Der Dortmunder Flughafen bleibt ein Zankapfel. Gezerrt wird um längere Flugzeiten und die Erweiterung der Start- und Landebahn. Befürworter und Gegner: Wir stellen ihre Positionen vor.

Dortmund

, 02.10.2018, 04:24 Uhr / Lesedauer: 5 min

Wieder Streit um Spätflüge am Dortmunder Flughafen: Dem Oberverwaltungsgericht (OVG) liegen drei neue Klagen gegen die Betriebszeiten-Genehmigung vor, die von der Bezirksregierung Münster im August erteilt wurde.

Der Flughafen bleibt ein Zankapfel und die Interessen sind höchst verschieden. Dabei geht es nicht allein um längere Flugzeiten. Auch die Frage nach einer möglichen Erweiterung der Start- und Landebahn erhitzt die Gemüter. Wir stellen die unterschiedlichen Positionen der Befürworter und Gegner vor:

Die Schutzgemeinschaft Fluglärm kämpft weiter

Die Schutzgemeinschaft Fluglärm (1200 Mitglieder) kämpft seit Jahrzehnten gegen jeden weiteren Flughafenausbau. Die Vorsitzende Ursula Wirtz und ihre Mitstreiter haben ein grundsätzliches Problem mit dem Airport: Er belaste die Umwelt, störe die Nachtruhe der Anwohner, führe in der Einflugschneise zu einer Entwertung der Grundstücke und müsse obendrein jedes Jahr mit zweistelligen Millionenbeträgen subventioniert werden. „Fliegen ist zu billig geworden“, sagt Wirtz. Ihre Forderung: kostendeckende Start- und Landegebühren.

Den Einstieg in den Nachtflug, wie kürzlich von der Münsteraner Bezirksregierung genehmigt, will die Schutzgemeinschaft nicht hinnehmen. Wirtz: „Die Lärmbelastung darf nicht noch weiter steigen.“ Nach den bisherigen Regelungen habe es pro Jahr zwischen 100 und 200 Flugbewegungen nach 22 Uhr gegeben. Prognosen aus den Genehmigungsunterlagen zufolge könnten es nun 1530 Starts und Landungen werden. Konsequenz: Die Schutzgemeinschaft Fluglärm zieht auch gegen die erneute Genehmigung vors Oberverwaltungsgericht in Münster (OVG).

Der Dortmunder Flughafen im Widerstreit der Interessen

Ursula Wirtz von der Schutzgemeinschaft Fluglärm will nicht schweigen. © Dieter Menne

Durch seine Nähe zu Siedlungsgebieten behindere der Flughafen sich selber in seiner Entwicklung. „Jetzt muss Schluss sein mit allen weiteren Ausbauüberlegungen“, fordert Wirtz. Auch eine mögliche Verlegung der östlichen Landeschwelle um 300 Meter in Richtung Unna müsse tabu sein. Sie sieht darin die Vorstufe für eine Erweiterung auf die 2300 Meter-Bahn, auf der dann noch größere Maschinen landen könnten. „Der Flughafen war mal als Regionalflughafen geplant“, erinnert Wirtz. „Soll er jetzt zum Großflughafen werden?“

Die Stadt Unna hat eine Reihe von Klagen gegen den Flughafen angestrengt

Dortmunds Nachbargemeinde Holzwickede, zum Kreis Unna gehörend, hat den Flughafen zum Aufbau eines eigenen Gewerbegebietes genutzt. Die Stadt Unna hingegen positioniert sich seit Jahrzehnten gegen den Airport und hat eine Reihe von Klagen angestrengt. Zuletzt gegen die Betriebszeiten-Genehmigung aus 2014, in der die Münsteraner Bezirksregierung eine unbegrenzte Zahl an planmäßigen Landungen bis 23 Uhr zuließ.

