Portrait: Daniela Schneckenburger will für die Grünen nach ganz oben

dzOB-Wahl 2020

Ohne diesen Tante-Emma-Laden in Bruchsal wäre Daniela Schneckenburger (59) vielleicht nie Politikerin geworden. Jetzt will sie für die Grünen Dortmunds neue Oberbürgermeisterin werden.

Dortmund

, 06.06.2020, 04:30 Uhr / Lesedauer: 14 min

Hier also beginnt ihr dritter Anlauf. Ein nasskalter, grauer Abend Anfang Februar. Eine alte Industriehalle im Union-Viertel. Gefertigt wird hier längst nichts mehr. An den Wänden von Studenten erstellte Städtebaumodelle.

Der Boden gefliest im Schachbrett-Muster, rot-marmorgelb in kleinen Kacheln. Eine Zwei-Mann-Combo spielt jazzige Gitarrenmusik. Es gibt Wasser und Bio-Apfelsaft. Ein Beamer wirft drei Wörter in weißer Schrift auf grünem Grund an eine Leinwand: „Es ist Zeit“.

Es ist der Abend, an dem die Grünen Daniela Schneckenburger zu ihrer Kandidatin für die Oberbürgermeisterwahl am 13. September küren werden. Sie will es noch einmal wissen, die 59-jährige Frau, die bereits 2004 und 2014 antrat und chancenlos scheiterte, zuerst mit 7,7, dann mit 11,2 Prozent. Doch das liegt lange zurück.

Eine gänzlich ungewöhnliche Kandidatenkür

Als zum letzten Mal in Dortmund Wählerstimmen ausgezählt wurden, bei der Europawahl 2019, kamen die Grünen auf 25 Prozent und hängten die CDU und selbst die SPD als stärkste politische Kraft ab. Der Wind hat sich auch in Dortmund für die Grünen gedreht. Der flippige Juniorpartner von einst ist zu einer selbstbewussten Partei mit Führungsanspruch gewachsen.

Februar 2020. Die Industriehalle im Unionviertel ist mit rund 120 Menschen gut gefüllt, als Daniela Schneckenburger zur OB-Kandidatin für Dortmund gekürt wird.

Februar 2020. Die Industriehalle im Unionviertel ist mit rund 120 Menschen gut gefüllt, als Daniela Schneckenburger zur OB-Kandidatin für Dortmund gekürt wird. © Stephan Schütze

Daran muss man sich erstmal gewöhnen. Auch an die mit 120 Menschen gut gefüllte Halle. Es ist noch gar nicht lange her, da passte eine Mitgliederversammlung der Dortmunder Grünen ins Wohnzimmer-große Parteibüro am Königswall.

Man schwanke zwischen Demut und Selbstvertrauen, sagt Katja Bender, Sprecherin des Kreisverbandes, als sie den Abend eröffnet. Sie zögert und es scheint, als scheue sie sich, etwas Ungeheuerliches auszusprechen: „Wir wollen die stärkste Kraft in dieser Stadt werden.“ Als sei das etwas Unanständiges und gänzlich undenkbar, als habe es die Europawahl nie gegeben.

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Felix Banaszak, Landesvorsitzender der Grünen, hat weniger Skrupel: „Ja, wir wollen diese Stadt verantwortlich gestalten, denn SPD und CDU wird das nicht mehr zugetraut.“

Die Frau mit der Zehn-Finger-Frisur

Und dann steht sie da am Redner-Pult, die einzige Kandidatin, die Frau, die‘s richten soll. Daniela Schneckenburger, seit 2015 Dortmunds Dezernentin für Schule, Jugend und Familie. 1,70 Meter groß. Schwarze Hose, schwarzes Shirt und schwarzer Blazer, ein gemustertes Tuch als einziger Farbklecks – in Grüntönen, versteht sich.

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Sie trägt eine kantige, randlose Brille und große Creolen, durch die man mit ein wenig Geschick einen Tischtennisball werfen könnte, wenn man das denn wollte. Ihr blondes, kurzgeschnittenes Haar ist strubbelig, offensichtlich mit der Zehn-Finger-Methode in die leicht wirre Frisur gezuppelt.

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20 Minuten hat sie Zeit, für sich und ihre Themen zu werben. Daniela Schneckenburger ahnt noch nicht, dass da ein Virus auf dieses Land, diese Stadt und sie selbst zurollt, das alles Gewordene, alle Ideen und Pläne infrage stellen wird. Das Coronavirus ist in diesem Moment nur eine Randnotiz über China am Ende der Nachrichten.

