Viel Security: Weil Can Dündar in Dortmund auftritt, ist das Rathaus „geschützt wie selten“

Verfolgter türkischer Journalist

Für Präsident Erdogan gilt er als „Landesverräter“: Wo Journalist und Schriftsteller Can Dündar auftritt, sind die Sicherheitsvorkehrungen hoch. Im Dortmunder Rathaus war das nicht anders.

Dortmund

, 10.01.2020, 16:45 Uhr / Lesedauer: 2 min
Viel Security: Weil Can Dündar in Dortmund auftritt, ist das Rathaus „geschützt wie selten“

Can Dündar (zw.v.l.) mit Ehefrau Dilek Dündar und Klaus Wegener, Präsident der Auslandsgesellschaft. Links neben Dündar: ein Sicherheitsbeamter. © Gregor Beushausen

Alihsan K.* lebt mit seiner Frau und beiden Söhnen seit rund 20 Jahren in Dortmund. Er betreibt einen Kiosk in der Innenstadt. Ihm gefällt, was sein Landsmann Can Dündar, der frühere Chefredakteur der Zeitung „Cumhuriyet“, sagt und schreibt. Herr K. hat Dündars Buch „Verräter“ gelesen. „Er kämpft für Demokratie und tritt für Meinungs- und Pressefreiheit ein“, sagt Herr K. „Das ist gut.“

Also hat sich Herr K. am Donnerstagabend (9.1.) auf den Weg in den Bürgersaal des Rathauses gemacht. Zwischen vollbesetzten Stuhlreihen verfolgt er, wie Dündar die Fragen von Journalist Kay Bandermann, Vorsitzender des Pressevereins Ruhr im Deutschen Journalistenverband (djv), beantwortet. Mit auf dem Podium sitzt Christian Mihr von Reporter ohne Grenzen. Es ist eine Veranstaltung, zu der die Auslandsgesellschaft und der djv eingeladen haben.

Nur wenigen Zuhörern entgehen die vielen auffällig unaufällig gekleideten Männer, die vor und im Rathaus ihre Posten beziehen. „Das Rathaus ist geschützt wie selten“, sagt Bürgermeisterin Birgit Jörder. „Es ist bedauerlich, dass das nötig ist.“

Von Erdogan als „Landesverräter“ gebrandmarkt

Wo Schriftsteller und Journalist Can Dündar auftritt, herrschen scharfe Sicherheitsvorkehrungen. Dündar, der seit 2016 im Berliner Exil lebt und Morddrohungen erhielt, steht im Focus von Staatspräsident Erdogan, der ihm Landesverrat, Spionage und Terrorverdacht vorwirft und Dündar im Gefängnis sehen möchte. Dündar hatte unter anderem illegale Waffenlieferungen der Türkei nach Syrien aufgedeckt.

Ob Dündars Popularität ihn in Deutschland schütze?, will Fragesteller Bandermann wissen. „Nicht unbedingt“, antwortet Christian Mihr, Reporter ohne Grenzen. Schließlich gebe es eine große Zahl türkischer Geheimdienst-Mitarbeiter in Deutschland.

Viel Security: Weil Can Dündar in Dortmund auftritt, ist das Rathaus „geschützt wie selten“

Can Dündar (mit Übersetzer) geht auf die Fragen von Kay Bandermann (mit Mikro) ein. Rechts Christian Mihr von Reporter ohne Grenzen. © Gregor Beushausen

Während Klaus Wegener, Präsident der Auslandsgesellschaft, den hohen Stellenwert der Meinungs- und Pressefreiheit für eine funktionierende Demokratie betont, schildert Dündar die Verhältnisse in der Türkei. „Wer als Journalist arbeitet, muss damit rechnen, bedroht oder eingesperrt zu werden“, sagt er. Das sei Teil des Berufes. „Wir sind darauf psychisch vorbereitet.“ Herr K., der Kioskbetreiber, schüttelt auf seinem Zuhörerstuhl entsetzt den Kopf.

„Es gibt auch eine Türkei jenseits von Erdogan“

Fragen beantwortet Dündar differenziert. Er kritisiert die Regierung auf allen Ebenen. Gleichzeitig betont er, dass die Menschen in der Türkei drei Millionen Flüchtlinge aufgenommen hätten. Herr K. und viele weitere Zuhörer klatschen. „Der Staatspräsident ist nicht die Türkei“, sagt Dündar. Als er fortfährt, „es gibt auch eine Türkei jenseits von Erdogan“, wird der Applaus riesig.

Er spüre „eine große Solidarität der Menschen in Deutschland“, sagt Dündar, der einen Internetblog betreibt und für eine deutsche Wochenzeitung schreibt. Dann wird er gefragt, ob Kanzlerin Merkel gegenüber Erdogan für seinen Geschmack die passenden Worte finde? Dündar überlegt einen Moment.

Seine Antwort fällt so aus: „Deutschland verkauft weiterhin Waffen an Regierungen, die diese Waffen gegen Menschen einsetzen, die für Demokratie kämpften.“ Mehr Kritik an Berlin erlaubt er sich an diesem Abend nicht.

Erdogans Stern sinkt, sagt Dündar. Er macht das an der Bürgermeister-Wahl in Istanbul 2019 fest. „Wer Istanbul verliert, verliert auch die Türkei.“ Davon ist Dündar überzeugt.

Herr K., der Dortmunder Kioskbetreiber, ist da skeptischer. „Erdogan würde zur Not das Parlament auflösen, um seine Macht zu halten“, glaubt Herr K. „Es sei denn, die Armee kommt zu dem Ergebnis: Schluss jetzt. Mit Erdogan geht es nicht weiter.“

*Name aus Sicherheitsgründen verfremdet

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