Barfußläufer Alexander (37) ist schuhlos glücklich – Expertin warnt

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„Zeigt her eure Füße, zeigt her eure Schuh“, heißt es in einem bekannten Volkslied. Letzteres gilt allerdings nicht für Barfußläufer Alexander Tok. Experten sehen den Trend kritisch.

Dortmund

, 25.08.2019, 10:20 Uhr / Lesedauer: 3 min

Diese Füße sind bemerkenswert gepflegt. Die Nägel kurz, gefeilt und sauber. Auf den beiden mittleren Zehen stecken kleine silberne Ringe, am rechten Knöchel sitzt ein mehrreihiges braunes Lederband. Und die Sohle? Fast schwarz.

Seit einem halben Jahr haben diese Füße weitaus weniger Schuhwerk gesehen als üblich, denn Alexander Tok ist neuerdings Barfußläufer. Der Dortmunder ist seit Februar im Privaten ganz unten rum am liebsten nackig unterwegs. „Es ist einfach befreiend.“

Rückenschmerzen und Nackenprobleme

2017 hatte der heute 37-Jährige zunächst begonnen, sich mit Barfußschuhen zu beschäftigen. Sie bieten den Zehen mehr Platz und sind insgesamt flexibler. „Ich hatte Probleme im unteren Rücken, mit den Knien und oft auch Nackenverspannungen. Ich wollte meinem Körper einfach etwas Gutes tun“, sagt Tok, der Polizist ist und bei seiner Arbeit in der Einsatzzentrale Dienstschuhe tragen muss.

Barfußläufer Alexander (37) ist schuhlos glücklich – Expertin warnt

Inzwischen traut sich Alexander Tok auch ohne Schuhe in den Supermarkt. Anfangs war er zögerlich. © Oliver Schaper

Über eine Facebook-Gruppe kommt er schließlich zum Barfußlaufen. Erst probiert es der zweifache Familienvater im Urlaub, später nach und nach auch zu Hause in Derne. „19 Muskeln hat der Fuß. Schuhe legen zwei Drittel davon lahm, weil sie den Fuß einengen“, begründet Tok seinen Lebenswandel. Inzwischen hat er viel gelesen und sich über die Sozialen Medien mit anderen Barfußläufern ausgetauscht.

Lappen für die Füße liegt griffbereit

Als er seiner Frau im Frühjahr offenbart, dass er künftig möglichst oft ohne Schuhe laufen will, ist sie nicht begeistert. „Es gab anfangs Regeln. Wenn wir zusammen zum Einkaufen fuhren, musste ich Schuhe anziehen.“ Dabei sei es nicht so gewesen, dass sich seine Frau für ihn geschämt hätte. „Sie hatte eher Angst, dass ich von anderen Menschen ausgegrenzt würde.“ Auch für den Dreck zu Hause gab es schnell eine Lösung: Der Lappen zum Abwischen der Füße liegt direkt im Gäste-WC neben der Eingangstür. Und vor jedem Zubettgehen kommt der Bimsstein zum Einsatz.

Inzwischen steht seine Frau voll hinter ihm, und auch ihre Befürchtungen haben sich nicht bestätigt. „Ganz im Gegenteil. Die Reaktionen sind überwiegend positiv“, sagt Tok. Zwar habe er beim ersten schuhfreien Supermarkt-Besuch ganz schön Magengrummeln vor Nervosität gehabt, aber bis auf „Schöne Zehenringe!“ seien Kommentare von anderen ausgeblieben. Heute geht er nicht mehr nur barfuß zum Joggen oder auf den Spielplatz, sondern auch zur Bank, zum Friseur oder ins Restaurant.

Oft würden Menschen ihm erzählen, dass sie auch gern barfuß laufen möchten, sich aber nicht trauen. „Das Hindernis ist nur im Kopf“, meint Tok, der seit ein paar Wochen seine Erfahrungen in Videos auf seinem Youtube-Kanal „Barfuss im Pott“ und auf seiner gleichnamigen Facebook-Seite teilt.