Der Frust, der mit dem Virus kam

Also spricht sie über Umwelt, Klimaschutz und den Verkehr, über bezahlbares Wohnen und Chancengleichheit in der Bildung, über den Ausbau von Kitas und Schulen und soziale Gerechtigkeit.

Was sie nicht weiß: In wenigen Wochen wird sie als Corona-Krisenmanagerin dafür verantwortlich sein, dass vieles von dem, was bisher für Kinder, Jugendliche und Familien erreicht wurde, wieder eingefroren und abgebaut wird.

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„Das ist schon frustrierend“, sagt Daniela Schneckenburger Ende Mai und zählt auf: „Die Unterstützung für berufstätige Eltern durch Betreuungsplätze? Von einem Tag auf den anderen weg. Gute Rahmenbedingungen für schulischen Unterricht? Von einem auf den anderen Tag weg. Hilfen für Kinder aus benachteiligten Familien? Ganz wichtig, aber höchst schwierig.“ Das sei schon eine sehr bedrückende Erfahrung gewesen: „Ich stand doch mit einer gewissen Fassungslosigkeit vor dieser Krise.“

Von diesem Schreibtisch aus lenkt Daniela Schneckenburger im Moment noch ihre Arbeit als Dezernentin. Wenn es nach ihr geht, aber nicht mehr lange. Sie würde gerne ins OB-Zimmer wechseln.

Von diesem Schreibtisch aus lenkt Daniela Schneckenburger im Moment noch ihre Arbeit als Dezernentin. Wenn es nach ihr geht, aber nicht mehr lange. Sie würde gerne ins OB-Zimmer wechseln. © Oliver Schaper

Aber diese Erfahrungen sind am Wahlabend im Februar noch jenseits jeder Vorstellung. Heute geht es um andere Themen. Einen Tag nach dem Thüringen-Desaster spricht Daniela Schneckenburger über die Gefahr von Rechts, über Rechtsradikale und Rechtsextremisten und darüber, dass in Deutschland die Grenzen des Sagbaren verschoben worden seien: „Ich stehe dafür, dass wir uns als demokratische Mitte gegen rechtsextreme Grenzverschiebungen zur Wehr setzen. Ein Klima der Angst darf es nicht geben.“ Ein vergiftetes Klima, für das die rechten Demagogen im Mai auch die Coronakrise nutzen werden, um Öl ins Feuer zu gießen.

Es spricht der Kopf, nicht das Herz

Sie redet frei und mit fester Stimme, schaut nur ab und an auf ihren Spickzettel. Sie wirkt sachlich, zuweilen ein wenig unterkühlt. Aus ihr spricht eher der Kopf als das Herz. Offensichtlich will sie überzeugen, nicht verführen.

Markige Sprüche und aufpeitschende Emotionen fehlen, auch als sie zum Ende und Höhepunkt ihrer Rede kommt: „Wir als Grüne können Veränderung. Wir wollen Dortmund stark machen und in die Zukunft führen mit guten, grünen Konzepten.“ Höflicher, langanhaltender Beifall, aber keine Ovationen. Dann wird abgestimmt und ausgezählt. Sie erhält 92,5 Prozent der Stimmen.

Einige Tage später im Büro des Kreisverbands der Grünen am Königswall. Dienstliche Termine liegen an diesem Freitagnachmittag nicht an. Daniela Schneckenburger hat Zeit, um von sich zu erzählen. Sie beginnt in Bruchsal. In dieser kleinen süddeutschen Stadt, 20 Kilometer nördlich von Karlsruhe, wurde sie geboren, hier wuchs sie gemeinsam mit ihrem jüngeren Bruder auf.

„Es war eine klassisch-süddeutsche Idylle. Wir haben am Rande des Ortskerns gelebt.“ Ihr Vater, der inzwischen gestorben ist, arbeitete als Elektroingenieur. „Meine Mutter und meine Großmutter hatten zusammen, wie das damals hieß, ein ,Milchgeschäft‘. Später sagte man ,Tante-Emma-Laden‘ dazu.“

Das habe sie schon sehr beschäftigt, wie diese beiden Frauen da ihr Aus- und Einkommen gehabt hätten. „Meine Großmutter hatte eine kleine Rente und war daher darauf angewiesen. Und weil sie im Rentenalter keinen ganzen Tag mehr arbeiten wollte, war meine Mutter mit eingebunden. Es war ein schöner kleiner Laden mit Kundenkontakt.“

Verlorene heile und doch brüchige Welt

Es klingt wie ein Stück verlorene heile Welt, wenn Daniela Schneckenburger von diesem Tante-Emma-Laden erzählt. Doch so heil sei die Welt schon damals nicht gewesen, sagt sie und bremst rasch das Abdriften in nostalgisch verklärte Erinnerungen. Der Verdrängungsprozess im Einzelhandel habe schon in ihrer Kindheit eingesetzt. „Irgendwann standen die beiden Frauen vor der Frage: wachsen oder weichen?“

Da habe sich ihre Mutter entschlossen, den Laden aufzugeben. Ihre Großmutter sei endgültig in den Ruhestand gegangen und ihre Mutter Hausfrau geworden. „Der Tante-Emma-Laden war eben ein wirtschaftliches Auslaufmodell.“ Ihre Mutter sei inzwischen 84, lebe noch in Bruchsal und so oft es gehe, sei sie dort zu Besuch.