Inzwischen hat die Stadt Unna beim Münsteraner Oberverwaltungsgericht auch gegen die erneute Genehmigung aus Münster geklagt, die vier Landungen zwischen 22 und 23 Uhr zulässt. Das Argument im Rathaus: zu viel Fluglärm. Ganz Unna sei davon betroffen. Vor allem aber die Bürger in Teilen der Innenstadt sowie in Massen und Königsborn in der Einflugschneise. Rund 70 Prozent der Maschinen, die Dortmund anfliegen, kommen aus Richtung Osten. In der Hauptsache Maschinen von Wizz Air.

Die Dortmunder Ratsfraktionen sind sich uneinig

„Wir stehen zum Flughafen“, sagt SPD-Fraktionschef Norbert Schilff. Die Einstufung des Airports als „landesweit bedeutsamer Flughafen“ im Landesentwicklungsplan (LEP) werde „ausdrücklich begrüßt.“ Wünschenswert sei eine stärkere Auslastung, so Schilff. Entscheidend für eine Diskussion über eine mögliche Verlängerung der Landebahn sei, dass ein Ausbau den Einsatz leiserer Maschinen nach sich ziehe.

Die CDU sieht den Flughafen als wichtigen Faktor für die Wirtschaft und die Verkehrsanbindung Dortmunds. Ansonsten: Die besten Flughafen-Diskussionen sind die, die gar nicht erst geführt werden müssen. In diesem Lichte entstand vor Jahren der Parteitagsbeschluss, nach dem „der Flughafen seine Endausbaustufe erreicht hat.“ Das gelte weiterhin, sagt CDU-Fraktionschef Ulrich Monegel. Er sagt aber auch: Liege irgendwann ein Vorstoß für den Ausbau der 2000 Meter-Bahn auf dem Tisch, könne man sich der Debatte nicht verschließen. „In dem Fall werden wir ernsthaft, vertieft und seriös diskutieren.“

Die Grünen: Ihr Credo ist kompromisslos: Schluss mit allen Ausbaugedanken, Schluss mit weiteren Investitionen! Keine der früheren Prognosen sei eingetroffen. Weder zum Passagieraufkommen noch zu den Erträgen, kritisiert Fraktionssprecherin Ingrid Reuter. „Der Flughafen kommt seit Jahren nicht aus den roten Zahlen.“

Stattdessen habe er sich immer wieder von einzelnen Airlines wie etwa easyJet oder früher Eurowings abhängig gemacht, die nach einer gewissen Zeit den Rückzug angetreten hätten. Jetzt hänge der Flughafen von Wizz Air ab, sagt Reuter. Deshalb sei es an der Zeit, über die langfristige Schließung des Airports nachzudenken, ihn verträglich auslaufen zu lassen und Konzepte für eine neue Nutzung des Geländes zu erstellen. Eine Idee für die rund 400 Beschäftigten: gibt es nicht.

Linke und Piraten wollen nicht die Schließung des Airports, wohl aber den Rückbau zu einem reinen Flughafen für Geschäftsflieger. „Wir müssen raus aus dem Billigflugverkehr“, sagt Fraktionschef Utz Kowalewski. „Die Billigflieger führen zu Defiziten, die sofort auf den Haushalt der Dortmunder Stadtwerke als Anteilseignerin des Flughafens durchschlagen“, gibt Kowalewski zu bedenken. Auch er findet: Die Abhängigkeit von einigen wenigen Airlines sei ein hohes Risiko. Der Flughafen brauche ein neues Geschäftsmodell.

Für die IHK ist der Dortmunder Flughafen ein wichtiger Baustein zur Mobilität

Für die Dortmunder Industrie- und Handelskammer (IHK) ist der Flughafen ein „unverzichtbarer Baustein für die Gesamtmobilität der Wirtschaft“, so IHK-Präsident Heinz Dustmann. Die Akzeptanz des Airports bei den Unternehmen in Dortmund, Hamm und dem Kreis Unna betrage 80 Prozent. Jeder vierte der insgesamt zwei Millionen Passagiere sei geschäftlich unterwegs.

