Deutschland ist für Georgier ein beliebtes Reiseziel. Nicht alle Reisende schaffen es allerdings am Dortmunder Flughafen durch die Passkontrolle.

Dortmund

, 25.07.2018, 16:52 Uhr / Lesedauer: 3 min

Es ist 8.30 Uhr an diesem Mittwochmorgen. Nach fast viereinhalbstündiger Flugzeit warten rund 300 Passagiere aus Georgien vor der Passkontrolle im Dortmunder Flughafen. Sie sind aus einem Airbus A320 ausgestiegen, der in der georgischen Stadt Kutaissi gestartet ist. Mit ihnen stehen weitere 300 Passagiere aus Kiew in der Halle oder draußen auf dem Vorfeld. Es ist voll in der engen Wartezone. In einer verglasten Kontrollbox der Bundespolizei ist es stickig warm. Vier Bundespolizisten müssen jetzt 600 Fluggäste aus zwei WizzAir-Maschinen checken. Für eine dritte Kontrollbox ist dort kein Platz.

„Stabile Sicherheitslage in Georgien“

Ein besonderes Auge wirft die Bundespolizei auf eine Personengruppe, die der aktuelle Einsatzbefehl als 25- bis 40-jährige Männer, überwiegend alleinreisend, beschreibt. Seit das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) festgestellt hat, dass als Touristen eingereiste Georgier vermehrt Asylanträge gestellt haben, fallen die Kontrollen für Passagiere aus Kutaissi schärfer aus. Die Demokratische Republik Georgien gilt als sicher. Das Auswärtige Amt weist die Sicherheitslage als „stabil“ aus. „Generell ist Georgien ein sicheres Reiseland“, heißt es auf der Internetseite des Amtes in Berlin. Vorsichtsmaßnahmen gelten wie in allen Urlaubsländern. Doch es gibt Kritik am Umgang mit Menschenrechten. Georgier haben jedoch nur eine geringe Chance auf Asyl.

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Passagierkontrollen am Dortmunder Flughafen

25.07.2018
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Zwei WizzAir-Maschinen auf dem Vorfeld des Dortmunder Flughafens.© Peter Bandermann
Seit die Fluggesellchaft Wizzair aus Georgien auch Dortmund anfliegt, muss die Bundespolizei dort intensiver kontrollieren. Georgien ist nicht Mitglied der EU.© Peter Bandermann
Passkontrolle der Bundespolizei am Dortmunder Flughafen. Der Scanner überprüft, ob die Dokumente echt sind und meldet auch, ob Fahndungsersuchen vorliegen.© Peter Bandermann
Passkontrolle der Bundespolizei am Dortmunder Flughafen.© Peter Bandermann
Die abgestempelten Reisepässse liefern wichtige Informationen über bisherige Ein- und Ausreisen. Denn ein Visum gilt nur für 90 Tage.© Peter Bandermann
WizzAir-Passagiere warten im Dortmunder Flughafen auf die Passkontrolle durch die Bundespolizei.© Peter Bandermann
Ein Beamter der Bundespolizei prüft nach der Ankunft einer WizzAir-Maschine aus Kutaisi in Georgien ein Reisedokument eines Passagiers.© Peter Bandermann
Passkontrolle bei drei WizzAir-Passagieren aus Georgien. Widersprüchliche Angaben führen zu einer intensiveren Überprüfung.© Peter Bandermann
Die Passagiere aus Georgien sollen die Bundespolizisten zu der Person führen, die sie am Flughafen abholen soll.© Peter Bandermann
Die Person, die den Passagier am Flughafen erscheint nicht und das Handy des Passagiers hat keinen Strom mehr - der Abholer ist nicht erreichbar.© Peter Bandermann
Jetzt geht es auf die Wache. Die Bundespolizei organisiert ein Ladekabel, damit der Passagier seine Kontaktperson in Deutschland anrufen kann.© Peter Bandermann
Zwei georgiesche Staatsbürger auf dem Weg zur Bundespolizei-Wache am Flughafen. Sie haben zunächst nicht plausible Angaben zu ihrem Aufenthalt in DDeutschland gemacht. Später stellt sich heraus: Alles in Ordnung.© Peter Bandermann

Mit Dortmund hat die ungarische Billigflieger-Airline WizzAir ein Ziel in die Liste ihrer Destinationen aufgenommen, das für die Menschen in dem trotz gründlicher Reformen von hoher Arbeitslosigkeit geplagten Land interessant ist. Denn das Existenzminimum in Georgien liegt bei umgerechnet 55 Euro. Eine Erzieherin verdient etwa 155 Euro, ein Regierungsbeschäftigter rund 450 Euro. Georgier versuchen deshalb in Deutschland zu arbeiten. Das funktioniert legal mit einem Dokument der Agentur für Arbeit u. a. in der Gastronomie oder als Erntehelfer in der Landwirtschaft - und illegal als Schwarzarbeiter. Die Einreisebestimmungen sind deshalb speziell.

