Schwestern, Pfleger und Ärzte helfen in der Not. Nicht immer hören sie ein Danke. Im Gegenteil: Es gibt Patienten und Angehörige, die herumpöbeln oder gar zuschlagen. Es werden immer mehr.

Dortmund

, 29.04.2019 / Lesedauer: 4 min

Schläge, Tritte und die Faust ins Gesicht: Es gibt Momente, in denen ist die ohnehin schon anspruchsvolle Arbeit in den Notaufnahmen des Klinikums Mitte und des Klinikums Nord brisant – wenn Patienten oder Angehörige ausrasten und das Personal beleidigen oder sogar verletzen. Der Leiter der Notaufnahme im Klinikum Mitte, Dr. Udo Schniedermeier, unterscheidet zwischen zwei Randalierer-Typen:

  • Mit Alkohol oder anderen Drogen vollgepumpte Personen, die nicht Herr ihrer Sinne und aggressiv sind.
  • Angehörige, die mit Gewalt durchzusetzen versuchen, dass sie zu Patienten durchgelassen werden.

In den meisten Fällen seien es unter Alkohol- oder Drogeneinfluss stehende Patienten, die aggressiv sind. „Dass es eskalieren kann, ist bei ihnen nicht immer auf den ersten Blick zu erkennen“, sagt Dr. Schniedermeier, „die können zwar nichts dafür, wenn sie handgreiflich werden, aber wir ärgern uns trotzdem.“ Anders ist das bei den Problemfällen der zweiten Kategorie.

Über den Tresen geklettert

Das sind in der Regel die Angehörigen von Patienten. So kämen mit langen Wartezeiten nicht klar oder hörten einen Schmerzschrei aus einem Behandlungszimmer und wollten sofort durch zum Patienten. „Da hat auch schon mal jemand die Scheibe aufgeschoben, ist über den Tresen geklettert und durch die Notaufnahme gelaufen“, sagt der Mediziner. Solche Zwischenfälle störten die Arbeitsabläufe und führten zu noch längeren Wartezeiten.

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Die Polizei hat die Teams der Notaufnahme beraten, wie Stressmomente entspannt werden können. „Wir hatten ein Deeskalationstraining. Das müssen wir auch mal auffrischen“, sagt Dr. Schniedermeier. Das Personal müsse kritische Situationen erkennen können. Bevor sie eskalieren. Also: Mit Kommunikationstechniken abkühlend auf einen Pöbler einwirken können und dabei „niemals den Fluchtweg verbauen“, rät Dr. Udo Schniedermeier. Denn wenn „ein Angreifer auf 180 ist, dann ist das Großhirn ausgeschaltet.“

Die Teams haben auch gelernt, wie sie einen Notruf unter Tel. 110 absetzen, damit die Polizei auf Basis präziser Informationen sofort die Dringlichkeit des Falls einschätzen kann.

Beleidigungen, Tritte, Schläge: Fast jede Woche ein Übergriff in der Notaufnahme

Die Notaufnahme im Klinikum ist der Ort mit den meisten Übergriffen von Patienten und Besuchern auf das Personal. © Peter Bandermann

„Immer wieder“ gibt es Probleme auch im St.-Johannes-Hospital, berichtet Sprecherin Gudula Stroetzel. Auch längere Wartezeiten seien Auslöser für unflätiges Verhalten. Das Krankenhaus setzt an Wochentagen von 20 bis 6 Uhr sowie an Wochenenden rund um die Uhr einen Sicherheitsdienst ein.

Nach einem Angriff auf einen Arzt in der hausärztlichen Notfallambulanz niedergelassener Ärzte neben der Notaufnahme im Klinikum befürwortet die Kassenärztliche Vereinigung einen Alarmknopf, mit dem das Praxispersonal den Sicherheitsdienst alarmieren kann.

Alle Fälle angezeigt

Ortwin Schäfer, Arbeitsdirektor im Klinikum, teilt auf Anfrage mit, dass Übergriffe von Patienten und Besuchern „nahezu wöchentlich vorkommen.“ Zwischen November 2017 und Mai 2018 musste die Polizei auf 582 Notrufe reagieren. Davon 335 im Klinikum Nord. Anfang 2018 hatte sich die Zahl der Randale-Fälle dort deutlich erhöht.

Der Arbeitsdirektor erkennt einen „dringenden Handlungsbedarf“. Die Geschäftsführung des Klinikums hat bereits im Juni 2018 die Einsatzzeiten eines Sicherheitsdienstes ausgedehnt. Er soll bei Ausrastern schnell einschreiten.

Überall ein Problem

In großen Kliniken sei das bundesweit ein Problem, berichtet Ortwin Schäfer. Das Personal im Klinikum sei angehalten, jeden Fall anzuzeigen. Das Verfahren aus einer schnell digital übermittelten Anzeige und der anschließenden persönlichen Aussage mit Unterschrift auf dem Anzeigeformular zeige inzwischen Erfolge:

„Seit sich herumgesprochen hat, dass wir konsequent handhaben, haben die Beleidigungen, Bedrohungen und manchmal auch körperliche Übergriffe etwas abgenommen“, berichtet Ortwin Schäfer. Durch die vielen Anzeigen seien der Polizei mehrere Mehrfachtäter aufgefallen. Das Klinikum hofft, dass sie die richtigen Konsequenzen zu spüren bekommen.

Wachdienst im Klinikum

Die Geschäftsführung des Klinikums hatte zuvor auf Mitarbeiter-Berichte in einem internen Meldesystem reagiert: „Wir haben gemerkt: Die Probleme sitzen tiefer. Mehr in der Klinik im Norden als in Mitte“, berichtet der Arbeitsdirektor. Seit 2018 setzt das Klinikum zwischen 15 und 7 Uhr einen Wachdienst ein. Der speziell ausgebildete Sicherheitsdienst soll „Krakeelern ein wenig Respekt einflößen“.

Beleidigungen, Tritte, Schläge: Fast jede Woche ein Übergriff in der Notaufnahme

In der Notaufnahme der Unfallklinik am Fredenbaum in Dortmund ist das Personal am häufigsten den Pöbeleien von Patienten und Angehörigen ausgesetzt. © Dieter Menne

In der Unfallklinik Nord kann Personal bei Gefahr spezielle Notfalltelefone nutzen. Die Anlage löst Alarm in bis zu 15 Zimmern aus, so dass Kolleginnen und Kollegen sofort zur Hilfe eilen können. Ortwin Schäfer: „Ein Randalierer steht dann schnell zehn bis 15 Leuten gegenüber. Allein das kann beruhigen.“

Strafanzeigen, ein Sicherheitsdienst, Deeskalationstrainings: Das Klinikum hofft, auf diese Weise auch langfristig mehr Ruhe in den Betrieb zu bekommen. Nachvollziehen könne die Ausraster keiner, sagte Ortwin Schäfer: „Die Kolleginnen und Kollegen wollen in Not geratenen Patienten helfen – und werden trotzdem bespuckt, beleidigt, bedroht oder angegriffen. Das versteht niemand bei uns.“

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Im Maßregelvollzug der Wilfried-Rasch-Klinik in Aplerbeck hat es seit der Eröffnung im Jahr 2006 maximal fünf Angriffe gegeben, nach denen Personal krankgeschrieben worden ist. In der Klinik sind psychisch kranke Männer untergebracht, die als Folge ihrer Erkrankung Straftaten begangen haben. Sie sollen dort therapiert werden.
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