Evelyn Schwarz (2. v. r.) inmitten ihrer Mitarbeiterinnen. „Die Dolls haben mich gerettet“, sagt die 33-Jährige über die Zeit, in der Prostitution wegen des Coronavirus verboten ist. © Michael Schuh
BorDoll Dortmund

Chefin von Sexpuppen-Bordell bangt um ihr Lebenswerk: „Nutzlos und verloren“

Seit November ist das Dortmunder Sexpuppen-Bordell im Corona-Lockdown. Die „Bordoll“-Chefin gibt einen sehr persönlichen Einblick, wie belastend das ist und wie beruflich ihr Plan B aussieht.

Seit Anfang November ist das „Bordoll“ geschlossen: Das Dortmunder Sexpuppen-Bordell gilt als „Vergnügungsstätte“ und darf damit laut Corona-Schutzverordnung nicht öffnen.

Über sechs Monate ohne Gäste, über sechs Monate ohne geregelte Einkünfte. Für Evelyn Schwarz, die das „Bordoll“ seit 2014 auf einer Industriefläche in Aplerbeck betreibt und ihr Geld mit hochwertigen Sexpuppen (englisch „dolls“) verdient, eine extrem belastende Situation.

Wirtschaftlich ist die Lage extrem angespannt: „Wir warten noch auf die letzte Abschlagszahlung der Überbrückungshilfe III und des Kurzarbeitergelds für März und April – erst dann können wir kurzfristig wieder etwas aufatmen“, so die 34-Jährige.

Finanziell angespannte Lage ist „unerträglicher Zustand“

Man hangele sich bislang „irgendwie von Monat zu Monat ohne Insolvenz einreichen zu müssen… dies ist allerdings ein unbeschreiblich unerträglicher Zustand, wenn man eigentlich eher der Typ für Sicherheit und nicht für Risiko ist.“

Die Unsicherheit und auch das Fehlen einer Öffnungsperspektive setzen ihr dabei auch psychisch zu: „Man fühlt sich völlig verloren und nutzlos für die Gesellschaft und beginnt all das, was man bisher für die eigene Existenz und Zukunft getan hat, infrage zu stellen.“

Die Zweifel würden von Monat zu Monat größer: Wie lange will Evelyn Schwarz noch an ihrem „Lebenstraum“ festhalten? Einen klaren Zeitrahmen gibt es nicht.

Aber immer öfter stelle sie sich die Frage, „ob man den Fokus nicht doch langsam in eine andere Richtung lenkt – doch solange kein klares Statement von unserer Regierung diesbezüglich kommt, fällt das Loslassen sehr schwer.“

Im Privatleben muss an vielen Stellen gespart werden

Neben diesen belastenden Gedanken hat der lange Lockdown auch ganz konkrete Auswirkungen auf das Leben – von ihr persönlich, aber auch das ihrer Angestellten, wie zum Bespiel der Hausdamen, berichtet Evelyn Schwarz. „Wir alle unseren Lebensstandard extrem zurückfahren, was nicht sehr einfach ist, wenn man jahrelang Vollgas gegeben hat, um sich diverse Annehmlichkeiten zu schaffen.“

Für sie persönlich heißt das: Das zweite Auto ist schon verkauft, langfristig gebuchte Urlaube mittlerweile storniert. Auf teure Beautybehandlungen verzichtet die 34-Jährige, die sonst auch als Prostituierte in dem angeschlossenen „normalen“ Bordell arbeitet, um Geld zu sparen.

Das reicht jedoch noch nicht: „Man kann aktuell noch nicht mal mehr ohne zu haushalten in den Supermarkt gehen und einfach das in den Einkaufswagen packen, worauf man Lust hat. Dies ist echt traurig, weil man diesen Zustand nur schwer akzeptieren kann. Denn es liegt ja nicht an der eigenen Faulheit, dass gähnende Leere im Portemonnaie herrscht, sondern daran, dass man nicht arbeiten darf.“

Beruflich gibt es einen Plan B

Trotzdem fällt Evelyn Schwarz der Gedanken, das „Bordoll“ möglicherweise ganz aufgeben zu müssen, unendlich schwer: „Mein Herz hängt am Bordoll – es war ja schließlich nicht einfach nur eine Schnapsidee, sondern eher ein Lebenswerk, welches mich bis zum Ende meines Arbeitslebens begleiten sollte.“

Plan B liegt allerdings schon bereit: „Ich habe eine Lizenz zur Immobilienmaklerin und werde Ende des Monats tatsächlich eine Weiterbildung in dem Bereich zur Immobilien-Management-Consulting machen, um meine Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu erhöhen, falls doch noch alle Stricke reißen sollten“

Sexpuppen sind eingelagert

Die Dolls, die momentan fachgerecht eingelagert sind, so dass sie „ihren Dornröschenschlaf voll und ganz genießen können“, würden in dem Fall wohl verkauft. Möglicherweise auch an die Stammgäste, die sich im Moment regelmäßig erkundigen, wann es im „Bordoll“ weitergehen kann.

Bisher muss Evelyn Schwarz sie auf ungewisse Zeit vertrösten. „Das ist sehr frustrierend, wenn man nicht mal die kleinste Perspektive hat.“

Das Bordoll

Hochwertige Sexpuppen zu festen Preisen

Im Bordoll können sich Kunden hochwertige Sexpuppen mieten – für eine halbe Stunde zahlt man dabei 50 Euro. Für Neukunden gibt es dabei eine Einweisung in den Gebrauch der recht lebensnah gestalteten Figuren.

Während des ersten Corona-Lockdowns im Frühjahr 2020 fand Evelyn Schwarz eine Möglichkeit, das Bordoll geöffnet zu halten. Auch einen Lieferdienst, bei dem die Kunden die Sexpuppen zuhause nutzen konnten, teste sie. Dieser erwies sich allerdings als unwirtschaftlich.

Über die Autorin
Redakteurin
1983 im Münsterland geboren, seit 2010 im Ruhrpott zuhause und für die Ruhr Nachrichten unterwegs. Ich liebe es, mit Menschen ins Gespräch zu kommen, Fragen zu stellen und vor allem: zuzuhören.
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Jessica Will
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