Für Menschen mit Behinderungen gibt es immer mehr Möglichkeiten, mobil zu bleiben. Wir haben eine Fahrschule besucht, in der auch Menschen mit Behinderung ihren Führerschein machen können.

von Alexandra Wachelau

Kreuzviertel

, 08.08.2019, 16:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Hasamddin Ansari kam früher noch mit dem Rollstuhl zur Fahrschule. Inzwischen leiht er sich immer einen E-Roller aus. So wird erst beim Absteigen sichtbar, dass der 25-Jährige auf Prothesen läuft. Vor elf Jahren verlor er seine Beine wegen eines Blindgängers in Afghanistan, er hatte gerade mit seinem Bruder Fußball gespielt. Inzwischen lebt er seit fünf Jahren in Dortmund, seinen Schulabschluss hat er bereits am Westfalen-Kolleg gemacht. Sein Traum ist es, später den Beruf des Maschinenbauingenieurs zu ergreifen. Auch dafür bräuchte er später einen Führerschein.

Die Fahrschule Szymanski ist eine von drei Fahrschulen in Dortmund, die eine Fahrausbildung für Menschen mit Behinderung anbietet. Kai Schäder ist der Fahrlehrer von Hasamddin Ansari und hat sich für die Betreuung von gehandicapten Fahrschülern fortbilden lassen.

Die Inklusive Fahrlandschaft soll unterstützt werden

Die Nachfrage sei mit den Jahren „immer mehr gestiegen“, sagt Schäder. Er schätzt, dass er 2017 10 bis 20 Fahrschüler mit Behinderungen unterrichtet hat, für 2018 lägen noch keine Zahlen vor. Die Fahrschule habe laut Schäder das Ziel, bei dem Aufbau einer inklusiven Fahrlandschaft mitzuwirken. Auch autistische Menschen habe die Schule schon ausgebildet.

„Die Fortbildungen waren früher nicht sehr pädagogisch ausgerichtet, inzwischen hat sich das aber gebessert“, sagt Schäder. „Es kommt vor, dass unsere Schüler auch Lernschwächen haben oder nach einer Stunde Fahrzeit schon ausgelaugt sind. Da muss man viel Geduld mitbringen.“ Kriegsverletzte Flüchtlinge wie Hasamddin Ansari seien ebenfalls häufiger unter den gehandicapten Fahrschülern. „Wir versuchen, den Leuten möglichst zu helfen – sei es bei körperlichen Einschränkungen oder einfach bei den Unterlagen“, sagt Schäder.

Dank Dortmunder Fahrschule kann Hasamddin Ansari (25) auch ohne Beine Führerschein machen

Hassaddim Ansari und Kai Schäder vor dem Fahrschulwagen. © Alexandra Wachelau

Die Verkehrsregeln in Deutschland können für Menschen aus anderen Ländern einen kleinen Kulturschock darstellen. „In Teheran beispielsweise gibt es bei weitem nicht so viele Schilder und Regeln wie in Deutschland“, sagt Schäder, er selbst war schon vor Ort.

Auch Ansari tut sich mit den vielen Regeln im Straßenverkehr noch schwer. „Das Fahren ist aber ein gutes Gefühl“, sagt er. Er hofft, mit einem Führerschein seine Familie besser unterstützen zu können: „Meine Frau und ich haben ein Kind, fünf Monate alt. Meine Mutter wohnt auch in Deutschland, aber in Bochum“, erzählt er. Mit einem Auto könne er sie regelmäßiger besuchen.

Der Wagen der Fahrschule wurde extra umgebaut

Dank Dortmunder Fahrschule kann Hasamddin Ansari (25) auch ohne Beine Führerschein machen

Mit einem montierbaren Griff am Lenkrad kann das Auto mit einer Hand bedient werden. Die Vorrichtung funktioniert mit Bluetooth, als eine Art Fernbedienung. © Alexandra Wachelau

Die Fahrschule ließ den Wagen, mit dem Hasamddin Ansari fahren lernt, auf die Bedürfnisse von Menschen mit Behinderungen anpassen. Kai Schäder zeigt, wie die einzelnen Bedienungen am Auto je nach Bedarf verlegt wurden: Mit einem Griff am Lenkrad, ein Bedienelement mit Tasten, können einarmige Fahrgäste beispielsweise den Scheibenwischer und Blinker bedienen, auch schalten ist damit möglich. Mit einem Handgriff auf der rechten Seite lässt sich außerdem das Gaspedal des Automatikwagens steuern.

