Links das Studenten-Wohnprojekt Basecamp, das schon für die Zeit nach Corona steht, und rechts unterm Tanzclub Oma Doris der erste Leerstand. Das Bekleidungsgeschäft Dosmil ist verschwunden. Geht man weiter in die Brückstraße, mehren sich die Leerstände. Die Frage stellt sich: Wie geht es weiter mit dem Brückviertel? © Oliver Schaper

Das Brückviertel als Sorgenkind: Wie kommt es aus der Corona-Krise?

Die Leerstände an der Brückstraße sind nicht zu übersehen. Die Corona-Krise trifft Dortmunds Szeneviertel hart. Vor Ort haben wir mit Quartiersmanager Christian Weyers mal den Puls gefühlt.

An dem Punkt, an dem alles zusammenläuft und den Christian Weyers als die „Herzkammer des Brückviertels“ bezeichnet, ist der Blutdruck deutlich gesunken. Es gibt kaum Puls auf der Kreuzung von Brückstaße, Ludwig- und Gerberstraße.

Wie auch? In Dortmunds einstigem Amüsierviertel und heutigem Szeneviertel gibt es nichts zum Amüsieren. Die Szene-Läden wie die Kneipe „Zum Schlips“, der Tanz- und Nachtclub Antons Bierkönig oder die Burger-Institution Food Brother sind in der Corona-Pandemie kaltgestellt. Seit Monaten. Das Konzerthaus ist vom Musiktempel zum Corona-Testzentrum mutiert. Davor warten ein paar Leute in ausreichendem Abstand auf den Einlass.

Christian Weyers von der Stadt Dortmund kümmert sich als Leiter der Stabsstelle Kreativquartiere seit 2016 hauptberuflich um das Brückviertel. So traurig wie jetzt hat er das Quartier zwischen dem Platz von Leeds und dem Königswall noch nicht erlebt. Entlang der Brückstraße, der Hauptschlagader des Viertels, wimmelt es nur so vor Leerständen.

Das Basecamp steht schon für den Aufbruch nach Corona

Gleich am Platz von Leeds ist das ehemalige Ladenlokal des Bekleidungsgeschäfts Dosmil an der Brückstraße 9 verwaist. Und gegenüber ist beim früheren Eiswaffel-Laden „Sunnysu“ (früher auch mal Bäckerei Kamps) auch alles ausgeräumt.

„Ja“, sagt Christian Weyers, „die Leerstände sind da, Corona trifft die Straße sehr. Viele Clubs und Geschäfte werden aber nach Corona noch da sein – verbunden mit einigen Veränderungen. Zum ehemaligen Ladenlokal von Dosmil liegen uns zwar bisher keine Infos für eine zukünftige Nutzung vor. Aber für viele andere leerstehende Ladenlokale laufen Gespräche mit Mietinteressenten.“

Für „Sunnysu“ zum Beispiel werde sich schnell ein Nachmieter finden, ist Christian Weyers überzeugt: „Das Ladenlokal hier direkt am neu entstehenden Basecamp ist einfach ein interessanter Standort.“

Das Basecamp: es steht jetzt schon für den Aufbruch nach Corona. Das Projekt mit 330 Studentenwohnungen wird im Oktober fertiggestellt und holt junge Menschen in die Stadt. Denen dürfte das Szeneviertel direkt vor der Haustür gefallen. Es bietet neben internationaler Gastronomie, dem Bierkönig und dem Konzerthaus auch das Orchesterzentrum NRW, das Kino „Die Schauburg“ und mit dem Domicil an der Hansastraße auch einen der besten Jazzclubs Deutschlands.

Im Brückviertel leben gut 1000 Menschen

Schon heute wohnen im Brückviertel gut 1000 Menschen. 30 Prozent sind zwischen 18 und 27 Jahre alt, 42 Prozent 28 bis 61 Jahre. Sie leben in einem Quartier, das 8,6 Hektar umfasst und damit so groß ist wie etwa zwölf Fußballfelder.