Ausbildung zum „Barefoot Movement Coach“

Gern würde Alexander Tok mehr Menschen dazu bringen, sich mit ihrer Fußgesundheit zu beschäftigen. Deswegen wird er sich im Herbst im Schulungszentrum der „Barefoot Academy“ in Düsseldorf zum „Barefoot Movement Coach“ ausbilden lassen. Im Anschluss möchte er selbst Workshops geben, in denen er beispielsweise Fußübungen vermittelt oder Hilfestellung bei Fußfehlstellungen gibt. „Aber nur im Nebenerwerb“, stellt Tok klar, „ich bin leidenschaftlich gerne Polizist.“

Laut einer 2012 vom „California Institute for Human Science“ veröffentlichten Studie habe bereits das tägliche 30-minütige Laufen ohne Schuhe positive Effekte für die Gesundheit und das Wohlbefinden. Wichtig ist ein langsamer Einstieg, um die Füße an die neue Gehsituation zu gewöhnen. Auch spezielle Barfußwege wie beispielsweise im Barfußpark Kissinger Höhe in Hamm können ein guter Anfang sein.

Barfußläufer Alexander (37) ist schuhlos glücklich – Expertin warnt

„Klar gibt es manchmal blöde Blicke. Aber negative Gespräche gab es bisher nicht“, sagt Alexander Tok. © Oliver Schaper

Podologin warnt: Asphalt ist kein Waldboden

„Gegen Barfußlaufen ist nichts einzuwenden, wenn Körper und Füße gesund sind“, sagt Podologin Sonia Lechtenbörger vom „ZFF Dortmund – Zentrum für Haut- und Fußgesundheit“ an der Chemnitzer Straße. Sie warnt jedoch: „Früher sind die Menschen auf Waldboden gelaufen, heute sind es auch Asphalt oder Fliesen. Das kann auf Dauer die Gelenke schädigen, weil der Druck ohne dämpfende Sohle zu hoch ist.“ Besonders Gelenkhaut und -kapsel seien sehr empfindlich. Knie und Bandscheiben könnten mit der Zeit leiden.

Wer zum Barfußläufer werden möchte, dem rät Sonia Lechtenbörger, das zuvor mit einem Arzt zu besprechen. Wer Schulter- oder Hüftprobleme hat, sei mit regelmäßiger Fußgymnastik dran. „Es hat ja keinen Sinn, die Füße fit zu halten, wenn der Rest des Körpers beim Barfußlaufen wegen Schmerzen in eine Schonhaltung geht.“ Das würde nur zu weiteren Beschwerden führen. Die Podologin empfiehlt: „Laufen Sie gerne barfuß, aber tragen Sie Badelatschen mit einer Sohlendicke von mindestens einem Zentimeter.“

Barfußläufer Alexander (37) ist schuhlos glücklich – Expertin warnt

Alexander Tok geht nie mit schmutzigen Füßen ins Bett. Jeden Abend reinigt er sie mit einem Bimsstein. „Davon werden sie auch schön glatt“, so der 37-Jährige. Der seine Füße auch alle zwei bis drei Tage eincremt. Zum Beispiel mit Kokosöl. © Oliver Schaper

Beschwerden hat Alexander Tok nicht, seitdem er so oft ohne Schuhe läuft. Obwohl: Manchmal piekt es dann doch ganz schön unter der Fußsohle, auch wenn sich inzwischen eine feste Hautschicht gebildet hat. „Sobald der Entspannungsfaktor nachlässt, weil es zu sehr wehtut, ziehe ich lieber meine Barfußschuhe an“, sagt er.

Und was ist, wenn es ekelig wird? „Dann Schlimmste, was ich mir vorstellen kann, sind öffentliche Toiletten. Da würde ich nicht unbedingt barfuß reingehen wollen.“ Für den Notfall ist Alexander Tok aber stets bestens präpariert: Mit einem Paar zusammengerollter Neoprenschuhe in der Gürteltasche.

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