Brandruine in Oestrich: Investor plant großes Neubau-Projekt

dzGroßbrand in Oestrich

Beim Großbrand am Sonntag (14.6.) in Dortmund-Oestrich kamen keine Menschen zu Schaden. Aus gutem Grund: Der Gebäudekomplex steht seit einiger Zeit leer. Ein Investor hat hier große Pläne.

Oestrich

, 16.06.2020, 17:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Melcher Segger steht im offenen Schiebetor zum Hof an der Uhustraße 1 in Oestrich. Hier war bis vor wenigen Jahren die Ausfahrt eines Getränkemarktes. Gut 35 Meter lag der entfernt – in zweiter Baureihe und inmitten eines verschachtelten Gebäudekomplexes.

Segger schaut auf ein Wohnhaus direkt vorne im Hof – oder auf das, was von der Immobilie übrig geblieben ist. Oberhalb der Giebelfenster befinden sich Rußspuren. Der Dachstuhl ist seit Sonntagnachmittag (14.6.) offen. Es ist einer der Gebäudeteile, in denen der Großbrand wütete.

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Melcher Segger ist Projektleiter in der Lindhorst-Gruppe. Das 1931 gegründete Familienunternehmen bietet eigenen Angaben zufolge „Dienstleistungen in den Bereichen Landwirtschaft, Bioenergie, Immobilien und Seniorenpflege“. Die Lindhorst-Gruppe sitzt in Winsen an der Aller im niedersächsischen Kreis Celle.

Der Kamin der ehemaligen Brotfabrik hat eine Mütze

Der Unternehmensgruppe gehört der Gebäudekomplex Hansemannstraße 8-14 inklusive der dahinter liegenden ehemaligen Gewerbeimmobilien. Eine davon war die Anfang des vorigen Jahrhunderts eröffnete Brotfabrik Lorenz Peine. Der Schornstein des Backhauses ist noch heute eine Marke in der Silhouette der verwinkelten Häuser und Hallen.

Oder das, was vom Schornstein übrig ist. Vor Jahren drohte er zu kippen, vermutlich auch wegen Bergschäden. Die langjährige Eigentümerin ließ den backsteinernen Schlot zu einem großen Teil abtragen. Den Schutt warfen die Arbeiter in den Schlot. Asche und Staub stieg am Sonntag aus ihm auf, berichten Anwohner. Unten wütete das Feuer. Am Montagmorgen lag Löschschaum wie eine Mütze über der Kaminöffnung.

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Der Gebäuderiegel an der Hansemannstraße sieht heruntergekommen aus. Zuletzt war im Haus mit der Nummer 14 eine Fahrschule. Zwei Eingänge weiter, Hansemannstraße 8-10, war bis vor wenigen Jahren ein Getränkemarkt. In dessen als Parkplatz dienender Vorhalle brannte am Sonntagnachmittag Gerümpel. Das Feuer löste den Einsatz aus. Der erste Herd war schnell gelöscht.

Firmenschilder erzählen von besseren Zeiten

Markant das Eckhaus im Jugendstil. Der ehemalige Eigentümer Schneiker betrieb hier ein Ingenieurbüro. Das 1948 gegründete Unternehmen machte sich einen Namen mit Aerophotogrammetrie – ebenso teure wie begehrte und genehmigungspflichtige Luftbildaufnahmen aus Zeiten lange vor Google-Earth.

Markant ist das Eckhaus im Jugendstil. Zuletzt war hier eine Fahrschule ansässig, zwei Eingänge weiter ein Getränkemarkt.

Markant ist das Eckhaus im Jugendstil. Zuletzt war hier eine Fahrschule ansässig, zwei Eingänge weiter ein Getränkemarkt. © Uwe von Schirp

Abgeblätterte und verblichene Firmenschilder erzählen von besseren Zeiten, die das Gebäudeensemble erlebt hat. Nachbarn erzählen von zuletzt mehreren Eigentümern, bis die Lindhorst-Gruppe das Areal erworben hat. Wohnungen und Gewerberäume sind leer gezogen. „Spätestens seit Ende 2019 wohnt hier keiner mehr“, sagt Melcher Segger.