Mithilfe einer Vorrichtung, die sich in den Fußraum des Fahrersitzes montieren lässt, kann Schäder außerdem das Gaspedal von rechts nach links verlegen – für Fahrer, denen das rechte Bein fehlt.

Dank Dortmunder Fahrschule kann Hasamddin Ansari (25) auch ohne Beine Führerschein machen

Ein Hebel an der rechten Seite ersetzt das Gaspedal im Fußraum. Alle Vorrichtungen lassen sich auch abmontieren – so können auch Fahrschüler ohne Behinderung das Auto benutzen. © Alexandra Wachelau

Laut Kurt Bertels vom Fahrlehrerverband Nordrhein sind die Möglichkeiten für behindertengerechte Autos genauso vielfältig und unterschiedlich wie Behinderungen selbst. „Die Kosten können bei 50 Euro beginnen und bis in die 50.000 Euro gehen“, sagt er. „Für 50 Euro bekommt man schon eine einfache Verlegung des Blinkers, am teuersten sind ganz moderne Autos mit Sprachsteuerung.“

Dank Dortmunder Fahrschule kann Hasamddin Ansari (25) auch ohne Beine Führerschein machen

Kai Schäder, der neben seinem Job als Fahrschullehrer Kulturwissenschaften studierte, hat über seine Erfahrungen mit behinderten Fahrschülern in einem Fachbuch mitgewirkt. © Alexandra Wachelau

„Die Umstellung fällt den meisten Leuten natürlich schwer“, sagt Kai Schäder. Menschen wie Hasamddin Ansari, die noch nicht selbst gefahren sind, seien einfacher an die behindertengerechte Bedienung im Auto zu gewöhnen. „Ich hatte aber schon mal einen 70-Jährigen, dem durch Krankheit die Beine abgenommen werden mussten. Er ist sein Leben lang in normalen Wagen gefahren, das war für ihn natürlich schwierig.“

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Vor der Fahrausbildung muss ein Gutachten vom TÜV erstellt werden

Ansari selbst muss, bevor er seine praktische und theoretische Ausbildung überhaupt beginnen kann, zuerst eine Fahrprobe beim TÜV ablegen. Dort werden die motorischen Fähigkeiten von Menschen mit Behinderungen geprüft. In einem Gutachten wird dann festgelegt, ob und welches Fahrzeug der angehende Fahrschüler später fahren darf. Darauf bereitet Kai Schäder Ansari momentan vor.

„Das sind natürlich zusätzliche Fahrstunden und Kosten für die Schüler, aber die sind auch notwendig. Ich gehe damit auch immer ganz ehrlich mit den Schülern um, trotzdem kommt das nicht immer gut an“, sagt Schäder.

Karsten Schulte-Derne, ein Fahrzeugbauer aus Lünen, der sich auf Umbauten von Autos für Menschen mit Behinderungen spezialisiert hat, kennt diese Problematik: „Die meisten müssen die Umbauten wirklich selbst zahlen“, sagt er. Nur wenige Krankenkassen würden eine Ausnahme machen und die Kosten übernehmen. Dennoch sei der Bedarf laut Schulte-Derne weiterhin hoch. Denn: „Mobilität kann gerade für Menschen mit Behinderung der Weg in die Unabhängigkeit bedeuten.“

Behindertengerechtes Fahren

  • Drei Fahrschulen in Dortmund bieten eine Ausbildung für behinderte Fahrschüler an: Fahrschule Zimmermann in Mengede, Adalmundstraße 2, Fahrschule Mirko Scheffer in Höchsten, Wittbräucker Straße 399, und Fahrschule Szymanski, Kreuzstraße 7.
  • Eine Werkstatt für behindertengerechte Autos gibt es beispielsweise in Lünen. Der Fahrzeugbauer Schulte-Derne hat auch die Umbauten an dem Wagen von Fahrschule Szymanski vorgenommen.
  • Wer mit Handicap einen Führerschein machen möchte, muss zuerst eine Fahrprobe beim TÜV ablegen. Dort wird ein Gutachten ausgestellt, ob und mit welchen Hilfsmitteln die Person in der Lage ist, einen Führerschein zu machen. Erst dann beginnt die richtige Ausbildung.
  • Durch die zusätzlichen Fahrstunden und den Aufwand ist die Ausbildung für Fahrschüler mit Behinderungen in der Regel etwas teurer.
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