Blinde Dortmunderin wird das Derby mit den Augen eines anderen sehen

dzGeisterderby

Daniela Schmidt erlebt die BVB-Spiele im Stadion normalerweise mit spezieller Kommentierung für Sehbehinderte – das geht jetzt erstmals auch von Zuhause aus. Doch klappt das ohne Atmosphäre?

Dortmund

, 16.05.2020, 05:45 Uhr / Lesedauer: 2 min

Keine Gesänge, keine Pfiffe, keine Buh-Rufe – schon für sehende Menschen wird es ein komisches Gefühl sein, sich das Derby zwischen dem BVB und Schalke quasi ohne Nebengeräusche im TV anzuschauen.

Doch wie ist das erst für Fans, die das Spiel gar nicht oder nur eingeschränkt sehen können und für die Atmosphäre und Akustik eine umso größere Rolle spielen? Daniela Schmidt wird diese Frage spätestens beim Abpfiff der Partie beantworten können.

Vier Prozent Sehkraft

Seit der Geburt ist die Dortmunderin sehbehindert und verlor im Laufe der Jahre immer mehr an Augenlicht. „Heute bin ich auf dem linken Auge blind und besitze auf dem rechten noch etwa vier Prozent Sehkraft“, sagt die 45-Jährige. „Außerdem ist mein Gesichtsfeld stark eingeschränkt – eine Art Tunnelblick.“

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Das hinderte die gelernte Kauffrau aber keineswegs daran, im Leben Neues auszuprobieren und beim UEFA-Cup-Spiel der Borussia gegen Deportivo La Coruna 1994 erstmals auf der Südtribüne des Westfalenstadions zu stehen.

Die Partie erwies sich als echter Krimi – und für Daniela Schmidt als ein auslösendes Moment für ihren weiteren Lebensweg. „Am nächsten Tag bin ich direkt in die Geschäftsstelle gegangen und Mitglied geworden“, sagt sie.

Ganz Borussin, engagierte sie sich in der Folgezeit für sehbehinderte Fans und sorgte mit dafür, dass 2002 der BVB-Fanclub Blind Date aus der Taufe gehoben wurde und es seit 2005 eine Spielkommentierung für Menschen mit Sehbehinderung gibt, die sie im Stadion über einen Kopfhörer verfolgen können.

Natürlich besitzt der Fanclub Blind Date auch ein eigenes Outfit. Daniela Schmidts Hündin dürfte das allerdings egal sein: Wendy interessiert sich mehr für Leckerchen als für Fußball.

Natürlich besitzt der Fanclub Blind Date auch ein eigenes Outfit. Daniela Schmidts Hündin dürfte das allerdings egal sein: Wendy interessiert sich mehr für Leckerchen als für Fußball. © Michael Schuh

Die speziell dafür geschulten Kommentatoren schildern das Spiel so, dass auch ein blinder Mensch der Partie folgen könne, sagt die 45-Jährige: „Sie reden ununterbrochen. Man weiß immer, wo jeder Spieler steht, und darauf bin ich angewiesen. Sonst könnte ich nur die gelbe Farbe der Trikots und die Steckdosenfrisur von Axel Witsel erkennen.“

Atmosphäre sorgt für Gänsehaut

Aber die Kommentatoren beschreiben auch das Drumherum – und das ist für Blinde mindestens ebenso wichtig wie für Menschen mit normaler Sehkraft, weiß Schmidt: „Wenn ich neben uns die Südtribüne höre, dann steckt mich das an und ich singe mit.“ Und offenbar sind sehbehinderte Fans für besondere Situationen auch besonders sensibilisiert.

Denn 2011 habe sie der Atmosphäre auf der Süd schon früher als die meisten anderen Zuschauer entnehmen können, dass der 1. FC Köln in Leverkusen ein Tor geschossen und den BVB so zum Meister gemacht hatte. „Wenn ich daran denke, bekomme ich noch immer eine Gänsehaut.“

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Doch mit solchen Gefühlen ist aufgrund der Corona-Krise zumindest bis zum Saisonende erst einmal Schluss. Die Tribünen bleiben leer. Trotz all der negativen Begleiterscheinungen erhielt die 45-Jährige unlängst auch eine positive Nachricht:

Was bislang nur im Signal Iduna Park klappte, soll nun in den eigenen vier Wänden ebenfalls funktionieren. Beginnend mit der Schalke-Partie, können Sehbehinderte den speziellen Kommentar am heimischen PC streamen.

Derbysieg ist Derbysieg

Zunächst wollen Daniela Schmidt und ihr nicht sehbehinderter Mann Jürgen – den sie übrigens am Tag des Supercup-Finales 2013 vor dem Stadionbesuch heiratete – daheim den Fernseher und die Kommentierung für Sehbehinderte einschalten. Sollte das nicht klappen, zum Beispiel wegen zeitlicher Abweichungen von Bild und Ton, wird sich die Aplerbeckerin die Reportage in einem anderen Zimmer anhören. „Denn die ist mir wichtig.“

Ein wenig Skepsis legt die 45-Jährige aber noch an den Tag: „Normalerweise freue ich mich unheimlich auf die Spiele im Stadion, aber momentan hält sich die Freude noch in Grenzen. Man muss das neue Angebot erst ausprobieren.“

Aber Daniela Schmidt wäre kein eingefleischter Fan, würde sie ihrem BVB trotz aller Unwägbarkeiten nicht die Daumen drücken: „Derbysieg ist Derbysieg. Ob mit oder ohne Zuschauer.“

Der BVB-Fanclub Blind Date

  • Daniela Schmidt ist Vorsitzende des Fanclubs Blind Date, dem auch ihr Mann Jürgen angehört. Das Paar lernte sich – wie könnte es anders sein – beim Fußball kennen.
  • Der Fanclub engagiert sich im sozialen Bereich, unter anderem mit Spenden für die Kindertafel, das Gast-Haus und die Neven-Subotic-Stiftung. www.bvb-blinddate.de
  • Die Kommentatoren der Reportagen für Sehbehinderte und Blinde im Signal Iduna Park sind Markus Bliemetsrieder und Martin Feye. Das Duo wird abwechselnd auch die Geisterspiele des BVB kommentieren.
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