Letzter Pächter sei Hasan Güler, der an der Castroper Straße den beliebten Holzkohlegrill betrieben hat. Der Imbiss ist auch seit Monaten geschlossen. Hasan Güler wird in naher Zukunft Dönertaschen, Grillspieße und Pommes Frites an der Castroper Straße 92 verkaufen, verkündet ein Plakat im Fenster. Sein bisheriges Domizil ist das andere Ende des Lindhorst-Areals.

Lindhorst-Gruppe plant zwei neue Gebäude

Die Firmen-Gruppe werde den gesamten Komplex abreißen, berichtet Melcher Segger. Das Unternehmen will anschließend an der Hansemannstraße auf rund 2500 Quadratmetern Grundstücksfläche ein Altenwohn- und Pflegeheim mit 80 Plätzen errichten. An der Castroper Straße soll auf 1500 Quadratmetern Grund ein Appartementhaus mit 20 Seniorenwohnungen entstehen.

Das Areal erstreckt sich bis zur Castroper Straße (im Hintergrund). Die Gewerberäume brannten komplett aus und sind einsturzgefährdet.

Das Areal erstreckt sich bis zur Castroper Straße (im Hintergrund). Die Gewerberäume brannten komplett aus und sind einsturzgefährdet. © Helmut Kaczmarek

Melcher Segger bestätigt an diesem Montagmittag am Hoftor des Brandortes Gerüchte, die seit Monaten in Oestrich kursieren. Zwischen den beiden Gebäuden ist Recherchen zufolge ein großer Garten auf dem Dach einer Tiefgarage geplant.

Am Sonntagnachmittag um 16.10 Uhr bekommt Segger einen Anruf mit der Nachricht vom Brand. Am Montagmorgen ist er auf dem Weg von Winsen an der Aller nach Oestrich. Unterwegs hört er, dass die Löscharbeiten andauern. „Ich gehe da auch nicht rein“, sagt der Projektleiter und blickt skeptisch auf die einsturzgefährdete Brandruine.

Investor will schnellstmöglich entrümpeln

Ob das Feuer einen Einfluss auf den geplanten Abbruch hat, vermag er nicht einzuschätzen. „Wir sollten jetzt schnellstmöglich entrümpeln“, sagt Segger. „Dann muss der Gutachter rein für das Abbruch- und Entsorgungskonzept.“ Wenn auf dessen Basis die Baugenehmigung erteilt sei, rechnet er mit dem Beginn des Abrisses zum Jahreswechsel.

Im Haus rechts haben Nachbarn unbebetene nächtliche Gäste beobachtet.

Im Haus rechts haben Nachbarn unbebetene nächtliche Gäste beobachtet. © Uwe von Schirp

Aber: „Entrümpeln?“ Mehrfach habe er die Gebäude begangen, erzählt Segger. „Man könnte meinen, die Mieter hätten die Wohnung verlassen und kommen gleich wieder.“ Er berichtet von Schlafgelegenheiten, die es vor dem Brand in den Wohnungen weiterhin gegeben habe. „Man hat gesehen, dass jemand drin war. Gruselig.“

Besucher im leerstehenden Haus

Über Besuche in dem leerstehenden Wohnhaus im Hof berichtet auch Birgit Mehnert-Winter. Ihr und ihrem Mann gehört das Wohnhaus gleich nebenan. „Mein Schwiegersohn hat häufiger abends Licht dort gesehen“, erzählt sie. „Das müssen Taschenlampen gewesen sein. Denn der Strom war ja abgestellt.“ Tochter, Schwiegersohn und Enkel bewohnen die oberen Etagen des dreistöckigen Hauses.

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Eine Bekannte habe zudem am Donnerstag vergangener Woche (11.6.) drei Männer beobachtet, die in das Haus Hansemannstraße 12 gegangen seien. Das müsse allerdings nichts bedeuten. „Wer immer das auch war.“

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