Schwungvoll nach vorne: Christian Weyers (r.) und Thomas Weiß (l.) von der Stabsstelle Kreativquartiere bei der Stadt Dortmund sind sicher, dass das Brückviertel nach der Corona-Krise den Pulsschlag der Stadt wieder wesentlich mitbestimmen wird. Nur für diesen Fotomoment haben sie ihren Mund- und Nasenschutz abgenommen.
Schwungvoll nach vorne: Christian Weyers (r.) und Thomas Weiß (l.) von der Stabsstelle Kreativquartiere bei der Stadt Dortmund sind sicher, dass das Brückviertel nach der Corona-Krise den Pulsschlag der Stadt wieder wesentlich mitbestimmen wird. Nur für diesen Fotomoment haben sie ihren Mund- und Nasenschutz abgenommen. © Oliver Schaper © Oliver Schaper

Was auffällt ist, dass sich durch die Auswirkungen der Corona-Pandemie die Brückstraße noch mehr zu einer Gastro-Meile zu entwickeln scheint und die Modeläden mit ihren oft ausgefallenen Klamotten im günstigen bis mittleren Preissegment verschwinden.

„In der Tat gibt es eine besonders große Nachfrage von Gastrobetrieben. Ein Beispiel ist der noch relativ neue Imbiss Lider Kokorec an der Hausnummer 11. Insgesamt ist die Brückstraße schon eine Gastro-Meile. Wir haben hier 75 bis 80 Prozent Gastronomie“, sagt Thomas Weiß als Projektleiter Kreativquartiere der Stadt Dortmund.

Für die Geschäftsfrau Nabila El Bachiri ist es wichtig, dass viele Einzelhandelsgeschäfte die Krise überstehen und auch neue Modegeschäfte und nicht nur Fast-Food-Läden nachkommen. „Das muss sich ändern, es muss auch Handel hier geben“, sagt sie.

Türkische Konditorei hat gerade neu eröffnet

Selbst kämpft sie mit ihrem „Vision Center“ für Abendmode an der Brückstraße 46 gerade ums Überleben. „Ich warte immer noch auf Überbrückungshilfen. Und die Miete läuft weiter. Eigentümer hier ist eine Erbengemeinschaft, da gibt es kein Entgegenkommen“, so Nabila Bachiri.

Baustellen bestimmen zurzeit das Bild in der Brückstraße. Das Versorgungsunternehmen DEW21 erneuert auch hier sein Fernwärmenetz. „Ich bin sehr froh, dass das jetzt passiert und die Baustellen hoffentlich dann verschwunden sind, wenn die Corona-Pandemie überwunden und hier alles wieder geöffnet ist“, sagt Christian Weyers, Leiter der Stabsstelle Kreativquartiere bei der Stadt Dortmund.
Baustellen bestimmen zurzeit das Bild in der Brückstraße. Das Versorgungsunternehmen DEW21 erneuert auch hier sein Fernwärmenetz. „Ich bin sehr froh, dass das jetzt passiert und die Baustellen hoffentlich dann verschwunden sind, wenn die Corona-Pandemie überwunden und hier alles wieder geöffnet ist“, sagt Christian Weyers, Leiter der Stabsstelle Kreativquartiere bei der Stadt Dortmund. © Oliver Schaper © Oliver Schaper

Je nachdem, wie lange der Lockdown nun dauere, werde es eng. „Aber irgendwie schaffe ich das schon“, sagt sie. Seit 18 Jahren bereits betreibt sie ihre Abendmode-Glitzerwelt, die vor kurzem Konkurrenz bekommen hat. Allerdings eben nicht durch ein Bekleidungsgeschäft, sondern durch die neue türkische Konditorei MIR Kahvalti & Simit Evi, über deren Eingangstür an der Brückstraße 15 es auch ganz viel und golden glänzt.

„So ein Bäckerei-Konzept mit Frühstücksangebot hat hier gefehlt“, freut sich Christian Weyers über die Neueröffnung, versteht aber auch das Anliegen von Nabila El Bachiri. Er sagt: „„Neue Modeläden wären schon gut. Aber die jungen Leute legen mittlerweile ein anderes Einkaufsverhalten an den Tag. Das hat die Brückstraße schon gemerkt.“

Brückviertel ist auch ein außerordentliches Musikviertel

Tief steckt in der DNA des Brückviertels noch immer die historische Vergangenheit als Amüsierviertel mit Kinos und unvergessenen Discos wie dem Riverboat oder dem Spirit. Schickimicki geht hier einfach nicht, auch wenn das Brückviertel nach Corona wieder seine ganze vielschichtige Lebendigkeit offenbaren wird.

