Die Auszubildenden von heute sind die Fachkräfte von morgen. Deshalb sieht man seitens der IHK weiterhin ein großes Ausbildungsengagement bei Dortmunder Firmenchefs. Reicht das auch im nächsten Jahr aus? © dpa
Coronavirus

Ausbildungsmarkt ist in Dortmund angespannt – und könnte so bleiben

Im Corona-Jahr gab es in Dortmund weniger Ausbildungsstellen und weniger Bewerber. Auch wenn 78 Jugendliche noch für dieses Jahr hoffen können, stellt sich die Frage: Wie sind die Aussichten für 2021?

Die Auswirkungen der Pandemie haben die Situation auf dem Ausbildungsmarkt in diesem Jahr deutlich geprägt. Auch wenn sich deutlich weniger jugendliche Bewerber als in den Vorjahren meldeten, sind in Dortmund aktuell noch 78 Jugendliche auf der Suche nach einem Ausbildungsplatz.

Und diese 78 Jugendlichen haben die Chance, noch in diesem Jahr eine Lehrstelle zu bekommen. Das betonte Heike Bettermann, die Chefin der Dortmunder Agentur für Arbeit, nun in einer Video-Pressekonferenz. „Es sind bei uns noch rund 150 offene Stellen in ganz verschiedenen Bereichen gemeldet. Unser Ziel ist es daher, am Jahresende keinen unversorgten Jugendlichen mehr in der Statistik und ohne Perspektive zu haben“, so Heike Bettermann.

Die Berufsschulen wüssten darum, dass sich die Ausbildungsprozesse in diesem Jahr nach hinten verschoben haben und würden die Spätstarter unterstützen. „Es muss also niemand Angst haben, dass er schon zu viel verpasst hat. Ja, man muss sich anstrengen, aber es gibt Hilfen“, sagt Heike Bettermann.

Berufsorientierung fand nicht wie gewohnt statt

Und auch die Wartezeit bis zum Beginn des Ausbildungsjahres 2020/21 könne schon jetzt gestaltet werden. „Theoretisch ist zwar auch ein Ausbildungsbeginn im Januar noch möglich, aber“, so Heike Bettermann, „es gibt auch Überbrückungsmöglichkeiten. Denkbar ist es beispielsweise, eine Einstiegsqualifizierung vorzuschalten und dann im nächsten Jahr die Ausbildung regulär zu beginnen.“

Heike Bettermann (Archivbild) © RN-Redaktion © RN-Redaktion

Dass weiterhin ausgebildet werden wird, ist eine positive Nachricht, die in der Video-Konferenz seitens der Handwerksammer und der Industrie- und Handelskammer betont wurde. Auch wenn die Handwerksammer in diesem Jahr 100 neue Ausbildungsverhältnisse weniger in Dortmund registrierte, so sei die Ausbildungsbereitschaft der Betriebe nach wie vor hoch. Das habe sich, so Olesja Mouelhi-Ort, Geschäftsführerin der Handwerkskammer, in einer Sonderumfrage kürzlich nochmal klar gezeigt.

Wie auch die Arbeitsagentur beobachtete sie in diesem Jahr eine große Verunsicherung bei den jungen Leuten. „Berufsorientierung konnte nicht wie sonst stattfinden, Praktika fielen weg, es gab kaum persönliche Begegnungen“, sagt sie. Ihr Kollege Michael Ifland von der IHK, wo man in diesem Jahr in Dortmund 16,8 Prozent weniger Ausbildungsverträge zählte, unterstreicht das. „Wir müssen 2021 unbedingt wieder in die Schulen und direkt ran an die Bewerber“, sagt er.

Ganze Branchen haben Ausbildung runtergefahren

Allerdings müsse sich parallel, das macht der IHK-Geschäftsführer auch deutlich, im nächsten Jahr die Situation in vielen Wirtschaftsbereichen wieder verbessern. Gerade die Branchen wie Gastgewerbe, Veranstaltungen, Einzelhandel sowie die Metall- und Elektroindustrie die durch Corona und dadurch bedingte Kurzarbeit stark betroffen sind, haben aktuell auch ihre Ausbildungsaktivitäten runtergefahren. Allerdings haben unsere Branchenumfragen deutlich gezeigt, dass das Ausbildungsengagement nicht strukturell reduziert wird“, so Michael Ifland.

Zum offiziellen Ende des Ausbildungsjahres 2019/2020 verbuchte die Agentur für Arbeit am 30. September sowohl einen Rückgang der gemeldeten betrieblichen Ausbildungsstellen als auch der gemeldeten Bewerberinnen und Bewerber im Vergleich zum Vorjahr. Es waren zu dem Zeitpunkt knapp 500 Ausbildungsstellen noch unbesetzt. Heute sind es noch die genannten 150.