2004 stellte sich Daniela Schneckenburger (2.v.r.) erstmals der OB-Wahl in Dortmund. Mit ihr auf dem Foto (v.l.) Frank Hengstenberg, Dr. Annette Littmann und der spätere Wahlsieger Dr. Gerhard Langemeyer.

2004 stellte sich Daniela Schneckenburger (2.v.r.) erstmals der OB-Wahl in Dortmund. Mit ihr auf dem Foto (v.l.) Frank Hengstenberg, Dr. Annette Littmann und der spätere Wahlsieger Dr. Gerhard Langemeyer. © Knut Vahlensieck (Archiv)

Mit dem Abi in der Tasche ging’s zum Studium nach Heidelberg. Für sie seien nur Heidelberg, Freiburg oder Tübingen in Frage gekommen, sagt Daniela Schneckenburger. „Für Süddeutsche endete ja schon hinter Frankfurt der Horizont“, sagt die Frau, die inzwischen seit Jahrzehnten jenseits des Horizonts in Dortmund lebt – der Liebe wegen, aber dazu später. Also zog es die Studentin nach Heidelberg, Germanistik und Theologie auf Lehramt.

14 Semester zum Examen - „ohne Bummeln“, sagt sie

Sie habe auch mit dem Gedanken gespielt, Medizin zu studieren. „Mein erster Plan. Aber dann merkte ich: Ich wollte der Gesellschaft etwas mitgeben, nicht allein dem einzelnen Menschen zum Beispiel eine Diagnose im Arztzimmer.“ Dass es Theologie geworden sei, hänge mit ihrer religiösen Sozialisation zusammen. Die Vermittlung von Verantwortungsgefühl, einer ethisch begründeten Haltung und Orientierung, das sei ihr wichtig gewesen.

Bis zum ersten Staatsexamen brauchte sie 14 Semester. Das klingt nach einer Bummelstudentin. „Nein, das war ich nicht“, widerspricht sie. „Man muss drei Semester abziehen, weil ich noch Griechisch und Hebräisch lernen musste.“

Außerdem habe sie ein halbes Jahr ein Industrie-Praktikum bei BASF gemacht. „Das war ein Programm für Theologie-Studierende. Es ging darum, zu verstehen, wie ein Unternehmen funktioniert, was ethische Marktwirtschaft bedeutet, wie das auch theologisch einzuschätzen ist.“

Für die Liebe den 6er im Lotto abgelehnt

Anfang der 1990er-Jahre, als Daniela Schneckenburger ihr Referendariat abschloss, sah es schlecht aus auf dem Arbeitsmarkt für Lehrerinnen und Lehrer. Daher hätte sie glücklich sein können, als ihr das Land Baden-Württemberg eine Stelle anbot.

„Die haben mir klar gesagt: Das ist quasi ein Sechser im Lotto.“ Sie habe den Lottogewinn abgelehnt. Während des Studiums in Heidelberg hatte sie Mitte der 1980er-Jahre Friedrich Stiller kennengelernt. „Er war beruflich an Westfalen gebunden. Ich musste mich also für oder gegen eine gemeinsame Zukunft mit ihm entscheiden.“

Im Februar 2006 wurden Daniela Schneckenburger (45) und Arndt Klocke (35) in Essen zum neuen Führungsduo der nordrhein-westfälischen Grünen gewählt.

Im Februar 2006 wurden Daniela Schneckenburger (45) und Arndt Klocke (35) in Essen zum neuen Führungsduo der nordrhein-westfälischen Grünen gewählt. © picture-alliance/ dpa/dpaweb

Sie entschied sich für die Liebe und für Friedrich Stiller, übernahm zunächst eine Stelle bei der Evangelischen Frauenhilfe in Soest und danach beim Verein Evangelischer Sozialseminare in Villigst. Als sich die Chance bot, doch an eine Schule zu wechseln, griff sie zu, „um das zu tun, was ich gelernt hatte“. 1992 wurde sie Lehrerin an der Erich-Fried-Gesamtschule in Herne. Hier traf sie – darüber wird noch zu reden sein – auf eine Kollegin, die später ebenfalls politisch Karriere machen sollte.

