Corona-Krise: Dortmunder Werkstätten für Menschen mit Behinderung im Stand-by-Modus

dzErlass des NRW-Ministeriums

Über 2000 Menschen mit Behinderungen werden in Dortmunder Werkstätten beschäftigt. Um diese vor Infektionen zu schützen, hat NRW auch in dieser Branche Schließungen verfügt.

Dortmund

, 22.03.2020, 08:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

Der Erlass des Ministeriums für Arbeit, Gesundheit und Soziales des Landes Nordrhein-Westfalen erging am späten Dienstagabend: Mit sofortiger Wirkung hat Minister Karl-Josef Laumann verfügt, dass zur Eindämmung der Corona-Infektionen unter anderem auch alle Tageseinrichtungen für Menschen mit Behinderung bis zum 19. April geschlossen werden müssen.

Die freien Träger der drei großen Dortmunder Werkstätten stehen mit der sogenannten „Weisung zum Betretungsverbot von Werkstätten" vor großen Herausforderungen. Auch wenn man sich im Vorfeld solch eines Szenarios schon Gedanken über einen möglichen Notbetrieb gemacht hatte.

„Anfang März haben wir im Haus bereits eine Corona-Arbeitsgruppe gebildet, um, wenn nötig, einen Notfallplan in der Schublade zu haben", sagt Anke Gerwing von den Werkstätten Gottessegen. Man habe bereits erwogen, schon am Montag den Betrieb dicht zu machen - den Erlass schon erwartet.

„Betrieb langsam heruntergefahren“

Die sozialtherapeutischen Werkstätten Gottessegen, deren Haupthaus in Kirchhörde beheimatet ist, stehen unter Trägerschaft des Christopherus-Hauses und beschäftigen an mehreren Standorten in Dortmund und Bochum insgesamt 650 Menschen mit geistiger Behinderung.

„Wir haben uns dazu entschlossen, den Betrieb in den Werkstätten langsam herunterzufahren, um keine Unsicherheit unter den Beschäftigten zu stiften. Das wurde auch mit den Kunden unserer Produktion abgestimmt, deren Waren in den nächsten zwei Tagen nach und nach abgeholt werden", so Anke Gerwing.

Gut 90 Prozent des betreuenden Kollegiums habe man zudem nach Hause geschickt, aber gleichsam angeboten, die Mitarbeiter der Wittener Wohngruppen des Christopherus-Hauses zu unterstützen. „Das Angebot wurde mit großer Freude angenommen", so Gerwing.

Notfallgruppe eingerichtet

Man habe in den Stand-by-Modus geschaltet und darüber via Elternbriefe und Anrufe informiert. Auch sei das Einrichten einer vom Landesministerium geforderten Notfallbetreuung schnell umgesetzt worden. „Die Pflegebezüge der Beschäftigten werden während dieser Zeit natürlich weiterbezahlt. Um seinen Job muss sich momentan also keiner Sorgen machen", sagt Anke Gerwing.

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Interne Termine, wie zum Beispiel das Audit für die Neu-Zertifizierung der Werkstätten, habe man verschoben, öffentliche Veranstaltungen erst einmal abgesagt.

Erlass von Lebenshilfe gefordert

Dem Erlass des Landesministeriums war ein offener Brief der Lebenshilfe NRW an Minister Laumann vorausgegangen.

Als Träger von zahlreichen Diensten und Einrichtungen für Menschen mit geistiger Behinderung hatte die Lebenshilfe am Dienstagnachmittag die sofortige Schließung aller Werkstätten gefordert.

Angesichtes des bestehenden Fachkräftemangels sowie der hohen Gefährdungslage für Behinderte und deren Angehörige durch das Virus, hatte die Landesgeschäftsführerin der Lebenshilfe Bärbel Brüning eine Gefahr für den langfristigen Fortbestand von Eingliederungsangeboten freier Träger durch die Corona-Pandemie verdeutlicht.

Der Teufel liegt im Detail

So begrüßenswert der NRW-Erlass hinsichtlich der aktuellen Situation ist, so sehr steckt der Teufel auch im Detail, wie Klaus Hermannsen, Werkstattleiter der Dortmunder Awo-Einrichtung (WaD) betont.

950 Beschäftigte haben die WaD an ihren Standorten, der Wirtschaftsbetrieb der Wäscherei bedient 40 Seniorenheime in der Region mit Dienstleistungen. „Für rund 10 Beschäftigte wurde nach dem Erlass eine Notfallgruppe eingerichtet. Um die Infrastruktur des Betreuungs- und Wirtschaftsbetriebes aufrechtzuerhalten, sind rund 300 Mitarbeiter in Verwaltung, Betreuung und Produktion im Einsatz", so Klaus Hermannsen.

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Um die Tagesstruktur bei der Betreuung in den Wohnhäusern zu gewährleisten, habe man die Mitarbeiter dort zur Verstärkung für die nächsten Wochen im Einsatz.

Keine dauerhafte Lösung

Laut Werkstättenleiter Hermannsen konnte man sich mit der Situation kurzfristig gut arrangieren, doch ein längerfristig andauernder Shutdown des Betriebs kann auch dazu führen, dass Einnahmen einbrechen und die rund 300 Euro Bezüge der Beschäftigten ohne Hilfe nicht dauerhaft zu gewährleisten sind.

In solch einem Fall müsse die Politik aktiv werden, längerfristige Modelle für die Träger der Werkstätten anbieten. „Die Beschäftigten mit Behinderung sind ein wichtiger Faktor, ihre Arbeit muss mehr gewertschätzt werden, die Politiker müssen auch verstehen, wie Einrichtungen wie unsere funktionieren", so Hermannsen.

Tag der offenen Tür abgesagt

Betroffen vom Erlass ist auch die Werkstatt über den Teichen der Dortmunder Caritas. Laut Geschäftsführer Philipp Richter wurden auch in seiner Einrichtung alle anstehenden Termine, wie zum Beispiel der Tag der offenen Tür, abgesagt.

Die Heilerziehungspfleger und Betreuer seien auf die Wohngruppen der Einrichtung verteilt worden. „Anstatt der Regelarbeitszeiten von 8 bis 17 Uhr müssen sich die Kollegen jetzt in Schichtdiensten abwechseln", so Richter. 60 der rund 570 Beschäftigten der Werkstätten leben in den Wohngruppen der Caritas.

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