Komische Corona-Kreaturen bevölkern Dortmund - Interview mit dem Sprayer

dzGraffiti in Dortmund

Unförmige Wesen mit Mundschutz tauchen seit Wochen an immer mehr Häuserwänden in Dortmund auf. Was sind das für komische Kreaturen? Ein Interview mit dem Macher der Corona-Graffiti.

Dortmund

, 16.04.2020, 04:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

Graffiti-Sprayer sind scheue Menschen. Sofern es sich nicht um Auftragsarbeiten wie auf der Gabionenwand an der B54 handelt, sind ihre „Werke“ in den allermeisten Fällen illegal und gelten als Sachbeschädigung. So jagt die Polizei regelmäßig Sprayer, die Züge besprühen, entlang der Gleisanlagen der Stadt, auch mal mit Polizei-Helikoptern.

Folglich ist es ziemlich schwierig, den Macher jener Corona-Graffiti ausfindig zu machen, die sich seit Mitte Februar an den Häuserwänden der Dortmunder Innenstadt schnell verbreiten: In manchen Quartieren wie etwa dem Kreuz- und dem Kaiserviertel sind die blassen, unförmigen Kreaturen mit dem Mundschutz gefühlt an jeder zweiten Ecke zu finden.

Wer steckt dahinter? Was treibt den Mann an? Wir begeben uns auf die Suche. Schließlich kommt der Kontakt über mehrere Ecken zustande. Sich persönlich treffen oder auch nur telefonieren - das will der unbekannte Sprayer nicht. Schließlich einigen wir uns darauf, dass er unsere Fragen schriftlich über eine Vertrauensperson beantwortet.

Seine Identität will der Sprayer nicht preisgeben. „Was ist ein Held ohne Maske?“, schreibt er - wir verstehen es als diplomatische Umschreibung seiner Angst vor Strafverfolgung. Die Polizei Dortmund ermittelt in mindestens einem Fall wegen Sachbeschädigung durch Graffiti.

Auf die Frage nach einem Bild von sich bei der Arbeit schickte der Sprayer dieses Foto. Das Kind mit der Sprühdose ist nicht mit ihm verwandt.

Auf die Frage nach einem Bild von sich bei der Arbeit schickte der Sprayer dieses Foto. Das Kind mit der Sprühdose ist nicht mit ihm verwandt. © Anonym

Es ist schwer, ein Interview mit jemandem zu führen, dessen Namen man nicht kennt. Wie sollen wir Sie nennen?

Ein Mädchen hat mich heute als den ‚Geister-Papa‘ vorgestellt. Das fand ich lustig.

Wir haben hier in der Redaktion rege diskutiert: Was für Kreaturen sind das überhaupt, die sich hinter den Mundschutzen verbergen? Geister? Schnecken? Würmer?

Die Kreaturen sind Geister. So wie ich. Sie sind da, aber existieren nicht wirklich.

Mein Kunstlehrer in der Schule fragte immer: „Was will uns der Künstler damit sagen?“ Ich reiche seine Frage an Sie weiter: Wie kamen Sie auf das Motiv?

Die Geister ohne Maske male ich schon seit etwa 15 Jahren. Anfang Februar war ich in Hongkong, wo jeder so eine Maske getragen hat. Es war einfach verrückt. Zu der Zeit hat das in Deutschland noch keiner so wirklich ernst genommen, obwohl es schon überall in den Nachrichten war. Ich dachte, es sei lustig, da etwas draus zu machen.

Im Kaiserviertel hat der Sprayer kurzerhand einen "Geisterplatz" ins Leben gerufen.

Im Kaiserviertel hat der Sprayer kurzerhand einen "Geisterplatz" ins Leben gerufen. © Dennis Werner

Wie lange brauchen Sie für eines dieser Graffiti?

Etwa eine Minute.

Wie viele haben Sie bisher etwa in Dortmund gesprüht?

Ich habe bisher circa 500 davon gemalt.

Nach welchen Kriterien wählen Sie die Orte für Ihre Corona-Graffiti aus?

Ich mag Orte, die Menschen sofort entdecken oder welche, wo Leute sich fragen: „Wie ist er da bitteschön hingekommen?!“ Es geht um den „Impact“ [englisch für „Wirkung“, die Redaktion].

Nachdem wir anfangs vor allem ein Motiv in der Stadt gesehen haben (weißer Geist mit hellblauer Schutzmaske), tauchen mittlerweile weitere Varianten auf, etwa ein pinker Corona-Geist, der mit einem blauen Geist ein Eis isst. Wie kam es zu der Weiterentwicklung?

Nach einer gewissen Zeit wurde es mir einfach langweilig, also habe ich Variationen entwickelt. Angefangen hat es mit der Standard-Version mit blauer Maske, wie man sie kennt. Später habe ich dann blau mit dem männlichen Geschlecht assoziiert, also habe ich einen weiblichen Geist mit pinker Maske entworfen. Die neueste Version trägt eine Pikachu-Maske [eine beliebte Figur aus der japanischen Videospiel-Reihe „Pokémon“, die Redaktion]. Die meisten Ideen entstehen spontan. Einmal bin ich an einer Eisdiele vorbeigekommen, vor der viele Leute standen. Da wollte ich etwas hinterlassen, worüber die Leute und eventuell sogar der Ladenbesitzer sich freuen.

Ein Corona-Geist mit einer Pikachu-Maske im Kreuzviertel

Ein Corona-Geist mit einer Pikachu-Maske im Kreuzviertel © Thomas Thiel

Welche Reaktionen bekommen Sie auf Ihre Corona-Graffiti, etwa in den Sozialen Netzwerken?

Ich bin angenehm überrascht, wie positiv und zahlreich die Reaktionen tatsächlich sind. Und dabei nutze ich nicht einmal Social-Media-Plattformen.

Die Corona-Graffiti sind bestimmt nicht Ihr erstes Street-Art-Projekt. Seit wann sprühen Sie?

Ich sprühe aktiv seit 25 Jahren, meistens international. Meine Werke sind in über 70 Ländern vertreten.

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Graffiti und Street-Art sind hoch umstritten. Für die einen ist es urbane Kunst, die zum öffentlichen Raum gehört, für die anderen ist es schlicht und ergreifend Sachbeschädigung. Wie sehen Sie das?

Ganz klar Sachbeschädigung!!! Nein, Spaß beiseite - jede echte Stadt hat irgendwo Graffiti. Aber es passt auch nicht immer. Ich kann beide Seiten verstehen. Mein Eindruck ist aber, dass die Dortmunder generell offen dafür sind. Es gibt hier eine Menge Beton, dem ein bisschen Farbe sicher nicht schadet.

Wie lange wollen Sie Ihre Corona-Geister weitersprühen?

Das entscheidet das Robert-Koch-Institut. Hoffen wir, das Thema für die nächsten Geister ist nicht „Das Jüngste Gericht“.

Hoffen Sie, dass die Graffiti die Krise überdauern? Oder gehört es für Sie dazu, dass sie irgendwann wieder übermalt werden?

Ich mag es, dass Graffiti temporär ist. Damit kann man den Zeitgeist aufgreifen. Man muss einfach zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein. Wenn es überstrichen wird, ist wieder Platz für frische Ideen.

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