Als die grüne Raupe in ihr Leben kroch

Daniela Schneckenburger war zu dieser Zeit schon lange politisch aktiv. „Wissen Sie, was mich bewegt und angesprochen hat in meiner süddeutschen Kleinstadt 1979? Ich konnte es zunächst gar nicht richtig einordnen: Die grüne Raupe kommt. Das war die Auftaktkampagne der Grünen vor der Parteigründung. Da lag Aufbruch und Veränderung in der Luft“, erzählt sie.

Die Erinnerungen an diese Zeit sprudeln aus ihr heraus wie Cola aus einer zu heftig geschüttelten Dose. „Meine Jugend ist geprägt von der Erfahrung, dass man sich in Staat und Gesellschaft als Folge der Debatte, die 1968 von der Studentenbewegung begonnen wurde, über die Frage auseinandersetzte, wie der Nationalsozialismus in Deutschland verarbeitet werden muss, was Demokratie in diesem Land bedeutet und wie man sich dazu aufstellt. Und auf jeden Fall virulent waren Anfang der 80er die Friedensbewegung, Anti-AKW-Bewegung und Frauenbewegung.“

All das waren offensichtlich heikle Themen im Hause Schneckenburger: „Den Spiegel zu lesen, das war schon ein schwieriges Ding bei uns.“ Als Studentin, weg von zu Hause, sah das anders aus. „Ich habe mich relativ schnell auch politisch engagiert, zuerst in Hochschulzusammenhängen.“

Sie habe lange gezögert, in eine Partei einzutreten. „Ich hatte zunächst das Gefühl: Wenn du in eine Partei eintrittst, dann darfst du nicht mehr denken, was du denken willst.“ 1987 trat sie bei den Grünen ein, obwohl sie vorher schon zwei, drei Jahre im Heidelberger Kreisverband aktiv gewesen war.

Eine CDU-Spitzenfrau als Lehrer-Kollegin

1990 zog sie nach Dortmund und 1994 für die Grünen in den Rat der Stadt, während sie weiter in Herne unterrichtete. „Ich habe sie immer als nette Kollegin erlebt, die konsequent war in ihrer Ausrichtung und ihrer Denke. Sie vertrat eine klare Linie. Man konnte mit ihr diskutieren auf sachlicher Ebene, ohne missionarischen Eifer sich inhaltlich austauschen.“

So beschreibt Ingrid Fischbach (62), die seinerzeit an der Gesamtschule Herne Deutsch und Geschichte unterrichtete, Daniela Schneckenburger. Später saß Ingrid Fischbach von 1998 bis 2017 für die CDU im Bundestag, war vier Jahre Parlamentarische Staatssekretärin im Bundesgesundheitsministerium und einige Zeit Patientenbeauftragte und Pflegebevollmächtigte der Bundesregierung.

So jubelt Daniela Schneckenburger im April 2008 nach ihrer Wiederwahl als Landesvorsitzende der nordrhein-westfälischen Grünen. Der kurz danach ebenfalls wiedergewählte Landesvorsitzende Arndt Klocke (l.) applaudiert.

So jubelt Daniela Schneckenburger im April 2008 nach ihrer Wiederwahl als Landesvorsitzende der nordrhein-westfälischen Grünen. Der kurz danach ebenfalls wiedergewählte Landesvorsitzende Arndt Klocke (l.) applaudiert. © picture-alliance/ dpa

„Ich habe sie in Erinnerung als nette, aufgeschlossene, Frau, als tolle Lehrerin und Person, auf die man sich verlassen konnte. Man hat sich gesehen in Konferenzen und wir haben mal einen lockeren Spruch gemacht und geflachst wegen der Politik“, sagt Ingrid Fischbach. „Heute ist ja eine schwarz-grüne Zusammenarbeit ganz normal, aber damals war das doch undenkbar. Da lagen schon Welten dazwischen.“

Trotzdem habe zwischen Daniela Schneckenburger und ihr ein netter Ton geherrscht, und: „Heute hätten wir ganz sicher noch mehr gemeinsam, denn es hat sich doch vieles verändert in den vergangenen mehr als 20 Jahren.“

Arndt Klocke: „Nicht von Anfang an ein Dreamteam“

Während die Lehrerin mit CDU-Parteibuch politisch von Herne nach Berlin durchstartete, zog es Daniela Schneckenburger über Dortmund nach Düsseldorf. „Zwischenzeitlich war ich auch Sprecherin der Ruhr-Grünen. In der Folge wurde ich gefragt, ob ich mich nicht für den Landesvorsitz bewerben will.“ So einfach klingt das, wenn sie von ihrem Einstieg in die Landespolitik erzählt. Am 11. Februar 2006 wurde sie gemeinsam mit Arndt Klocke zur Landesvorsitzenden der Grünen gewählt.

