Lockdown setzt Kindern zu: „Ihnen wurde ihr aktueller Lebenssinn genommen“

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Besuch einer Ballettschule: Viele Eltern können die neuen Einschränkungen im Freizeitbereich nicht nachvollziehen. Sie fordern, dass die Bedürfnisse ihrer Kinder nicht vergessen werden.

Dortmund

, 04.11.2020, 11:30 Uhr / Lesedauer: 2 min

Eine Maske bedeckt Mund und Nase der Kinder, die schon im Eingangsbereich der Ballettschule Grand Jete Ende Oktober auf ihre Unterrichtsstunde warten. Fliegender Wechsel - mit Abstand verlassen die jüngeren Kinder nun den Raum, damit sich die nächste Gruppe bereit machen kann. Kreuze sind mit Klebeband auf dem Boden markiert, so können die Kinder auch beim Tanzen Abstand zueinander halten. An vielen Ecken beweist die Tanzschule ein durchdachtes Hygienekonzept.

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Und doch darf der Betrieb für die 230 Kinder und Jugendlichen jetzt durch die neue Fassung der Corona-Schutzverordnung nicht weitergehen. Zum letzten Mal waren die Kinder bei unserem Besuch Ende Oktober beim Ballettunterricht – danach wird für mindestens vier Wochen Pause sein.

„Ihnen wurde ihr aktueller Lebenssinn genommen“

Diana Trendelkamp, Leiterin der Ballettschule, kann die Verzweiflung der Kinder verstehen: „Es sind die Jugendlichen, die sich an die Regeln gehalten haben. Jugendliche, die auf Kontakte im privaten Bereich verzichtet haben, um den Ballettunterricht nicht zu gefährden“, sagt sie. „Diese Jugendlichen sind gestern weinend zusammen gebrochen. Eltern haben mir geschrieben, dass sie sich in den Schlaf geweint haben. Ihnen wurde ihr aktueller Lebenssinn genommen.“

Diana Trendelkamp leitet eine Ballettschule in Dortmund. Aufgrund der neuen  Corona-Maßnahmen kann sie derzeit keinen Unterricht mehr für die Kinder anbieten.

Diana Trendelkamp leitet eine Ballettschule in Dortmund. Aufgrund der neuen Corona-Maßnahmen kann sie derzeit keinen Unterricht mehr für die Kinder anbieten. © Tabea Prünte

Dabei gehe es beim Ballett „extrem diszipliniert“ zu, sagt Melanie Bembenek. „Es sind immer dieselben Gruppen und es kommt auch nicht zu engem Körperkontakt“, sagt die Mutter. Ihre 15-jährige Tochter trainiert vier Mal pro Woche in der Ballettschule.

„Das ist ihr Ausgleich für den Schulstress. Jeder hat ein anderes Ventil - und bei ihr ist es das Tanzen.“ Die Vorstellung, vier Wochen im Zuge des Lockdowns darauf verzichten zu müssen, sei „der absolute Horror für sie“, so Bembenek.


„Die Bundesliga darf sein, aber Ballett nicht“

Auch die beiden Töchter von Julia Neuhaus, acht und zehn Jahre alt, tanzen in der Dortmunder Ballettschule. „Ballett ist alles für sie“, sagt sie. „Ich bin geschockt. Es ist nichts passiert, hier wurden alle Vorgaben eingehalten“, außerdem habe es nie einen Corona-Verdacht gegeben. Ihre Kinder hätten ebenso mit Unverständnis reagiert. „Die Bundesliga darf sein, aber Ballett nicht - wie soll man das auch erklären?“

Auch die Tatsache, dass in der Schule deutlich mehr Kinder auf engerem Raum sitzen, das Ballett jedoch trotzdem nicht weitergehen kann, finden viele Kinder und Jugendliche schwer nachzuvollziehen. „Ich kann verstehen, dass mit dem Virus nicht zu spaßen ist“, meint dazu Nadine Tuma, Mutter eines achtjährigen Mädchens. „Aber die Begründung der Politik leuchtet mir nicht ganz ein.“

Mira Oyka (rechs) möchte ihrer Leidenschaft - dem Balletttanzen weiter nachgehen, doch der Lockdown verhindert dies. Diana Trendelkamp (links) und Hülya Oyka (Mitte) sorgen sich daher darum, wie sich der Lockdown auf das Wohlbefinden der Kinder auswirken wird.

Mira Oyka (rechs) möchte ihrer Leidenschaft - dem Balletttanzen weiter nachgehen, doch der Lockdown verhindert dies. Diana Trendelkamp (links) und Hülya Oyka (Mitte) sorgen sich daher darum, wie sich der Lockdown auf das Wohlbefinden der Kinder auswirken wird. © Tabea Prünte

Die sechsjährige Mira Oymak tanzt seit fast drei Jahren bei Diana Trendelkamp in der Tanzschule. „Ihr ging es gestern gar nicht gut, sie hatte wirklich zitternde Knie nachdem die Maßnahmen bekannt waren“, sagt ihre Mutter Hülya Oymak. „Sie tanzt immer und überall. Die Ballettschule ist wie ihr zweites Zuhause.“

Und auch Hülya Oymak selbst tanzt seit einiger Zeit in derselben Tanzschule. „Da ist man frei, denkt nicht an die Arbeit und den Alltag“, meint sie. Dass die Tanzschule nun für vier Wochen geschlossen bleibt sei daher ein Schock gewesen: „Das nimmt auch mich ganz schön mit.“

Lockdown hat viele Auswirkungen auf die Kinder

Die Eltern machen sich auch über die Langzeitfolgen eines Lockdowns Gedanken. Für Kinder werde es schwerwiegende Auswirkungen auf ihr allgemeines Wohlbefinden haben und zu Unausgeglichenheit führen. Auch die Konzentration werde beeinträchtigt. „Der Lebenssinn einiger besteht darin, den Schulalltag zu überstehen und dann endlich zum Ballett zu dürfen“, sagt Trendelkamp.

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„Es darf nicht immer nur um Geld gehen“, findet sie daher. „Es geht auch darum, was macht das eigentlich mit den Kindern? Ihnen wird dadurch vor allem das zweite Zuhause genommen.“

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