Visum gilt an 90 Tagen innerhalb von 6 Monaten

Wer als Georgier deutschen Boden betreten will, muss bei der Einreise an einem Flughafen oder einer anderen Grenze

  • einen biometrischen Pass
  • eine Auslandskrankenversicherung
  • und Bargeld in Höhe von 50 Euro pro Tag
  • sowie bei Aufenthalt über 90 Tage ein Visum

vorlegen. Das Geld muss reichen, um einen Aufenthalt als Tourist finanzieren zu können. Bundespolizeisprecher Volker Stall: „Es gibt Passagiere, die nichts vorweisen können und auch ohne einen einzigen Euro in der Tasche angeben, Deutschland in touristischer Absicht besuchen zu wollen.“

Zu Kontrollen ist die Bundespolizei verpflichtet. Teilweise setzt sie bis zu 30 Einsatzkräfte ein. Mitte Juli endete für elf Passagiere einer in Dortmund gelandeten Maschine die Einreise. Die Bundespolizei transportierte sie in die Transitzone des Flughafens Düsseldorf, weil die Fluggäste keine gültigen Dokumente vorlegen konnten. Die Reisenden übernachteten im Flughafengebäude der Landeshauptstadt. WizzAir musste sie vier Tage und vier Nächte versorgen und die Rückflüge bezahlen. Dazu ist die Fluggesellschaft per Aufenthaltsgesetz verpflichtet. Denn eine Airline muss vor der Ausreise in Kutaissi darauf achten, dass die Passagiere gültige Ausweisdokumente vorlegen und damit die Einreisebestimmungen einhalten.

Abgleich mit dem Fahndungscomputer

Zurück in der Kontrollbox der Bundespolizei am Einreisegate 0-2 am Dortmunder Flughafen. Nur langsam wird die Warteschlange kürzer, denn die Kontrollen brauchen Zeit. Scanner lesen die Reisepässe und Ausweise und gleichen die Daten mit Fahndungscomputern ab. Zeitgleich prüft die Bundespolizei weitere Reisedokumente. Liegt eine Auslandskrankenversicherung (Kosten: circa 25 Euro) vor? Kann der Passagier mit Bargeld oder einer Kreditkarte nachweisen, dass er seinen Aufenthalt in Deutschland finanzieren kann? Ist das 90-Tage-Visum noch gültig oder schon abgelaufen? Eine schnelle Kontrolle nimmt rund 45 Sekunden in Anspruch.

In komplizierten Fällen, wenn also die Nachweise fehlen und die Angaben widersprüchlich oder nicht nachvollziehbar sind, dauert es deutlich länger. Selten sprechen die Passagiere in diesen Problemfällen Deutsch oder Englisch. Die Bundespolizei bittet andere Passagiere um Hilfe oder bringt für größere Kontrollen sofort Dolmetscher mit.

Pkw-Käufer kommen mit dem Flugzeug

Mitten in der Passkontrolle fallen zwei junge Männer auf. Einer von ihnen gibt an, in Deutschland einen Pkw abholen zu wollen. Der Verkäufer warte am Flughafen schon auf ihn. Ein georgischer Passagier vor ihm konnte ein dickes Bargeld-Bündel vorzeigen, um einen beabsichtigten Autokauf nachweisen zu können. Die beiden jungen Männer können das nicht. Ihre Angaben sind nicht eindeutig. Sie wirken nervös. Bundespolizeisprecher Volker Stall: „So eine Kontrolle läuft mit Bauchgefühl und dem Blick in den Fahndungscomputer ab.“ Die Polizistin entscheidet sich für eine intensivere Kontrolle und „parkt“ die Fluggäste neben der Box.

Als die Schlange abgearbeitet ist, geht es mit den beiden Passagieren erst zum Gepäckband und dann zum Flughafenausgang. Dort soll der Abholer stehen. Doch er erscheint nicht. Einer der beiden Georgier kann ihn nicht anrufen, weil sein Mobiltelefon keinen Strom mehr hat. Auf der Wache sorgt die Polizei für einen Ladekabel-Adapter. Während das Samsung-Handy lädt, durchsucht ein Beamter das Reisegepäck. Zum Vorschein kommen in einem Karton verpackte Motorteile, die den gekauften Pkw auf Fahrt bringen sollen. Dann mit dem ans Stromnetz angeschlossene Handy der Anruf beim Abholer. Der Fall klärt sich in deutscher Sprache auf. Der Verdacht, dass sie ein Touristenvisum missbräuchlich verwenden wollten, bestätigt sich bei diesen Männern nicht. Auch der Fahndungscomputer meldet keinen Treffer. Die Georgier erhalten ihre Pässe zurück und dürfen die Wache wieder verlassen.

Gesuchte Straftäter

Seit Billigflieger den Dortmunder Flughafen mit Städten in Ost- und Südosteuropa verbinden, hat die Bundespolizei pro Woche bis zu 5 Treffer. Per Haftbefehl gesuchte Tatverdächtige oder verurteilte Straftäter, die ihre Haft nicht angetreten haben, fallen immer wieder bei den Einreisekontrollen auf. Der WizzAir-Flug W6 6405 aus Kutaissi war unauffällig. Die Bundespolizei kontrolliert weiter. Sie möchte, dass sich in Georgien herumspricht, dass die Kontrollen in Dortmund nicht dem Zufall überlassen sind.

Auf dem Landweg ist Dortmund rund 3520 Kilometer von Kutaissi entfernt. Flüge aus der Stadt in Georgien landen montags, mittwochs und freitags in Dortmund.
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