Aus zwei West-Stadtteilen werden die meisten Nazi-Schmierereien gemeldet

dzSpukis und Graffiti

Zwei Vororte im Dortmunder Westen sind Spitzenreiter in Sachen Nazi-Schmierereien. Ein Experte kann diesem unrühmlichen Platz 1 in der Statistik aber auch etwas Positives abgewinnen.

Marten, Lütgendortmund

, 23.06.2020, 14:06 Uhr / Lesedauer: 2 min

Spukis (Aufkleber) und Graffiti sind Markierungs-Symbole, die Rechtsextremisten für ihren sogenannten Raumkampf einsetzen, der im Nazi-Jargon Schaffung „national befreiter Räume“ heißt. Aus zwei Stadtteilen im Dortmunder Westen kommen stadtweit die häufigsten Meldungen.

„Raumkampf heißt, die Rechtsextremisten wollen schalten und walten, wie sie möchten, und sich zurückziehen können, ohne von der Polizei oder der demokratischen Zivilgesellschaft belästigt zu werden“, berichtet Michael Plackert von der städtischen Koordinierungsstelle für Vielfalt, Toleranz und Demokratie. Stufe eins in diesem Raumkampf seien die Provokationsgewinne mit dem Einsatz von Markierungs-Symbolen. „Ich vergleiche diesen Vorgang mit Hunden, die an Bäume pinkeln“, so Michael Plackert.

Nazi-Schmierereien: „Zivilgesellschaft ist hier sehr, sehr aufmerksam“

Platz 1 in der Dortmunder Statistik „Nazi-Schmierereien“ teilen sich laut Michael Plackert die Stadtteile Marten und Lütgendortmund. 2018 entdeckte man hier 693 Stellen mit Nazi-Graffiti und -aufklebern, 2019 waren es 406 und 2020 bislang 48. Die relativ niedrige Zahl im laufenden Jahr begründet Plackert unter anderem mit der Coronavirus-Pandemie.

„Tabellenführer zu sein, hört sich bedenklich an. Ich sehe das aber eigentlich positiv, weil es zeigt, dass die Zivilgesellschaft hier im Stadtteil sehr, sehr aufmerksam ist“, erklärt der Mitarbeiter der Koordinierungsstelle. Denn das Gros der Meldungen stamme aus der Bürgerschaft und genau darauf sei man angewiesen.

„Nur so können wir reagieren, die Markierungen unterbinden und beseitigen. Also bitte nicht nachlassen, auch wenn Sie damit die Tabellenführung in der Statistik einnehmen“, appellierte Michael Plackert in der Juni-Sitzung der Bezirksvertretung Lütgendortmund.

Nazi-Aufkleber und Schmierereien werden in Dortmund am häufigsten aus Marten und Lügendortmund gemeldet.

Nazi-Aufkleber und Schmierereien werden in Dortmund am häufigsten aus Marten und Lügendortmund gemeldet. © dpa

Der „sehr wachsamen und sensiblen Zivilgesellschaft“ sei es auch zu verdanken, dass die sogenannten Räumungsgewinne, Stufe 2 des Raumkampfs, im Bereich Sadelhof/In der Meile unterbunden wurden. „Hier fangen Rechtsextremisten an, andere Gruppen zu verdrängen, auch mit körperlichen Attacken“, erklärt Michael Plackert. Die Zivilgesellschaft vor Ort habe sofort reagiert und mit Unterstützung von Polizei und Kommune sei in diesem Bereich Ruhe eingekehrt.

AG Dortmund-West hat sich am 27. Mai 2020 aufgelöst

Generell sei es im Stadtbezirk Lütgendortmund ruhiger geworden. Denn die „AG Dortmund West“ hat sich laut Plackert am 27. Mai 2020 aufgelöst. Diese Gruppe sei „aktionsorientiert durch die Straßen gezogen“, nicht nur Spukis und Sachbeschädigungen seien auf ihr Konto gegangen.

„Sie haben anders denkende und aussehende Menschen beleidigt und bedroht.“ Michael Plackert vermutet, dass der Gruppe die „Luft ausgegangen“ ist, weil führende Köpfe im Gefängnis sitzen oder kurz vor dem Haftantritt stehen.

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Stufe drei des Raumkampfs, der Raumgewinn, sei in Marten/Lütgendortmund bislang nicht erreicht. „Nazis haben gewisse Räume besetzt. Das betrifft in Dortmund die Thusnelda-/Emscherstraße in Dorstfeld, wo rund 60 Rechtsextremisten wohnen. Hier kann man sich aber nach wie vor frei bewegen“, betont Plackert. Insgesamt gebe es in Dortmund 80 bis 100 Personen, die man dem Rechtsextremismus zuordnet.

Die vierte und letzte Stufe, „Normalisierungsgewinne“, sei Dortmund bislang erspart geblieben. „Dann ist ein Zustand erreicht, in dem Rechtsextremisten in einem Stadtteil als völlig normal und nicht mehr als etwas Ungewöhnliches wahrgenommen werden“, erklärt Plackert.

Radikalisierung: Internet ist Brandbeschleuniger

Rechtsextremisten nutzten das Internet als Brandbeschleuniger. „Lassen Sie uns alle gemeinsam wachsam sein“, so Michael Plackert. Und noch etwas wünscht er sich: „Wir würden gerne mehr Projekte zur Stärkung der Demokratie fördern, dafür brauchen wir mehr zivilgesellschaftliche Akteure.“

Projekte zur Stärkung der Demokratie

  • Interessenten, die ein Projekt zur Stärkung der Demokratie anbieten wollen, können sich bei der städtischen Koordinierungsstelle für Vielfalt, Toleranz und Demokratie unter Tel. 50-26 450 melden.
  • Geld wird zur Verfügung gestellt.
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