Keine Angst vor Armut: Wir brauchen einen Plan gegen Wohnungslosigkeit

dzKolumne Klare Kante

Bettler, Obdachlose und Drogenabhängige werden in der City immer sichtbarer. Einige Dortmunder stört das. Unser Autor meint: Es wird Zeit für eine konsequente Strategie gegen Wohnungslosigkeit.

Dortmund

, 31.08.2020, 04:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

In der Dortmunder Innenstadt hat sich in den vergangenen Monaten etwas verändert. Menschen, die an den Rand der Gesellschaft und darüber hinaus gedrängt worden sind, suchen sich ihren Raum. Diese Menschen haben Plätze zum Aufhalten und Schlafen, sie fragen andere nach Geld, sie konsumieren in der Öffentlichkeit Alkohol und Drogen.

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Der Hansaplatz und die Wißstraße in der Nachbarschaft des Stadtgartens sind zu Schwerpunkten geworden.

Der Weg über den Westenhellweg wird zur dauerhaften Konfrontation mit Armut

Der Weg über Westen- oder Ostenhellweg kann in den vergangenen Wochen durchaus so aussehen: Alle paar Hundert Meter kommt die Frage nach etwas Kleingeld, oft verbunden mit einer persönlichen Geschichte. Der Weg führt vorbei an Schlaflagern in Eingängen von leerstehenden Ladenlokalen und Gruppen von wohnungslosen Menschen.

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Dass dies in einer Stadt wie Dortmund, in der soziale Gegensätze schon immer sehr präsent waren, überhaupt auffällt, zeigt, dass sich die Lage verändert hat.

Von unterschiedlichen Seiten wird eine übereinstimmende Einschätzung formuliert: Die Corona-Krise wirkt wie ein Katalysator für Armut und Wohnungslosigkeit.

Die Zahl der Menschen auf der Straße wächst. Zwar noch leicht, aber die unsichere Zukunft lässt Akteure aus der Wohnungslosenhilfe eine weitere Zunahme erwarten. Gleichzeitig sind wichtige Angebote weggebrochen, die wohnungslosen Menschen Struktur gegeben haben.

Bloß nicht reagieren: Viele reagieren mit Vermeidungsstrategien

Viele Dortmunder reagieren auf die zunehmende Konfrontation mit Vermeidungsstrategien: Kopfhörer auf, noch tiefer ins Smartphone blicken oder ein „sorry, gerade nicht“ nuscheln. Selbst, wer offenen Herzens und hilfsbereit durchs Leben geht, gerät an seine Grenzen. Wo fange ich an zu helfen, wo höre ich auf?

Als Begründung für ausbleibende Hilfe kommt häufig das Argument, dass in Deutschland ja niemand auf der Straße leben muss. Jeder sei Schuld an der eigenen Situation. Das wird nicht richtiger, nur weil es in jeder Diskussion wiederholt wird.

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Zwar fußt ein Teil der Existenz immer auf eigenen Entscheidungen. Aber viele Menschen geraten unverschuldet in ihre ausweglose Situation. Ganz offensichtlich reichen die Sicherungssysteme eben nicht aus, um zu verhindern, dass jemand in einen Kreislauf aus finanziellen, psychischen und sozialen Problemen gerät.

Warum fühlen wir uns gestört?

Warum fühlen sich manche eigentlich davon gestört? Ich erkläre mir das so: Sie wollen nicht mit Armut und Elend konfrontiert werden. Ignoranz ist einfach. Das gilt erst recht im Umfeld der Dortmunder Innenstadt, das von Konsum und Hektik geprägt ist. Ein Mensch in zerrissener Kleidung wirkt noch kontrastreicher, wenn er vor einem Schaufenster mit Anzügen im Wert von mehreren Hundert Euro sitzt.

Aus Sicht von Händlern in der Dortmunder City ist es legitim, sich über zunehmende Verwahrlosung des Umfelds zu beklagen. Denn das beeinflusst das Geschäft, das durch die anhaltende Krise ohnehin schon bedroht ist. Und auch das persönliche Gefühl der Störung ist für sich betrachtet nicht verwerflich, sondern menschlich.

Armut ist nicht bedrohlich

Doch jeder sollte sich dessen bewusst werden, dass diese Gegensätze in der Gesellschaft nun einmal existieren. Dass Armut nichts Bedrohliches ist. Sondern etwas, das zu einer Stadt wie Dortmund genauso dazugehört wie die bürgerlich-normale Lebensrealität oder die Luxusvilla am Stadtrand.

Die entscheidende Frage ist: Welche Schlüsse ziehen wir aus den Beobachtungen der vergangenen Monate? Eine schnelle Antwort vieler Menschen lautet: Mehr Kontrolle, mehr Druck, die Menschen müssen aus der Öffentlichkeit verschwinden.

Durch mehr Kontrolldruck oder Strafen wird das Problem aber nur verdrängt. Ob Trinkerszene, Drogenszene oder Wohnungslose: In Dortmund ließe sich für die vergangenen Jahrzehnte eine Bewegungskarte zeichnen, die zeigen würde, wie sich die Schwerpunkte immer wieder verlagert haben. Und wie einige Bereiche wie der Hauptbahnhof oder der Stadtgarten einfach immer zentrale Punkte bleiben.

Verdrängung löst kein Problem

Verdrängung löst also rein gar nichts. Die Gegenposition lautet, deutlich mehr Geld für Prävention und Wohnungslosenhilfe auszugeben. Bisher lief es so: Kaum ist das geäußert, schreit die Gegenseite wieder auf: Es wird doch schon so viel getan für Bedürftige, das Geld versickert doch nur wieder irgendwo!

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Richtig: Mit mehr Geld allein ist es nicht getan. Es braucht vielmehr eine konsequente Haltung zur Frage, was für eine Stadt Dortmund sein möchte. Eine Stadt darf nicht wegschauen, wenn Orte verwahrlosen. Kriminelle Handlungen und Belästigungen müssen unterbunden werden.

Knöllchen für Wohnungslose werden das Problem nicht lösen

Aber sie muss dann das Problem an der Wurzel anpacken. Ein bisschen Saubermachen und Knöllchen verteilen wird nicht reichen, um mit einer steigenden Zahl an Wohnungslosen umzugehen.

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Manches ist in Dortmund auf dem Weg. Doch vieles ist nur langsam vorangegangen in der Wohnungslosenhilfe. Jede Diskussion ist zäh, ob über Wärmebus, Übernachtungsstellen oder Duschräume. Hinzu kommt die Auseinandersetzung darüber, wie viele Wohnungslose es denn jetzt wirklich sind und wer richtig zählt und wer nicht.

Eine solidarische Stadt darf keinen seiner Bewohner allein lassen. Ob er den Normen von Aussehen und Leistungsfähigkeit entspricht, darf dabei keine Rolle spielen.

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