Denunziation und Erpressung: Das erleben Dortmunder Friseure zurzeit

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Mit den Haaren wächst der Frust. Einige Kunden stellen ihre Friseure offenbar vor die Wahl: neue Frisur oder neuer Friseur. Obermeister Frank Kulig kann es kaum fassen, wie die Leute ticken.

Dortmund

, 19.04.2020, 04:30 Uhr / Lesedauer: 2 min

Zwei Wochen ist der Vorfall her, der Obermeister Frank Kulig gezeigt hat, wie die Leute gerade ticken. „Da war ich in meinem Friseurladen und hab‘ meiner Frau die Haare geschnitten“, erzählt der 63-jährige. Zwölf Minuten später standen Polizei und Ordnungsamt vor seiner Tür. Kulig hat auf die Uhr geschaut.

Der Chef der Friseur-Innung versteht nicht, warum die Person, die ihn angeschwärzt hat, nicht einfach kurz bei ihm nachgefragt hatte: „Für mich ist das die Basis des Denunzierens. Das erinnert an ganz dunkle Zeiten.“

Schlechte Frisuren für alle

Gut möglich, dass hier neben der Sorge um die Einhaltung der Coronaregeln auch ein zweiter Gedanke zur Anwendung kam: Wenn man schon selbst keine ordentliche Frisur mehr hat, soll es zumindest allen so gehen.

Die ersten Dortmunder scheinen jedenfalls über die prekäre Beautysituation zu verzweifeln. Kulig berichtet von Vorfällen, in denen Kunden ihrem Friseur gedroht hätten, künftig woanders hinzugehen - wenn er ihnen nicht sofort die Haare schneidet. „Das ist einfach unakzeptabel“, empört sich Kulig.

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Dabei wird zumindest die Not auf dem Kopf bald ein Ende haben. Denn ab dem 4. Mai dürfen Friseurbetriebe wieder öffnen. Für die erste Woche hat Kulig in seinem Salon in der Innenstadt direkt alle Termine vergeben.

Vor allem junge Friseure von Krise betroffen

Nicht alle seiner Kollegen halten aber bis dahin durch. Gerade junge Friseure, die noch nicht lange selbstständig arbeiten, wissen nicht weiter. „Von mindestens vier Kollegen weiß ich, dass sie ihren Betrieb dicht machen müssen“, verrät der Friseur mit 50 Jahren Betriebserfahrung.

In dieser langen Zeit konnte sich Kulig ein finanzielles Polster aufbauen, von dem er jetzt zehren kann. Waschbecken, Friseurstühle, Elektrik - wer sich für die teure Ausstattung gerade erst verschuldet hat, steht jetzt vor dem Aus.

Mit den Trennwänden zwischen den Sitzen ist Frank Kulig bereits für die Wiedereröffnung gerüstet.

Mit den Trennwänden zwischen den Sitzen ist Frank Kulig bereits für die Wiedereröffnung gerüstet. © Frank Kulig

In diesem Fall ist die Versuchung natürlich groß, trotz Kontaktverboten auf zwielichtige Angebote einzugehen. „Kommt doch einfach kurz bei mir vorbei“, würden sich laut Kulig immer mehr Kunden vertrauensvoll an ihren Friseur wenden.

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Betriebe, die zu jeder Zeit in Schwarzarbeit arbeiten, wittern jetzt gute Geschäfte. Alle anderen Friseure blicken der Wiederöffnung ihrer Salons mit Vorfreude entgegen, müssen aber etliche Vorkehrungen treffen.

Masken für Friseure und Kunden sind Pflicht, Trockenschnitte sind erst einmal verboten und zwischen den Stühlen soll nach Möglichkeit ein Platz frei bleiben. Das macht den Haarschnitt teurer, weiß Friseurmeister Kulig: „Mit drei Euro mehr pro Besuch muss man schon erst mal rechnen.“

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