Der „Einsiedler vom Kurler Busch“ starb vor 25 Jahren - eine sehr persönliche Erinnerung

dzErinnerung an Karl Ruppert

Geliebt und geächtet war Karl Ruppert, der „Einsiedler vom Kurler Busch“. Er starb vor 25 Jahren. Die Scharnhorster Malerin Bruni Braun kannte ihn gut und erinnert an ihn:

von Bruni Braun

Scharnhorst

, 26.07.2019 / Lesedauer: 4 min

Karl Ruppert kam am 25. Juni 1911 im polnischen Ozokow als eines von zehn Kindern eines Webermeisters zur Welt. Im Zweiten Weltkrieg bestand der gelernte Automechaniker als Kradmelder viele gefährliche Abenteuer, von denen er interessant zu erzählen wusste. Das Schicksal meinte es gut mit ihm. Zwar schickte es ihn in französische Gefangenschaft, sandte ihm aber eine Frau, die ihn liebte und ein Kind von ihm erwartete. Doch sein Stolz verbot es ihm, sich ins gemachte Nest zu setzen. Innere Bilder von Kriegsereignissen verfolgten ihn, sodass allein schon die Vorstellung ihn fast umbrachte, Wand an Wand mit anderen Menschen in einem Haus leben zu müssen. So durfte er sich schließlich auf einer Wiese am Körnebach-Wald niederlassen. Zuletzt hatte er dort ca. 15 Hunde, 30 Katzen, Pferde, Hühner und sogar eine zahme Ratte.

Das Innere des Bauwagens war sein Allerheiligstes

Die Kinder liebten ihn. Sie kamen alleine oder mit ihren Eltern, um Pferde zu striegeln und mit den Tieren zu spielen. Es gab Menschen, die sich anstrengten, ihm ein wenig zu helfen, und es gab jene, die sich anstrengten, ihn zu vertreiben. Er wurde geachtet und geächtet zugleich. So zündete man ihm den provisorischen Pferdestall an und erschoss zwei seiner Hunde. Sein Leben spielte sich fast ausschließlich im Freien ab. Das Innere seines Bauwagens war sein Allerheiligstes, das er vor neugierigen Blicken schützte. Dort hinein gebeten zu werden, war eine Auszeichnung, die nur sehr wenigen zuteil wurde. Ich durfte hinein, wusste diese Ehre zu schätzen, und Karl Ruppert wurde mein Modell für einige Gemälde. Einmal sagte er: „Seit Sie mich mit Ihren Bildern so in die Öffentlichkeit gebracht haben, begegnen mir die Menschen mit viel mehr Respekt.“

Der „Einsiedler vom Kurler Busch“ starb vor 25 Jahren - eine sehr persönliche Erinnerung

Die Scharnhorster Malerin Bruni Braun im Gespräch mit Karl Ruppert, der ihr für einige Bilder Modell stand. © Bruni Braun

Kaum hatte ich auf dem Sofa Platz genommen, kamen all seine Hunde und einige Kätzchen herein. Als Karl sah, wie sich die Tiere auf dem Sofa an mich schmiegten, lachte er und sagte: „So schlafen wir immer des nachts. Wir wärmen uns gegenseitig. Schade, dass die Pferde nicht auch noch hier reinpassen. Es gab so manche Winternacht, in der es so entsetzlich kalt war, dass ich Angst hatte, die Tiere würden mir im Stall erfrieren, wenn ich sie nicht bewegte. In solchen Nächten bin ich aufgestanden und habe die Tiere bis zum Sonnenaufgang wieder und wieder im Kreise hier durch diesen Wald geführt.“

Mehr als die Hälfte des Wageninnern war belegt durch die große, alte Couch, zwei Sessel und einen Couch-Tisch. Auch stand dort ein Kanonen-Öfchen mit sehr langem Rohr. Im Rest des Raumes war klein gehacktes Holz gestapelt.

„Sich immer nützlich bewegen“ war seine Devise

An seinem 80. Geburtstag bekam Karl Besuch von Journalisten. Einer fragte ihn, wie es ihm gelungen sei, trotz des schweren Lebens so alt zu werden. Ohne groß zu überlegen, antwortete er: „Sich immer nützlich bewegen.“

Einmal sei er im Krankenhaus gewesen, wo er sich elender gefühlt habe als zuvor. Er habe kein Auge zugekriegt, weil ihm die frische Luft und die Wärme seiner Tiere gefehlt hätten. Auf Ärzte könne er gut verzichten. Verletzungen pflegte er mit Eigenurin zu behandeln, der Rest müsse sich dann von selbst regulieren, und wenn nicht, wäre es auch egal. So wurde Karl Ruppert 83 Jahre alt. Er starb am 27. Juli 1994.

Der „Einsiedler vom Kurler Busch“ starb vor 25 Jahren - eine sehr persönliche Erinnerung

Bruni Braun gewann das Vertrauen des Einsiedlers. © Bruni Braun

Wenn ich an flirrenden Sonnentagen auf dem Weg nahe jenem Distel-Teppich spazieren gehe, wo der Einsiedler seinen Bauwagen stehen hatte, scheint es mir zuweilen, als fahre ein kleiner Blitz in meine Augen, als gäbe man ein Zeichen mit einem Spiegel. Schaue ich dann durch die Bäume, so sehe ich den Einsiedler wieder auf seiner Wiese mit wallendem Haupthaar und Bart, freiem Oberkörper und der alten, in die Gummistiefel gesteckten Hose, in der Hand die Sense, die unaufhörlich durchs hohe Gras saust und dabei jene Blitze versendet, die mich getroffen haben, weil sich sein Geist noch immer nützlich bewegt.

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