Die Zahl der unversorgten Bewerber und Bewerberinnen lag Ende September bei 140. Das waren 42 mehr als zum gleichen Zeitpunkt des Vorjahres. Es sei einfach so, dass die Vorstellungen der jungen Menschen und die Anforderungen der Unternehmen immer noch allzu oft auseinander klaffen, so Agentur-Chefin Heike Bettermann.

Bei einem Drittel der unbesetzten Stellen liegt das Problem darin, dass es zu wenige interessierte Bewerber für den angebotenen Ausbildungsberuf gibt. Dies betrifft besonders Branchen wie das Lebensmittelhandwerk oder das Hotel- und Gastronomiegewerbe. Bei knapp einem Viertel der unbesetzten Stellen liegt das Problem in fehlender Mobilität, weil sich Ausbildungsbetriebe und Bewerber in unterschiedlichen Regionen befinden.

Rechnerisch ausgeglichener Markt reicht nicht

Weil also ein rechnerisch ausgeglichener Markt längst nicht reicht, braucht es im nächsten Jahr ein besonders großes Ausbildungsplatz-Angebot. Denn zu den dann 8563 Schulabgängern (in diesem Jahr waren es „nur“ 8436) kommen dann all jene, die wegen der fehlenden Hilfe bei der Berufsorientierung im Frühjahr den Start ins Berufsleben auf 2021 verschoben haben.

Jutta Reiter vom Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) in Dortmund fürchtet einen dauerhaften Substanzverlust an Ausbildungsstellen in der beruflichen Bildung.
Jutta Reiter vom Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) in Dortmund fürchtet einen dauerhaften Substanzverlust an Ausbildungsstellen in der beruflichen Bildung. © Archiv © Archiv

„Corona hat vielen jungen Menschen die beruflichen Planungen ganz kräftig verhagelt. Wir stellen fest, welch große Bedeutung die Berufsberatung hat“, sagt Dortmunds oberste Gewerkschafterin Jutta Reiter. Die Geschäftsführerin der DGB-Region Dortmund-Hellweg fordert: „Im nächsten Jahr werden neben den Schulabgängern viele weitere junge Menschen auf dem Ausbildungsmarkt sein. Dann müssen wir doppelt und dreifach hart arbeiten.“

Berufsstart

Adressen für die Ausbildungsplatzsuche

  • Heike Bettermann, Chefin der Arbeitsagentur, rät Jugendlichen: „Wichtig ist es, sich bei Fragen an die Berufsberatung im Jugendberufshaus zu wenden. Wir sind für die jungen Menschen da, und haben für alle ein Angebot. Neben einer dualen Berufsausbildung bieten sich auch jetzt noch vielfältige Alternativen. Allein 500 Jugendliche haben in diesem Herbst ein berufsvorbereitendes Angebot des Jugendberufshauses begonnen, das ist fast ein Viertel mehr als im Vorjahr.“
  • Informationen und Kontakt zum Jugendberufshaus der Arbeitsagentur gibt es unter: www.jugendberufshaus-dortmund.de
  • Die Wunschberufe der Bewerber, die im September noch einen Ausbildungsplatz suchten, waren: 1. Medizinische/r Fachangestellte/r, 2. Kaufmann/frau im Einzelhandel, 3. Kaufmann/frau im Büromanagement, 4. Verkäufer/in, 5. Industriekaufmann/frau
  • Die meisten unbesetzten Stellen gab es Ende September für folgende Ausbildungsberufe: 1. Handelsfachwirt/in, 2. Kaufmann/frau im Einzelhandel, 3. Fachverkäufer/in Bäckerei, 4. Zahnmedizinische/r Fachangestellte/r, 5. Fachkraft Schutz und Sicherheit
  • Die Lehrstellenbörse der Handwerkskammer ist online zu finden unter www.hwk-do.de, die der IHK unter www.ihk-lehrstellenboerse.de
Über den Autor
Redaktion Dortmund
Nach mehreren Stationen in Redaktionen rund um Dortmund bin ich seit dem 1. Juni 2015 in der Stadtredaktion Dortmund tätig. Als gebürtigem Dortmunder liegt mir die Stadt am Herzen. Hier interessieren mich nicht nur der Fußball, sondern auch die Kultur und die Wirtschaft. Seit dem 1. April 2020 arbeite ich in der Stadtredaktion als Wirtschaftsredakteur. In meiner Freizeit treibe ich gern Sport: Laufen, Mountainbike-Fahren, Tischtennis, Badminton. Außerdem bin ich Jazz-Fan, höre aber gerne auch Rockmusik (Springsteen, Clapton, Santana etc.).
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Peter Wulle

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