„Wir waren nicht von Anfang an das Dreamteam, wir haben uns erst über die Kandidatur kennengelernt“, sagt Arndt Klocke, der heute Fraktionsvorsitzender der Grünen im Landtag ist. Seinerzeit lagen die Grünen am Boden. Im Bund hatte 2005 die Regierung von Gerhard Schröder und Joschka Fischer geendet, im Land war Rot-Grün unter Ministerpräsident Peer Steinbrück von Jürgen Rüttgers abgelöst worden.

„Wir hatten dünne Wahlergebnisse eingefahren und standen vor einem Neuaufbau“, sagt Arndt Klocke. „Der Landesverband steckte in einer Krise“, sagt Daniela Schneckenburger. „Wir haben das nie öffentlich gemacht, aber damals lagen wir eine Zeit lang bei unter 10.000 Mitgliedern.“

In einem ihrer ersten Interviews als Landesvorsitzende sei sie gefragt worden: „Braucht es sie eigentlich noch, die Grünen?“ sagt Daniela Schneckenburger. Heute möge das komisch klingen, aber seinerzeit sei das nicht witzig gewesen.

Das Scharmützel mit Joschka Fischer

Das Team Schneckenburger/ Klocke war erfolgreich. Bei der Landtagswahl 2010 kamen die Grünen auf 12,2 Prozent, fast eine Verdoppelung zu 2006. Und das Duo harmonierte offensichtlich. „Ich habe sie immer sehr geschätzt. Sie ist pragmatisch, sehr konkret, geerdet. Ich habe sie immer erlebt als sehr angenehm, verbindlich, zugewandt“, sagt Arndt Klocke. Dabei sei sie nicht der Claudia-Roth-Typ, der jeden sofort in die Arme schließe: „Da ist sie reservierter.“

Sylvia Löhrmann (l.) als Spitzenkandidatin und Daniela Schneckenburger als Vorsitzende der Grünen jubeln 2010 nach der Bekanntgabe der ersten Prognose der Landtagswahl in Düsseldorf.

Sylvia Löhrmann (l.) als Spitzenkandidatin und Daniela Schneckenburger als Vorsitzende der Grünen jubeln 2010 nach der Bekanntgabe der ersten Prognose der Landtagswahl in Düsseldorf. © picture alliance / dpa

Wobei „reserviert“ nicht „zahnlos“ heißt. Daniela Schneckenburger kann ­– wer sich mit ihr anlegt, sollte das wissen – robust sein, die Krallen ausfahren. Wie 2006, als Joschka Fischer, seinerzeit noch der Übervater der Grünen, über eine Ampelkoalition spekulierte. Da rief sie ihm entgegen, er möge bitteschön Koalitionsdebatten nicht öffentlich führen, und bürstete ihn öffentlich ab: „Fischer hat in der Partei keine tragende Rolle mehr.“

Der Zoff mit Alice Schwarzer

Oder 2009, als sie sich ein öffentliches Scharmützel mit Alice Schwarzer, der Emma-Frontfrau der Frauenbewegung, lieferte. Die habe es sich „im Vorhof der Macht sehr bequem“ gemacht, habe sich von der Lebensrealität der Frauen entfernt, mit der CDU arrangiert und sei kein Sprachrohr der Frauenbewegung mehr, warf Schneckenburger ihr vor.

Alice Schwarzer keilte zurück: „Anscheinend hält die grüne NRW-Chefin jede Feministin für unkritisch, die keine Wahlpropaganda für die Grünen macht oder sich gar erdreistet, es sympathisch zu finden, dass auch mal eine Frau im Kanzleramt sitzt.“

Und zuweilen konnte sie auch als Parteichefin ein Machtwort sprechen, etwa als die Kaarster Grünen mit einem Poster, das unter der Überschrift „Der Einzige Grund, schwarz zu wählen“ zwei weiße Frauenhände auf einem nackten schwarzen Po zeigte, Wahlkampf machten. Da sei den örtlichen Grünen die „Bildsprache entglitten“. Die Plakate wurden abgehängt.

Die Birken, die aus dem Obergeschoss wachsen

2010 gab Daniela Schneckenburger den Parteivorsitz auf, als sie für die Grünen in den Landtag zog. Wirtschaftspolitische Sprecherin war sie da, und die Wohnungswirtschaft ihr zentrales Thema. Sie leitete eine entsprechende Enquete-Kommission. Dabei ging es unter anderem darum, wie man verhindern kann, dass Finanzinvestoren Wohnanlagen kaufen und dann verkommen lassen.

