Tierpfleger ist für viele ein Traumberuf. Die Konkurrenz ist riesig. Für Sabine Faller und Nadia Fehners ist der Ausbildungsplatz im Zoo Dortmund ein Sechser im Lotto – trotz harter Arbeit.

Dortmund

, 21.04.2019 / Lesedauer: 5 min

Der Tag hat für Sabine Faller (32) gut begonnen. Gleich morgens gibt es für die angehende Tierpflegerin einen Neuzugang bei den Huftieren im Dortmunder Zoo zu begrüßen: Hope, eine einjährige Zebrastute, kommt aus dem Tierpark Aachen. Das Zebra, eine Handaufzucht, wird dieses Mal nicht im Pferdeanhänger angeliefert, sondern in einer Kiste. Es ist kein leichtes Unterfangen, das aufgeregte Tier gesund aus der Kiste in den Stall zu bekommen.

„Wir führen die Auszubildenden an den Transport heran“, erklärt Zooinspektor Hans-Joachim Sill, „das ist für alle immer wieder spannend.“ – „Beim Umzug des Nashorns war sogar ein Kran dabei“, ergänzt Sabine Faller.

Das Töten von Futtertieren gehört für Tierpfleger dazu

Die junge Zebrastute Hope ist ein Neuzugang im Dortmunder Zoo – und eine Gelegenheit für die Auszubildenden, den Umzug eines Tieres aus der Transportkiste in den Stall oder ins Gehege zu üben. © Gaby Kolle

Misten, misten und noch mal misten

Tierpfleger ist für viele ein Traumberuf. Doch dabei geht es nicht darum, mit Affen zu schmusen, Zebras zu päppeln oder Kamele zu streicheln, sondern in erster Linie ist es harte körperliche Arbeit. Misten, misten und noch mal misten, Futterrationen vorbereiten, der Tierärztin Dr. Christine Osmann bei Behandlungen zur Hand gehen und Gehege kontrollieren. Und immer wieder laufen. „Zehn Kilometer am Tag sind normal“, sagt Nadia Fehners, die wie Sabine Faller eine Ausbildung zur Tierpflegerin macht. Beide sind im dritten Lehrjahr. Im Sommer ist die Abschlussprüfung für den Gesellenbrief.

Auch das Töten von Tieren gehört mitunter zur Aufgabe der Tierpfleger. So müssen sie Futtertiere töten können. Zooinspektor Sill: „Es gibt dazu eine Schulung. An deren Ende steht der Sachkundenachweis für artgerechte Haltung und Tötung von Futtertieren.“ Doch Letzteres mache niemand gern – auch wenn das zum Artenschutz und damit zu den Aufgaben eines Zoos gehört.

Nashörner lieben Körperpflege

Ansonsten ist der direkte Kontakt mit Tieren aus Gründen der zunehmenden Anforderungen an die Arbeitssicherheit häufig nicht möglich, außer etwa beim Training für Besuchershows oder für medizinische Untersuchungen. Anders ist das bei den Nashörnern, die Sabine Faller interessanter findet als die Zebras „Die kommen schon mal gucken“, sagt sie. „Die suchen den Kontakt und lieben Körperpflege“, ergänzt Zooinspektor Sill. Die Auszubildende kann die Dickhäuter abspritzen und abbürsten.

Während Sabine Faller die Schabrackentapire besonders mag – „die haben witzige Füße“ – haben es Nadia Fehners die mächtigen Andenkondore Konrad und Conny angetan: „Die sind cool und so groß, die können einen toten Wal aufreißen. Aber sie sind friedlich.“ Überhaupt kümmert sich Nadia Fehners besonders gern um Vögel.

Das Töten von Futtertieren gehört für Tierpfleger dazu

Tierpfleger-Auszubildende Nadia Fehners mit Andenkondor Konrad, einem ihrer Lieblingstiere. © Gaby Kolle

„Vögel sind sehr kompliziert“

„Vögel sind sehr kompliziert, total vielseitig und aufwendig“, sagt der Zooinspektor, „oft viel Klein-Klein beim Füttern, hier ein Schälchen, da ein Schälchen.“ Im Kondor-Gehege liegen aktuell allerdings ganze tote Kaninchen. Die Ganzkörperfütterung soll Konrad und Conny zur Eiablage animieren.

Wenn Nadia Fehners in das Gehege der Andenkondore geht, reichen die Riesenvögel ihr fast bis zur Hüfte. „Da kriegt man einen ganz anderen Bezug zu den Tieren. Es ist kein Schutz mehr da“, sagt Sill. „Man lernt die Tiere einzuschätzen: Wie ist der heute drauf, will er nur gucken?“

Die Waffe beim Saruskranich ist der Schnabel

Beherztes Zupacken heißt es mittags bei der Behandlung des Saruskranichs, eines Altvogels, der sich möglicherweise beim Transport aus einem anderen Zoo verletzt hat. Ein Flügel hängt herunter. Damit die Zootierärztin Dr. Osmann den mannshohen Vogel behandeln kann, muss Zooinspektor Sill ihn zunächst mit einem Besen vorsichtig in eine Ecke drängen und ihn dann mit einem routinierten Griff zum Schnabel bändigen. „Die Waffe ist der Schnabel, nicht die Krallen“, erklärt Sill den Auszubildenden.

