Hans Joachim Thimm ist Oberarzt an der Dortmunder LWL-Klinik. Dort finden Menschen mit psychischen Erkrankungen Hilfe. © LWL
Tipps vom Mediziner

Corona-Blues oder eine Depression? Psychiater nennt drei Unterschiede

Der Lockdown ist eine psychische Herausforderung. Woran man erkennt, ob Stimmungstief und Lustlosigkeit normal sind oder eine depressive Erkrankung droht, erklärt ein Dortmunder Psychiater.

Der Lockdown geht weiter und weiter. Der Druck nimmt zu, die Stimmung wird bei vielen immer schlechter. Kaum soziale Kontakte, kaum Abwechslung, dazu Ängste vor Ansteckung oder um die berufliche Existenz. Gründe genug, dass die Laune aktuell im Keller ist.

Mediziner warnen seit Monaten davor, dass die Corona-Pandemie das Risiko für psychische Erkrankungen erhöht. Die Momente, in denen der Antrieb fehlt, man völlig durchhängt, keine Lust mehr auf das 50. Zoom-Meeting mit Familie oder Freunden hat, nehmen zu.

Aber wann wird aus dem allgegenwärtigen Corona-Blues eine depressive Erkrankung? Psychiater Hans Joachim Thimm ist Oberarzt an der LWL-Klinik Dortmund. Er erklärt anhand von drei Symptomen, wo Unterschiede liegen und wie man erkennen kann, dass man über ärztliche Hilfe nachdenken sollte.

1. Angst

„Es ist ganz normal, jetzt Angst zu haben – Angst sorgt dafür, dass wir uns schützen. Trotzdem ist das natürlich ein hoher Risikofaktor für eine Depression“, sagt Thimm. Angst bedeutet für den Körper Stress, lässt dieser über eine lange Zeit nicht nach, steigt das Risiko, zu erkranken.

Ein Hinweis, dass die Angst über ein gesundes Maß hinausgeht: „Bei Depressionen hindert die starke Angst einen daran, den Alltag zu bewältigen. Sie beherrscht den ganzen Tag. Wenn man die Hälfte des Tages Angst hat, nur darüber redet, wird es ungesund.“

2. Schlafstörungen

Ängste und Sorgen können dazu führen, dass man aktuell schlechter schläft. Auch das ist normal. „Natürlich grübelt die Frisörin, die seit Wochen ihren Laden nicht öffnen darf, vor dem Einschlafen viel, schläft schlechter als sonst“, so Thimm.

Bei einer Depression werden die Schlafstörungen dann aber massiver – ein typisches Anzeichen ist das sogenannte Früherwachen. Man wacht morgens sehr zeitig auf und kann partout nicht mehr einschlafen, weil einen negative Gedanken quälen.

3. Antriebslosigkeit

Man hat schon keine Lust mehr auf Videocalls oder Telefonate, weil das Gefühl überwiegt, man hat sich nichts mehr zu erzählen. Muss sich viel mehr motivieren als üblich, um Aufgaben anzugehen. Lässt sich einfach mal hängen, fühlt sich antriebslos. Viele dieser Gefühle, die man aktuell bei sich selbst wahrnimmt, sind gesunde Reaktionen auf den Umgang mit der Ausnahmesituation, sagt der Psychiater.

„Es wäre ja schlimm, wenn man heiter durch die Welt ginge. Wir erleben eine Ausnahmesituation in vielen Lebensbereichen. Da ist miese Stimmung gesund“, so Thimm. Ein Beispiel: die Dortmunderin Friseurin, die sich ihre Sorgen und ihre Wut in einem Youtube-Video von der Seele geredet hat. „Das ist ja ein kreativer Umgang, da ist noch Kampfgeist, keine Resignation.“

Bei einer Depression steigern sich schlechte Laune und Lustlosigkeit zu einer völligen inneren Leere, einem deutlichen Antriebsmangel verbunden mit einem Initiativeverlust und einer ausgeprägten depressiven Stimmung. Ein weiteres Symptom: die Anhedonie – das Gefühl völliger Gefühllosigkeit.

Tipp: Besser zu früh nach Hilfe fragen, als zu spät

Wer meint, bei ihm besteht die Gefahr einer depressiven Erkrankung, holt sich besser zu früh Hilfe, als zu spät, rät der Psychiater. Ein möglicher erster Schritt: das Corona-Krisentelefon der LWL-Klinik. Dort ist unter Tel. (02319 4503 – 8111 Fachpersonal zu erreichen, das für 10- bis 15-minütige Gespräche zur Verfügung steht, in denen man seine Nöte schildern kann.

Weitere Anlaufstellen sind die Online-Ambulanz der Klinik oder auch der eigene Hausarzt.

„Wir sollten aufmerksam sein und im Zweifel Hilfe holen“, sagt Hans Joachim Thimm. Die Pandemie „bietet massenhaft Risikofaktoren, wie die Angst vor Ansteckung oder soziale Isolation“ für depressive Erkrankungen. Meist brauche es aber sehr lange, bis sich eine Depression entwickelt.

Über die Autorin
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1983 im Münsterland geboren, seit 2010 im Ruhrpott zuhause und für die Ruhr Nachrichten unterwegs. Ich liebe es, mit Menschen ins Gespräch zu kommen, Fragen zu stellen und vor allem: zuzuhören.
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Jessica Will

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