Anschauungsunterricht hatte sie aus ihrer Heimatstadt genug, den Hannibal, das Horror-Hochhaus in der Kielstraße und andere Häuser in der Nordstadt: „Wenn erstmal die Birken aus dem Obergeschoss wachsen, greift man auch den Nachbarn in die Tasche. Dann sinkt der Wert der Nachbarimmobilien und dann hat das ganze Quartier Probleme.“ Deshalb sei es richtig, wenn die Stadt solche Problemhäuser aufkaufe und sie entweder saniere oder abreiße.

Im Mai 2015 gratuliert Oberbürgermeister Ullrich Sierau Daniela Schneckenburger zu ihre Wahl als Dezernentin der Stadt Dortmund.

Im Mai 2015 gratuliert Oberbürgermeister Ullrich Sierau Daniela Schneckenburger zu ihre Wahl als Dezernentin der Stadt Dortmund. © Oliver Schaper

„Ich habe es als totalen Verlust empfunden, als sie nach Dortmund ging“, sagt Arndt Klocke über Schneckenburgers Wechsel 2015 auf den Dezernenten-Posten im Dortmunder Rathaus. „Ich habe das nicht gemacht, weil ich der Landespolitik überdrüssig gewesen wäre, das nicht“, sagt sie selbst. Der Job von Politik im Land sei es, Vorschläge zu machen. „Das heißt aber nicht, dass sie auch umgesetzt werden.“

Deshalb habe es sie gereizt, dorthin zu wechseln, wo Politik zur Tat werde. Außerdem ist sie – nicht zuletzt durch zwölf Jahre Ratsarbeit – fest verwurzelt in Dortmund, wohnt in einem Reihenhaus in Wambel. Ihre beiden Kinder – ihr Sohn ist 25, ihre Tochter 21 – sind hier geboren und flügge geworden. Friedrich Stiller, ihr Mann, mit dem sie seit 1993 verheiratet ist, leistet als Pfarrer für Gesellschaftliche Verantwortung im Evangelischen Kirchenkreis anerkannte Arbeit. Mit ihm verbindet sie der Kampf gegen Rechts.

Die Attacke des Neonazis und das Nachspiel

Was letzteres heißen kann, bekam sie, damals noch Landtagsabgeordnete, am Abend der letzten Kommunalwahl im Mai 2014 zu spüren. Mit anderen hatte sie versucht, Neonazis daran zu hindern, in die Bürgerhalle des Rathauses zu gelangen, nachdem ein Mitglied der Nazi-Partei „Die Rechte“ in den Rat gewählt worden war.

Dabei attackierte ein Neonazi sie mit einem Faustschlag. Was folgte, war ein befremdliches juristisches Nachspiel. Zunächst stellte die Staatsanwaltschaft das Verfahren gegen den Neonazi ein, dann nahm sie es nach Protesten wieder auf und am Ende wurde der Mann zu 1350 Euro Geldstrafe verurteilt.

„Zurückgeblieben ist das Gefühl, dass Demokratie im Kern angegriffen werden soll. Und das ist bis heute so“, sagt Daniela Schneckenburger. „Das läuft jede Ratssitzung so. Das Ziel dieser Kräfte ist es, kommunale Demokratie auszuhöhlen und soviel Angst und Schrecken zu verbreiten, dass die Menschen sich aus kommunalen Mandaten zurückziehen.“

Nein, sie habe keine Angst und sie ziehe sich auch nicht zurück, sagt sie und wirkt nachdenklich. Zeitweise hätten sie und ihr Mann schon überlegt, an ihrem Haus eine Videokamera zu installieren. Und ihre Kinder hielten sie auch ganz bewusst aus der Öffentlichkeit fern. Und das nicht erst, seit die Rechten zu Weihnachten vor ihrem Haus aufmarschiert seien.

Corona zwingt zum Notbetrieb

Seit vier Jahren plagt sie sich nun mit wichtigen Zukunftsthemen dieser Stadt herum: Kindergärten und Schulen. Die würden ihr auch wieder begegnen, sollten die Dortmunder sie zur Oberbürgermeisterin und damit zur ersten Frau in diesem Amt wählen.

1000 zusätzliche Kita-Plätze bringe man in diesem Jahr an den Start, doch es dürften noch ein paar mehr sein. Und die Kita-Kinder von heute sind die Schüler von morgen. In einer Schulentwicklungsplanung habe man sich auf den Bau neuer und die Erweiterung bestehender Schulen verständigt. „Wir als Dortmund sind da gut aufgestellt, da können Sie sich auch gerne umhören bei anderen Kommunen.“ Als sie dies sagt, schreiben wir Februar.

