzusorgen.

In Westfalen entwickelt sich das Sparkassenwesen nur zögerlich: Bis 1840 gibt es dort nur 17 Gründungen gegenüber 100 im übrigen Preußen. Die neue preußische Provinz fühlt sich von den Berliner Statthaltern bevormundet. „Zudem fehlte in Westfalen ein funktionierender Kapitalmarkt und im wirtschaftlich rückständigen Dortmund herrschte Geldmangel“, sagt Dr. Karl-Peter Ellerbrock, Direktor des Westfälisches Wirtschaftsarchivs in Dortmund.

Und so dauert es bis 1841, bis auch das damals noch verschlafene Ackerbürgerstädtchen Dortmund mit seinen rund 7000 Einwohnern seine eigene Sparkasse eröffnet – acht Jahre lang haben sich die Stadt Dortmund und die Bezirksregierung in Arnsberg davor um die Satzung gestritten.

Mit der heutigen Sparkasse Dortmund hat die Neugründung anfangs wenig bis gar nichts gemein. Wie provisorisch und teilweise abenteuerlich es in den ersten Jahren dort zugeht, beschreibt der damalige Leiter des Dortmunder Stadtarchivs, Gustav Luntkowski, 1991 in der Festschrift zum 150. Geburtstag der Sparkasse.

Friedrich Hartung führt 1841 die neue Sparkasse quasi nebenbei – im Hauptberuf ist er Rendant der städtischen Kämmereikasse. Wer Geld bei der Sparkasse einzahlen will, muss es zu Hartungs Wohnhaus am Westenhellweg bringen, das gleichzeitig der erste Sitz der Sparkasse ist.

Der Westenhellweg in Richtung Westen 1887, im Hintergrund ist die Spitze der Petrikirche zu sehen. In einem der hinteren Häuser nahm 1841 die Sparkasse Dortmund ihre Geschäfte auf. © Westfälisches Wirtschaftsarchiv © Westfälisches Wirtschaftsarchiv

In einer „Empfangsstube“ im Erdgeschoss wird das Publikum „abgefertigt“. Einmal im Monat finden dort auch die Versammlungen statt, bei denen die Interimsquittungen gegen ordentliche Sparbücher umgetauscht werden.

Anfangs muss Hartung die wichtigen Dokumente und Unterlagen in seinem privaten Schrank aufbewahren. Erst nach langem Drängen lässt sich der städtische Magistrat erweichen und gibt eine große Geldtruhe in Auftrag, in der die Dokumente sicher verstaut werden können.

Magistrat knausert bei erstem Tresor

Doch statt des von Hartung gewünschten feuersicheren massiv-eisernen Kastens bekommt er lediglich eine ringsum mit Eisen beschlagene Holzkiste bewilligt. Die kostet nur 26 Taler statt der 52, die für das Eisen-Modell fällig wären. Zu ihrer Öffnung sind drei Schlüssel nötig – es ist der erste Tresor in der Geschichte der Sparkasse Dortmund.

Die neue „Schatztruhe“ bekommt einen Ehrenplatz in Hartungs Wohnung. Der Rendant stellt sie in sein Schlafzimmer im Obergeschoss und nimmt damit, wie Luntkowski ihn zitiert, „die Verunstaltung seines sehr schönen Zimmers“ in Kauf, um die Truhe und ihren Inhalt vor Einbrechern zu schützen.

Erster Sparkassen-Mitarbeiter verdiente bald dreimal soviel wie der Bürgermeister

Sein Einsatz lohnt sich jedoch bald: Für seinen Nebenjob bei der Sparkasse bekommt Hartung 25 Prozent der Zinsüberschüsse der Sparkasse. Im ersten Jahr sind das zwar nur 15 Taler, doch bereits 1858 verdient er mit 2673 Talern das Dreifache des Gehalts des Dortmunder Bürgermeisters. 1870 sind es 7152 Taler.

Hartungs enorme Gehaltssteigerung ist ein Zeichen für die märchenhafte Entwicklung, die seine Stadt in diesem Zeitraum macht. Dortmund verwandelt sich in eines der pulsierenden Zentren der Industrialisierung Deutschlands.

Das Alte Rathaus (links) und der Sparkassen-Neubau (rechts) am Alten Markt 1907 © Westfälisches Wirtschaftsarchiv © Westfälisches Wirtschaftsarchiv

Mit ihr explodieren auch die Wachstumsraten der Sparkasse Dortmund. Hatten 1841 nur 38 Bürger ein Sparbuch mit durchschnittlich 56 Talern Guthaben, ist es 1870 bereits jeder fünfte der nun insgesamt über 40.000 Dortmunder. Auf ihren über 8000 Sparbüchern liegen im Schnitt 357 Taler. Bereits 1863 war die Dortmunder Sparkasse mit knapp 1,5 Millionen Talern Einlagen die größte Sparkasse des Regierungsbezirks Arnsberg.

Mit Hartungs Ruhestand 1871 verlässt die Sparkasse Dortmund auch sein Wohnhaus. Es folgen eine ganze Reihe von Umzügen – ins Rathaus am alten Markt, an den Standort der heutigen Deutschen Bank an der Betenstraße, ins neuerbaute Stadthaus – bis sie 1907 einen eigenen Bau direkt neben dem Rathaus bekommt.

Seit 1968/69 liegt der Hauptsitz der Sparkasse Dortmund zwischen Freistuhl und Katharinenstraße. © Oliver Schaper (Archiv) © Oliver Schaper (Archiv)

Doch auch dieses Gebäude, das sich die Sparkasse mit der Stadtbibliothek teilen muss, wird für das stetig wachsende Geldinstitut schnell zu klein. 1924 bezieht sie ihren prächtigen Jugendstil-Neubau an der Hansastraße (das heutige Museum für Kunst- und Kulturgeschichte). Es bleibt die Heimat der Sparkasse bis sie 1968/69 ihre heutige Zentrale am Freistuhl eröffnet.

Zur Sache

Das Filialnetz der Sparkasse

  • Von 1907 bis 1918 eröffnete die Sparkasse ihre ersten vier Zweigstellen in der heutigen Innenstadt. Bis kurz vor dem Zweiten Weltkrieg wuchs ihr Filialnetz auf 26 Zweigstellen und 3 Annahmestellen.
  • Mit der Ausweitung der Geschäftsbereiche wuchs nach dem Zweiten Weltkrieg auch das Filialnetz: 1952 hatte die Sparkasse 32, 1965 schon 60 und 1987 sogar 79 Zweigstellen.
  • Wegen der fortschreitenden Digitalisierung des Bankgeschäftes und des Online-Bankings schrumpfte das Filialnetz der Sparkasse in den vergangenen Jahren wieder. Zuletzt schloss sie 2020 ein knappes Drittel der noch verbliebenen 37 Filialen, an denen Sparkassen-Mitarbeiter vor Ort für die Kunden da waren.
  • Aktuell gibt es in Dortmund 23 Hauptfilialen mit Beratern vor Ort, 36 SB-Filialen mit und 12 reine Geldautomaten-Standorte
Über den Autor
Redaktion Dortmund
1984 geboren, schreibe ich mich seit 2009 durch die verschiedenen Redaktionen von Lensing Media. Seit 2013 bin ich in der Lokalredaktion Dortmund, was meiner Vorliebe zu Schwarzgelb entgegenkommt. Daneben pflege ich meine Schwächen für Stadtgeschichte (einmal Historiker, immer Historiker), schöne Texte und Tresengespräche.
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Thomas Thiel

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