Seine Skizzen zieren Kleider, seine Werke hängen in Galerien in Tokio und New York - und ein Werk des einstigen Underground-Künstlers Stefan Marx schmückt seit zwei Jahren eine Fassade im Brückviertel in Dortmund.
Seine Skizzen zieren Kleider, seine Werke hängen in Galerien in Tokio und New York – und ein Werk des einstigen Underground-Künstlers Stefan Marx schmückt seit zwei Jahren eine Fassade im Brückviertel. © Oliver Schaper © Oliver Schaper

„Ob Jung oder Alt, Gastronomie, Mode oder Kultur, Klassik, Jazz oder Rock – im Brückviertel treffen alle Zielgruppen aufeinander und bilden kreative Synergien“, sagt Christian Weyers, der mit seinem Team Plakate entworfen hat, die mit Sprüchen wie „High Heels & lecker Pils“ oder „Metalmatte und Sojalatte“ schon jetzt wieder Lust aufs Brückviertel machen sollen.

Auch Lust auf das seriös-gediegene Musikviertel, das das Brückviertel auch ist. „Wir haben hier auch Institutionen wie eben das Konzerthaus, das europaweit einzigartige Orchesterzentrum NRW, die Chorakademie Dortmund das Vokalmusikzentrum NRW sowie Institutionen Einrichtungen wie das Klangvokal Musikfestival, den Chorverband NRW oder Musikfachgeschäfte wie das Musikhaus van Bremen“, sagt Christian Weyers.

An vielen Stellen laufen umfassende Umbauten

Das Brückviertel ist damit längst kein Schmuddelviertel mehr, als das es früher bei vielen Dortmundern galt. Immer mehr Menschen möchten hier wohnen. „Das Thema Wohnen hat an Attraktivität gewonnen“, sagt Christian Weyers, schaut nach oben und zeigt auf jüngst renovierte Fassaden: „Die Eigentümer haben in die Obergeschosse investiert. Und es ist auch alles vermietet.“

Wenn also die aktuell auffallend vielen Leerstände vielleicht Düsteres prophezeien, so könne doch von einem Niedergang der Brückstraße überhaupt keine Rede sein. „Im Gegenteil“, sagt der Experte, „es tut sich unheimlich viel. An vielen Stellen laufen umfassende Umbauten durch die Eigentümer oder sind schon Fassaden toll modernisiert, wie etwa beim Kartoffel-Lord.“

An der Brückstraße 56 wird gerade umgebaut. Dort soll demnächst ein Arabisches Süßwarengeschäft eröffnen. Und der Gastro-Betrieb „Pommes Pervers“ an der Ecke Brückstraße 32 wartet seit November darauf, endlich öffnen zu können.

„Mein ganzes Leben dreht sich um die Brückstraße“

An der Brückstraße 64 haben Weyers Stabsstelle und die Stadt Dortmund selbst schon Fakten geschaffen und einen Vorgriff auf die Nach-Corona-Zeit getätigt. „Superraum“ nennen sie den Raum für Kultur und Kreativität. Es ist ein Raum für Ausstellungen, Projekte, Beratung und Vernetzung der Dortmunder Kultur- und Kreativwirtschaft – in unmittelbarer Nachbarschaft zum Orchesterzentrum NRW, zur Schauburg und zum Konzerthaus.

Nabila El Bachiri, die Abendmode-Spezialistin, sehnt sich herbei, dass die Menschen auf der Kreuzung mit der Ludwig- und Gerberstraße wieder massenweise kreuz und quer durcheinanderlaufen, das Herz wieder richtig schlägt und sie und alle anderen ihre Geschäfte öffnen können.

Über den Autor
Redaktion Dortmund
Nach mehreren Stationen in Redaktionen rund um Dortmund bin ich seit dem 1. Juni 2015 in der Stadtredaktion Dortmund tätig. Als gebürtigem Dortmunder liegt mir die Stadt am Herzen. Hier interessieren mich nicht nur der Fußball, sondern auch die Kultur und die Wirtschaft. Seit dem 1. April 2020 arbeite ich in der Stadtredaktion als Wirtschaftsredakteur. In meiner Freizeit treibe ich gern Sport: Laufen, Mountainbike-Fahren, Tischtennis, Badminton. Außerdem bin ich Jazz-Fan, höre aber gerne auch Rockmusik (Springsteen, Clapton, Santana etc.).
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