In der Geschichte der Dortmunder Sechs-Tage-Rennen schließt das letzte Kapitel: Radsport-Urgestein Manfred Schmadtke muss eine alte Werkstatt räumen.

Dortmund

, 30.07.2018 / Lesedauer: 3 min

Ein heißer Juli-Tag im Sommer 2018. Oben in der Westfalenhalle 1 tagen die Zeugen Jehovas. Unten in den Katakomben schließt Manfred Schmadtke eine schwere Tür aus Stahl auf. Dahinter ruht „seine Welt“. Eine Welt aus Pokalen, Plakaten, Urkunden, Werkzeugen, Schmieröl, Kolben, Magneten und Motorrädern. Eine Welt voller Erinnerungen.

Der 83-jährige Manfred Schmadtke ist ein Urgestein der Dortmunder Radsport-Geschichte. Er organisierte Dortmunder Sechs-Tage-Rennen in der Westfalenhalle und auch international besetzte Straßenrennen. Jahrzehnte wartete er die schweren Steher-Maschinen, auf denen die Fahrer als Schrittmacher die Rennradfahrer bis tief in die Nacht taktisch und temporeich über die Holzbahn lotsten und aufs Siegertreppchen führten.

Jetzt schließt sich das letzte Kapitel

Vorbei sind die Zeiten, in denen Dietrich Thurau und andere große Namen nach dem Startschuss in der legendären Westfalenhalle 1 das Publikum faszinierten. Vorbei sind die Zeiten, in denen namhafte Sponsoren bis 2008 die glorreichen Sechs-Tage-Rennen finanzierten. Vorbei sind die Zeiten, in denen Manfred Schmadtke in seiner Werkstatt unten in den Katakomben der Halle 1 werkelte. Jetzt schließt sich endgültig das letzte Kapitel der Dortmunder Sechs-Tage-Rennen. Denn Schmadtke schließt ab.

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Zeitreise in die Sechs-Tage-Rennen

30.07.2018
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Manfred Schmadtke vor "seinen" Steher-Maschinen, die der Westfalenhallen GmbH gehören: Sämtliche Motorräder sind so gut gepflegt, dass sie sofort starten könnten.© Peter Bandermann
Jahrzehnte alte Hefte dokumentieren die Dortmunder Sechs-Tage-Rennen-Geschichte. Das Dortmunder Stadtarchiv hat Manfred Schmadtkes lückenlose Sammlung übernommen.© Peter Bandermann
Ein Schwarz-Weiß-Foto aus alten Zeiten in einem verglasten Rahmen zeigt die hölzerne Radrennbahn in der Westfalenhalle.© Peter Bandermann
Der frühere Oberbürgermeister Günter Samtlebe verlieh Manfred Schmadtke die Dortmunder Sportler-Ehrennadel.© Peter Bandermann
Plakate aus früheren Zeiten: Die Sechs-Tage-Rennen füllten damals noch die Westfalenhalle 1. Später sprangen die Sponsoren ab.© Peter Bandermann
Manfred Schmadtke verschließt in den Katakomben der Dortmunder Westfalenhalle eine schwere Tür aus Stahl. Dahinter stehen die Steher-Maschinen, die sofort für ein Rennen starten könnten. Alle Motoren sind in Schuss. Die Westfalenhallen GmbH benötigt die Räume für andere Zwecke.© Peter Bandermann
Nicht nur Weltmeister, sondern auch Organisations-Künstler: Manfred Schmadtke brachte auch international besetzte Straßenrennen in Schwung.© Peter Bandermann
Die Werkbank in den Katakomben der Westhalenhalle 1 ist immer noch bereit: Manfred Schmadtke könnte jederzeit eine Steher-Maschine zerlegen und wieder zusammenbauen.© Peter Bandermann
Die Westfalenhallen GmbH benötigt die Räume für andere Zwecke.© Peter Bandermann
Sohn Frank Schmadtke (rechts) ist ebenfalls leidenschaftlicher Radsportler.© Peter Bandermann
Blick in die alte Fahrrad-Werkstatt in den Katakomben der Westfalenhalle. Pokale, Wimpel, Plakate und Werkzeuge führen zurück in die Geschichte der Dortmunder Sechs-Tage-Rennen.© Peter Bandermann

Die Westfalenhallen GmbH benötigen die alte Werkstatt und das Steher-Maschinen-Lager für andere Zwecke. Wichtige Dokumente über die Geschichte der Sechs-Tage-Rennen hat Manfred Schmadtke bereits dem Stadtarchiv übergeben. Pokale, Werkzeuge und Schmieröl erinnern an alte Zeiten, in denen Startschüsse fielen, Rundenglocken läuteten, die Motoren dröhnten und die Zuschauer beim Omnium der Asse die Radsportler anfeuerten.

„Aber leider ist jetzt Schluss“

„Das hier ist mein Welt. Das hier ist mein Leben“, sagt Manfred Schmadtke voller Wehmut. Die letzten Tage seiner Werkstatt sind gezählt. Wenn er die Kolben aus einem Karton hervorkramt, mit Plakaten zurückblickt oder mit Herzblut den Aufbau der bis zu 100 Jahre alten Steher-Maschine erklärt, dann ist das so, als wollte er die schönen Momente aus vergangenen Zeiten für die Ewigkeit festhalten. Ende der 1990er-Jahre hatte Manfred Schmadtke noch fünf Maschinen aus Zürich gekauft, um einem Nachfolger einen leistungsstarken Fuhrpark übergeben zu können. „Dass es weiterläuft, wenn mal was kaputt geht“, begründet er den Kauf, und erkennt: „Aber leider ist jetzt Schluss.“

Welche Geschichte haben die Dortmunder Sechs-Tage-Rennen? Wie sieht es aus in der Werkstatt? In diesem Video erklärt Manfred Schmadtke seine Welt und sein Leben:

Sechs-Tage-Rennen gab es in Dortmund schon vor dem Zweiten Weltkrieg. Nach dem Wiederaufbau der Westfalenhalle gingen die ersten Rennradfahrer wieder 1952 an den Start. 2008 war dann endgültig Schluss.
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