Die mehrstündige Besetzung des Südwalls durch Demonstranten der Gruppe Extinction Rebellion war eine der aufsehenerregendsten Protestaktionen des Jahres. © Oliver Schaper
Proteste

Demos im Corona-Jahr: Klima-Rebellen, Querdenker und „I can‘t breathe“

2020 war ein Jahr, in dem Demonstrationen eine spezielle Bedeutung bekommen haben. Das lag nicht nur am Coronavirus. Die Zahl der angemeldeten Versammlungen überrascht.

Die Pandemie-Lage im Jahr 2020 hatte auch Folgen für die politische Meinungsäußerung und Versammlungen in Dortmund. Bei allen Demonstrationen seit März mussten Hygienevorschriften eingehalten werden. Um dies zu überprüfen, ist seitdem mit der Stadt Dortmund eine zweite Behörde in die Demo-Anmeldung involviert.

Das bedeutet aber nicht, dass die Menschen nicht auf die Straße gegangen wären. Die Zahlen legen sogar nahe, dass das Gegenteil der Fall war.

Die Zahl der Demonstrationen ist höher als ohne Pandemie

Die Polizei Dortmund als Versammlungsbehörde gibt auf Anfrage dieser Redaktion die Zahl der Demonstrationen mit 685 an (Stand 21.12.). Sie ist damit höher als im Jahr 2019 ohne Pandemie (662).

Eine mögliche Erklärung dafür aus Sicht der Polizei: die Kommunalwahl im September. Denn jede größere Wahlkampfveranstaltung gilt als Versammlung und muss entsprechend angemeldet werden. Obwohl der Wahlkampf im Vergleich zu anderen Jahren wenig auf der Straße stattfand, hat dies aus Sicht der Polizei die Zahl der Veranstaltungen beeinflusst.

Doch es war aus mehreren weiteren Gründen ein bemerkenswertes Demonstrationsjahr. Das waren die bestimmenden Themen.

Die Demos gegen die Corona-Schutzmaßnahmen

Im April begannen in ganz Deutschland Menschen gegen die Corona-Schutzmaßnahmen wie die Maskenpflicht auf die Straße zu gehen. In Dortmund zeigte sich schnell, dass sich hieraus so ungewöhnliche wie unheilvolle Allianzen bildeten.

Normalbürger gingen gemeinsam mit Neonazis auf die Straße, Esoteriker trafen auf Leute, die Politiker für Echsenmenschen halten. Krude Verschwörungstheorien mischten sich mit Sorgen um berufliche Existenz oder persönliche Freiheit.

So genannte Querdenker demonstrierten mehrfach gegen die aus ihrer Sicht zu strengen Einschränkungen zum Infektionsschutz. © Oliver Schaper (Archivbild) © Oliver Schaper (Archivbild)

Als Mitte Mai eine Frau wegen der beharrlichen Weigerung, Maskenpflicht und Abstand einzuhalten an der Reinoldikirche festgenommen wurde, schlug dies bundesweit Wellen, weil „prominente“ Corona-Leugner wie Attila Hildmann die Meldung verbreiteten.

Noch im Oktober gab es in Dortmund Proteste gegen die „Corona-Diktatur“ – dabei kam es zu zahlreichen Verstöße gegen die Maskenpflicht.

Auf der Seite der Dortmunder Organisation „Querdenken 231“ ist die Teilnahme an einer bundesweiten Demonstration am 1. Januar 2021 angekündigt. Der Polizei liegen noch keine Informationen über eine mögliche Veranstaltung am Neujahrstag vor.

Die Proteste von Berufsgruppen, die durch die Corona-Krise akut betroffen sind

Künstler, Clubbetreiber, Reisebüros oder Schausteller: Mehrere Branchen haben durch die Pandemie ihre finanzielle Grundlage verloren. Um darauf aufmerksam zu machen, wählten die Betroffenen teils kreative Protest-Wege.