Das Töten von Futtertieren gehört für Tierpfleger dazu

Der Griff beim Saruskranich muss sitzen, sonst haut dieser mit dem Schnabel zu. Wie es geht erklärt Zoo-Inspektor Hans-Joachim Sill den Auszubildenden Nadia Fehners (l.) und Sabine Faller (r.). © Gaby Kolle

Damit der Saruskranich untersucht werden kann, müssen alle mit anfassen, auch die Auszubildenden. Als Sabine Faller mit einem Handtuch den Schnabel übernimmt, steigt ihr Adrenalinspiegel schon ein bisschen. Dr. Osmann diagnostiziert eine Entzündung im Ellenbogengelenk des Vogels (das sitzt am Flügel) und gibt ihm eine entzündungshemmende Spritze sowie ein Vitaminpräparat zum Aufpäppeln. Die alte Saruskranich-Dame Elfriede im Gehege nebenan sucht mit Balzen die Aufmerksamkeit ihres Artgenossen. Doch der zeigt –auch noch aufgeregt von der Behandlung – wenig Interesse. Für Elfriede keine leichte Zeit; denn seine Behandlung wird fortgeführt, kündigt die Tierärztin an.

Das Töten von Futtertieren gehört für Tierpfleger dazu

Wenn Zootierärztin Dr. Christine Osmann den wehrigen Saruskranich behandelt, müssen die Tierpfleger mit anpacken. © Gaby Kolle

Zum Abschluss ein Springermonat

Zurzeit absolvieren Sabine Faller und Nadia Fehners zum Abschluss der Ausbildung einen Springermonat, durchlaufen noch mal alle Großreviere. Nadia Fehners ist aktuell bei den Raubtieren und Papageien eingesetzt, Sabine Faller bei den Huftieren. Sie erhalten den letzten Schliff für die Abschlussprüfung im Juli. Bei der mündlich-praktischen Prüfung etwa werden die Zubereitung von Futtermitteln abgefragt, das richtige Greifen nach Kaninchen und Meerschweinchen, Transportfragen, Krankheiten sowie die Geschlechtsbestimmung bei Tieren. Sill: „Erst nach der Ausbildung spezialisiert man sich.“

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Tierpfleger-Azubis im Zoo Dortmund

Schon der Start in die Ausbildung war nicht einfach. Gemeinsam mit einer dritten Auszubildenden haben sich die beiden in mehreren Runden gegen rund 800 Bewerber durchgesetzt. Auch wenn das Interesse an Tieren eine Grundvoraussetzung ist – „nur mit Tierliebe kommt man nicht weit“, weiß Nadia Fehners. „Mir zum Beispiel liegen auch der Arterhalt sowie Natur- und Umweltschutz am Herzen“, sagt ihre Kollegin.

Mehrere Hürden bei der Bewerbung

Der Berufswunsch Tierpfleger gehört zu den mit den meisten Absagen, hat jüngst der Berufsbildungsbericht von Bundesbildungsministerin Anja Karliczek festgestellt. Zu den Hürden einer Bewerbung zählen beim Zoo Dortmund nach Praktika im Vorfeld erst ein Online-Eignungstest, dann ein Eignungstest vor Ort, gefolgt von einem Bewerbungsgespräch. Bis dahin schaffen es etwa sechs bis acht Bewerber. Bei Erfolg schließt sich ein viertägiges Praktikum an und am Schluss die Einstellungsuntersuchung. Alles in Allem dauert das Auswahlverfahren ein halbes Jahr.

Die Stadt Dortmund und damit auch der Zoo bilden nach Bedarf aus. Deshalb haben Sabine Faller und Nadia Fehners beste Chancen, nach ihrer Ausbildung übernommen zu werden. Tierpfleger, so Zoodirektor Dr. Frank Brandstätter, „haben sichere Zukunftsaussichten dadurch, dass nicht alle Zoos ausbilden.“ Dieser begehrte Berufswunsch sei auch „ein bisschen eine Modeerscheinung. Als Zoosendungen populär wurden, führte das dazu, dass sich viele Leute beworben haben.“

Im Sommer starten drei neue Auszubildende

59 Tierpfleger, manche auch in Teilzeit, beschäftigt der Zoo Dortmund einschließlich der drei Kräfte in der Futterküche. Wenn Sabine Faller und Nadia Fehners ihre Ausbildung beendet haben, starten drei neue Auszubildende beim Zoo, zwei Männer und eine Frau.

Würden Sabine Faller und Nadia Fehners im Nachhinein die Ausbildung noch mal machen? Haben sich ihre Erwartungen erfüllt? „Auf jeden Fall“, sagen beide wie aus der Pistole geschossen. Sabine Faller: „Es ist sogar besser, als wir es uns vorgestellt haben. Das ist der Sechser im Lotto. Mit Superzahl.“

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