Die Mehrzahl der Betriebe, deren Mitarbeiter den Airport regelmäßig nutzten, habe weniger als 50 Beschäftigte. Das vor Kurzem verabschiedete Handlungskonzept der IHK unterstreiche die Funktion des Airports „als Knotenpunkt für den Personenverkehr“. Dazu gehöre, „Entwicklungsperspektiven frühzeitig zu erkennen und zu nutzen“, so Dustmann.

Mit Blick auf die Genehmigungsbehörden kritisiert der IHK-Präsident „die unzumutbar lange Dauer“ bis zu einer Entscheidung. Verwaltungsprozesse müssten unbedingt beschleunigt werden. „Aus meiner Sicht sind acht Jahre bis zur jüngsten Entscheidung über die Betriebszeiten definitiv zu viel.“

Land NRW: Dortmunder Airport ist bedeutsam

Das Land NRW hat den Dortmunder Flughafen im neuen Landesentwicklungsplan (LEP) als "landesweit bedeutsam" eingestuft. Die Folge: Der Airport muss etwaige Ausbaupläne nicht mit den Flughäfen Düsseldorf, Köln und Münster absprechen. Dortmund kann nun allein über nötige Investitionen entscheiden. Zuvor war das nicht möglich: Im alten LEP hatte der Dortmunder Flughafen lediglich "regionale Bedeutung" und war Köln, Düsseldorf und Münster nachgeordnet. Welche Rolle der Dortmunder Airport künftig übernehmen soll – dazu schweigt sich das Land noch aus.

Der Dortmunder Flughafen im Widerstreit der Interessen

Die Politik müsse fairen Wettbewerb schaffen, so das Land NRW. © Oskar Neubauer (Archiv)

Das NRW-Verkehrsministerium verweist auf das neue Luftverkehrskonzept des Landes, das aktuell erstellt werde. Das Gutachten mit dem Titel "Empfehlungen für die Luftverkehrskonzeption 2030 des Landes Nordhrein-Westfalen" sei im August vergeben worden. "Das Gutachterkonsortium hat seine Arbeit gerade erst aufgenommen", heißt es im NRW-Verkehrsministerium.

Ob eine Kooperation mit dem Düsseldorfer Flughafen denkbar sei, der wegen seiner steigenden Auslastung noch weitere Starts und Landungen beantragt hat? Auch dazu mag sich das Ministerium nur verhalten äußern. Die NRW-Regierung bekenne sich "zur Vielfalt der Flughäfen im Land", und Verkehrsminister Hendrik Wüst erkenne auch die Entwicklung des Dortmunder Flughafens an. "Aber die Flughäfen stehen im Wettbewerb miteinander", heißt es. "Profil müssen sie selber entwicklen." Der Beitrag der Politik könne nur sein, faire Wettbewerbsbedingungen herzustellen.

Die Stadt Dortmund unterstützt die Airport-Ziele

Für die Stadt Dortmund steht fest: Der westfälische Wirtschaftsraum benötige einen "funktionierenden und europaweit angebundenen Flughafen." Aus diesem Grund, heißt es in der Stellungnahme, unterstütze sie die Zielsetzung des Flughafens, den drittgrößten Flughafen in NRW "an den Bedarf der Fluggäste und der neuen Flugzeuggenerationen anzupassen." Ziel müsse sein, die regionalen Destinationen europaweit anzubinden und damit einen positiven Beitrag zum Wachstum der Wirtschaftsräume zu leisten.

Die Stadt betont, dass der Düsseldorfer Airport seine Kapazitätsgrenze längst erreicht habe. Sie erinnert an frühere Gedankenspiele, mehr Geschäftsflieger in Dortmund abzuwickeln, um den Flughafen Düsseldorf zu entlasten. Beide Wirtschaftsräume wachsen, heißt es. Sowohl der westfälische als auch der rheinische.

Jetzt sei das Land NRW gefragt, die Luftfahrtpolitik fortzuschreiben. Die Stadt fordert, die Entwicklung des Dortmunder Flughafens zum Thema der von NRW-Ministerpräsident Laschet auf den Weg gebrachten Ruhrkonferenz zu machen und so die landespolitischen Weichen zu stellen.

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