Künstler und Kreative bildeten eine lange, schweigende Menschenkette durch die Dortmunder Innenstadt. Die Schausteller stellten nach der Absage des Weihnachtsmarkts Grabkerzen auf dem Hansaplatz auf. Mitarbeiter von Reisebüros stellten Klappstühle und Sonnenschirme auf den Friedensplatz.

Die Weltlage und ihre Wirkung in Dortmund

Neben Corona gab es einige Themen, die Menschen auf der ganzen Welt bewegten. Ende Mai sorgte der Tod des US-Amerikaners George Floyd für Bestürzung und für Proteste unter dem Schlagwort „I can’t breathe“. Bei einer „Silent Demo“ (Stiller Protest) kamen am 6.6. rund 5000 Menschen auf dem Hansaplatz zusammen.

Rund 1000 Menschen demonstrierten im September gegen die europäische Migrationspolitik. Zuvor war das Flüchtlingslager in Moria auf der griechischen Insel Lesbos durch ein Feuer zerstört worden.

Die Klimademonstrationen

2019 war das Jahr der Massenproteste für mehr Klimaschutz, 2020 wurde dieses Thema durch Corona etwas überlagert. Dennoch gab es Klimademonstrationen. Während eine Fridays-For-Future-Aktion im September deutlich unter der erwarteten Teilnehmerzahl blieb, sorgte eine andere Gruppierung in Dortmund für Aufsehen.

Am 2. September blockierten Aktivisten von Extinction Rebellion den Südwall und bauten dafür ein Stahl-Gerüst mitten auf der Kreuzung zur Ruhrallee auf. Die Aktion endete erst nach mehreren Stunden und brachte der Gruppe große Aufmerksamkeit.

Extinction Rebellion fordert konsequenten Einsatz und sofortiges Handeln, um die menschengemachte Erderwärmung zu stoppen.

Die Streiks im Öffentlichen Dienst

Im Oktober beeinflussten Streiks von Angestellten des öffentlichen Dienstes die Abläufe vieler Dortmunder stark. ÖPNV, Kindertagesstätten und andere zentrale Bereiche waren betroffen, dazu gab es größere Kundgebungen auf dem Wall.

Angestellte des Öffentlichen Diensts bei einem Protestmarsch anlässlich des Warnstreiks am 1. Oktober. © Oliver Schaper (Archivbild) © Oliver Schaper (Archivbild)

Am Rande eines Demo-Marschs zeigte sich sinnbildlich der Widerspruch dieses Corona-Jahres. Während mehrere hundert Menschen mit mehr oder weniger großem Abstand über den Wall zogen, stand am Rande ein Mann.

Er blickte auf den Protestzug und rief dann mit einer Mischung aus Ungläubigkeit und Verzweiflung in der Stimme: „Ich dachte es ist Corona?!“

Vor zweieinhalb Monaten lächelten die Teilnehmer das noch weg. Heute, im zweiten Lockdown und mit vervielfachten Infektionszahlen, wirken Demonstrationen Hunderter Menschen wie aus einer anderen Zeit.

Was sonst noch los war

Im Juli demonstrierten Motorradfahrer gegen geplantes Gesetzesänderungen – rund 1000 motorisierte Protestler fuhren durch Dortmund.

Die Proteste gegen einen Thor-Steinar-Laden flammten in Dortmund 2020 wieder auf. © Oliver Schaper (Archivbild) © Oliver Schaper (Archivbild)

Unter dem Schlagwort „Naziläden dichtmachen“ demonstrieren seit Juli regelmäßig Menschen gegen ein Geschäft der bei Rechtsextremen beliebten Marke „Thor Steinar“ am Alten Burgwall. Bereits 2019 hatte es solche Demonstrationen gegen ein Geschäft am Brüderweg gegeben. Sie werden auch 2021 weitergehen.

Über den Autor
Redaktion Dortmund
Seit 2010 Redakteur in Dortmund, davor im Sport- und Nachrichtengeschäft im gesamten Ruhrgebiet aktiv, Studienabschluss an der Ruhr-Universität Bochum. Ohne Ressortgrenzen immer auf der Suche nach den großen und kleinen Dingen, die Dortmund zu der Stadt machen, die sie ist.
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Felix Guth

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