Und dann kommt Corona, kommt der 13. März 2020. Von einem auf den anderen Moment ist nichts mehr wie es war. „Wir mussten von jetzt auf gleich auf Notbetrieb umstellen und das sind immer Lösungen, die niemanden glücklich machen“, sagt Daniela Schneckenburger.

Das Problem des Schul-Schwänzens

Man habe getan, was möglich ist, Lunchpakete verteilt, Rucksäcke mit Bildungsmaterial für Vorschulkinder gepackt, Meldeketten organisiert, die Schulen hätten Material ausgegeben. Und man habe 980 Kinder aus besonders prekären Familienverhältnissen mit in die Notbetreuung aufgenommen. „Wir haben die Gefahren sehr genau gegeneinander abgewogen und dann so entschieden, obwohl das damals noch gegen das Gesetz war.“

Um Kinder aus schwierigen Verhältnissen muss sich die Dezernentin schon in normalen Zeiten besonders kümmern, hatte sie schon im Februar erzählt, beispielsweise um solche, die einfach die Schule schwänzen. Absentismus nenne man das, was aus dem Lateinischen kommt und „abwesend“ heißt.

„Das ist ein enormes Problem“, sagt sie und ist jetzt Schuldezernentin und Lehrerin zugleich. Wenn das Büro der Grünen ein Klassenzimmer wäre, würde sie jetzt wahrscheinlich mit Kreide ihre Gedanken zum Auswendig-Lernen an die Tafel pinnen: „Kinder, die nicht zur Schule gehen, sind Kinder, die keinen Abschluss machen und sie werden Jugendliche, die Gefahr laufen, überhaupt den Einstieg in ein gelingendes Leben zu verpassen.“ Wenn man da nicht aufpasse, seien die nächsten Langzeitarbeitslosen vorprogrammiert. Die Problemstellung gewissermaßen.

Vier Jahre und fünf entschwundene Büroleiter

Und dann die Lösung, ebenfalls zum Mitschreiben bitte: Um dem Teufelskreis zu entgehen, sei man auf die Schulen angewiesen. „Das erste Signal muss aus der Schule kommen, dann kann die Jugendhilfe eingreifen. Von der Schule muss man wissen, wenn ein Kind häufig fehlt, häufiger fehlt, länger fehlt und insofern gefährdet ist.“

Dabei sinke das Alter, in dem geschwänzt werde. Vor Jahren seien Siebt- und Achtklässler besonders betroffen gewesen, heute beginne es teils schon im Grundschulalter. „Ich habe da einen Fall vor Augen von einem Schüler, der ging ein halbes Jahr nicht zur Schule und wir haben keinerlei Rückmeldung erhalten. Das geht nicht.“ Aktuell, sagt sie, würden rund 200 junge Menschen in Dortmund als „Schulverweigerer“ von einem Beratungsverbund begleitet. Die Dunkelziffer könne aber höher liegen.

Schule und Kita allein, das sind schon außerhalb von Corona-Zeiten zwei Mammutthemen. Und es gibt Menschen, denen diese Aufgaben zu viel werden. Seit 2015 ist Daniela Schneckenburger Dezernentin. In dieser Zeit sind ihr fünf Büroleiter abhanden gekommen. Das hänge an vielem, aber ganz sicher nicht an einer schlechten Stimmung im Team, sagt sie und wirkt ein wenig nervös, als sie das sagt.

Dem einen oder anderen sei die Arbeit, bei der man auch mal schnell reagieren müsse (hier Wasser in einer Kita, da ein Einbruch in einer Schule etc.), vielleicht ein wenig zu stressig gewesen. Mehr wolle sie dazu nicht sagen, das Thema ist ihr unangenehm.

Ein neuer Anlauf, nicht nur beim Verkehr

Dafür redet sie über andere Themen, die sie als Oberbürgermeisterin ebenfalls auf der Karte haben müsste. Steigende Mieten zum Beispiel. „Wir brauchen auf jeden Fall neuen, geförderten Wohnungsbau“, sagt sie, aber man wolle keine neuen Ghettos: „Wir brauchen gemischte Quartiere mit 25 Prozent gefördertem Wohnungsbau.“

Oder Verkehr: Jahrzehntelang habe die Doktrin der 60er-Jahre als autogerechte Stadt gegolten, sagt Daniela Schneckenburger: „Das kann man in Dortmund sehr genau ablesen, nicht nur an der Breite der Spuren auf dem Wall.“ Jetzt sei es an der Zeit umzudenken: „Wir müssen investieren in die Attraktivität des ÖPNV. Wir müssen investieren in Radwege und Abstellanlagen. Und wir müssen neu aushandeln, wie in einer Stadt der zur Verfügung stehende Raum aufgeteilt wird. Das gilt für den Wallring, aber auch für jedes Straßenneubauprojekt.“

Dabei müsse man – man merkt, dass sie in diesem Moment an den Tante-Emma-Laden ihrer Großmutter denkt – auch den Einzelhandel im Blick haben: „Lasst uns doch mal überlegen, ob wir nicht mit einem kostenlosen Schülerticket jungen Menschen Freiheit geben und den Einstieg in den ÖPNV erleichtern.

Oder ob man den Einstieg in einen kostenlosen ÖPNV über einen Modellversuch hinbekommt mit einem kostenfreien Samstags-Ticket. Damit hätte man die Chance, Menschen zu zeigen, dass man die Dortmunder Innenstadt mit dem ÖPNV besser erobern kann als mit dem Auto.“

Das Virus schafft neue Prioritäten

Und es gebe noch viele andere Dinge zu tun: „Für die achtgrößte Großstadt in Deutschland war dieser Bahnhof, diese Pommesbude mit Gleisanschluss, wirklich eine Schande.“ Und dann sei ein ICE-Anschluss und ein Ausbau der Bahnstrecke Münster-Dortmund allemal wichtiger als der Flughafen. Statt zu einem Geschäftsflughafen für die Wirtschaft sei er zur Osteuropa-Drehscheibe fürs Ruhrgebiet geworden.

Alles Themen, die vor Corona wichtig waren, aber jetzt in einem neuen Licht erscheinen. „Die Prioritäten des Handelns haben sich sicherlich verschoben“, sagt sie. Beispielsweise sei der Anschluss der Schulen an schnelle Datenleitungen und der Aufbau leistungsfähiger WLAN-Netze in den Schulen deutlich wichtiger geworden, ebenso die Ausstattung von Kindern mit Notebooks oder Tablets, die sich solche Technik nicht leisten könnten. Die Digitalisierung erhalte einen ganz neuen Stellenwert.

Das schwindende Gefühl der Selbstverständlichkeit

Letzteres, sagt sie, gelte auch für die Verwaltung. Der Ersatz von Festrechnern durch Laptops, um Homeoffice zu ermöglichen, sei nur ein Beispiel. „Auch der Wert und die Bedeutung von kommunaler Daseinsvorsorge ist schlagartig deutlich geworden, wie wichtig ein gutes und funktionierendes Gesundheitssystem ist, welch wichtige Rolle auch Gesundheitsaufsicht spielt, und wie notwendig es in Krisensituationen ist, dass eine Stadt handlungsfähig ist.“

Sie wisse, sagt Daniela Schneckenburger, dass sie sich auf viele neue Themen einlasse, dass ein Acht-Stunden-Tag nicht reichen werde als Oberbürgermeisterin – schon gar nicht, um auch die wirtschaftlichen, sozialen und gesellschaftlichen Folgen der Corona-Krise zu bewältigen.

Aber sie ist selbstbewusst genug, um zu sagen: „Davor ist mir nicht bange.“ Vielleicht helfen ihr da ihre Wurzeln in Baden-Württemberg: „Dieses Gefühl, dass man sich anstrengen muss im Leben und dass es nie etwas Gesichertes gibt, das hatte ich immer schon. Dieses Gefühl, dass der eigene Wohlstand nicht selbstverständlich ist, das ist bei mir nochmal stärker geworden. Und ich glaube, das geht vielen so“, sagt sie.

Miniwahlkampf erst nach den Sommerferien

Bis zu den Wahlen ist es nicht mehr lange. Was ist da mit Wahlkampf? „Er findet wohl im Wesentlichen zwischen dem Ende der Sommerferien und dem 13. September statt. Und er findet auch nur dann statt, wenn es keinen relevanten Anstieg der Infektionszahlen gibt“, sagt sie.

Und warum will sie sich das antun, den Wahlkampf, aber auch im Falle eines Falles den 24-Stunden-Job als Oberbürgermeisterin? „Ich will Veränderung und Wechsel in unserer Stadt. Bei früheren Wahlkämpfen war es noch so, dass man den Grünen als kleiner Partei nicht zugetraut hat, eine führende Rolle zu übernehmen. Und das ist, glaube ich, jetzt weg.“

Es sei an der Zeit, ein Angebot an die Mitte der Gesellschaft zu machen. Und dieses Angebot trage ihren Namen, Daniela Schneckenburger. Deshalb nimmt sie jetzt den dritten Anlauf auf dieses Amt.

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